Widersprüche aushalten

Wenn diese Zeit etwas zeigt, dann, dass man Widersprüche aushalten muss, und ich selbst kann es gerade so gar nicht.

Das wird jetzt etwas wirr und sprunghaft, weil ich versuchen werde, mit dem großen Käscher alles einzufangen, was mir im Kopf rumschwirrt, und was nichts miteinander zu tun hat, aber irgendwie schon. Also los.

Fangen wir mit Otto an.

Gerade gibt es eine Diskussion darüber, ob in “Otto – Der Film” (1985) die N-Szene mit Günther Kaufmann rassistisch ist oder nicht. Da geht es schon los. Also nicht mit der Diskussion an sich, sondern mit der Diskussion über die Diskussion. Die klingt nämlich oft so, als würde Otto Waalkes als Mensch, den Co-Autoren des Films oder eben dem gesamten Film eine rassistische Grundhaltung vorgeworfen. Dieser imaginäre Vorwurf wiederum erleichtert es, darüber empört zu sein, dass es die Diskussion überhaupt gibt, denn das ist doch alles ganz offensichtlich Satire und nur hohle Snowflakes wollen sich darüber echauffieren. Ich verzichte jetzt darauf, die vielen Quellen in Zeitungen und Online-Medien zu dem Thema zu verlinken, damit niemandes Augenlicht durch einen versehentlichen Blick in die Kommentarsektionen gefährdet wird.

Der hier auszuhaltende Widerspruch ist: natürlich ist diese Szene eine Satire und witzig – und natürlich reproduziert die Szene gleichzeitig Rassismus. Dass der Film eine Metaebene hat und Rassismus thematisiert, dass er nicht böswillig oder menschenfeindlich daherkommt, mag alles stimmen, aber relativiert nicht, dass Stereotype nur weitergetragen werden. Eingeordnet in die Zeit – 35 fucking Jahre her – ist der Humor nicht ungewöhnlich. An einigen Stellen ist heute zu lesen und zu hören, es handele sich sogar um ein frühes Beispiel für Antirassismus im deutschen Film, und da gehe ich nicht mit. Nein, so sehr müssen wir die Szene nicht adeln, nur weil sie die damaligen Verhältnisse durch den ottomanischen Zerrspiegel zeigt. Das macht sie nicht zu “Starship Troopers”.

Jetzt gehe ich aber gleichzeitig nicht mit, den ganzen Film als rassistisch bezeichnen zu wollen (oder Otto), und ich halte auch nichts davon, ihn jetzt in irgendeiner Form zu boykottieren. Auch wenn eine Texttafel am Anfang wie “Dieser Film zeigt überholte Stereotypen” schon etwas babysitter- und gönnerhaftes hat, glaube ich, dass das schon reichen würde, alles einzuordnen. Fußnoten gehen in Filmen nicht (oder niemand hat Interesse, sie technisch umzusetzen), aber Bonusmaterial an dieser Stelle wäre ein Segen.

Die Rassismus-Diskussion an dieser Stelle für deplatziert erklären zu wollen, weil das ja nur Verweichlichung oder unnötige “Political Correctness” oder (beliebigen Kampfbegriff hier einfügen) ist, halte ich für mindestens faul. Man muss ja nicht gleich den Privilegienchecker am Taschenmesser rausklappen, aber etwas Selbstreflexion darüber, was man an Humorverständnis internalisiert hat, ist kann gelegentlich hilfreich sein.

Und damit wären wir bei Corona.

Meine Fresse, was haben wir bei Corona für Widersprüche auszuhalten. Vor allem der, dass das “kritische Denken” und “Hinterfragen”, das in einer Rassismus-Diskussion so hilfreich ist, hier zu dem schlimmstmöglichen Bullshit führt. 5G verteilt Viren, das ist eh nur eine Verschwörung der globalen Eliten und überhaupt alles nur eine kleine Grippe und völlig überreagiert. Wer als Laie bei einer globalen Pandemie anfängt “kritisch denken” zu wollen und “recherchiert”, reitet intellektuell zu seinen Ahnen ab. Ich glaube, alle edgy Meinungen zu Corona sind vor allem die übliche Selbstvermarktung und eine billige Masche, Aufmerksamkeit und Clicks zu generieren, indem man DIE WAHRHEIT verkündet. Halt schade, dass diejenigen, die eine Wahrheit wie den menschengemachten Klimawandel verkünden, nicht genauso ernst genommen werden wie die Tänzer zu dieser Bullshitpolka.

Daheim bleiben, um Leben zu retten. Maske tragen, um andere nicht zu gefährden. Hände und Füße still halten, statt etwas zu tun. Die Welt verbessern, indem man die Welt in Ruhe lässt. Mehr Widersprüche gehen kaum. Als das Ganze im März losging und die Fachleute sagten, dass jetzt nicht innerhalb von ein paar Wochen mit einem Impfstoff zu rechnen sei, habe ich genug Leute erlebt, die sich entschlossen dagegen gewehrt haben, diese “neue Normalität” zu akzeptieren. Gerade so, als würde diese ewig gelten müssen oder als sei sie uns willkürlich aufgedrückt worden.

Mir graut es vorm Herbst. Jetzt, wo ich das schreibe, stehen wir knapp vorm August, und während die Welt anerkennend nach Deutschland schaut, wie vergleichsweise gut es da gelaufen ist, ist niemand bereit, sich auch nur auf den Gedanken einzulassen, dass die Maßnahmen wieder strenger werden könnten. Dass das “neue Normal” noch etwas dauern muss. Oder wieder “unnormaler” wird. Ja – für viele Leute sind das existenzielle Schicksale, und eine Verschärfung hätte unabsehbare Konsequenzen – keine Verschärfung allerdings auch. Und, nein, es ist KEINE FUCKING LEICHTE GRIPPE, dafür gibt es inzwischen zu viele Berichte von eigentlich gesunden Leuten, die wochen- und monatelang mit der Krankheit zu kämpfen haben.

Die große Mehrheit spielt mit und sieht, wie einfach vernünftiges Verhalten ist. Wie viel alte Normalität möglich ist, wenn man sich nur eine Maske auf die Fresse dübelt. Aber warum teilen im Moment eigentlich vernünftige Leute auch den letzten Verschwörungsbullshit zur Pandemie?

Wie immer ist das Internet schuld.

Ich empfehle SEHR, den 8teiligen Podcast “Rabbit Hole” der New York Times zu hören, der sich damit beschäftigt, wie das Internet, speziell Youtube, unsere Gesellschaft verändert. Wie banal und schnell eine Radikalisierung stattfinden kann, wie Lügen sich, tja, viral verbreiten. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, erfährt darin nicht viel neues, aber ich habe es selten so präzise und mit vielen Primärquellen erlebt.

Die Radikalisierung erleben wir gerade sehr nah. Vor der eigenen Tür. In der eigenen Facebook-Timeline. “Kritische Denker” überall. Leute, die nicht einfach glauben wollen, was ihnen die Obrigkeit sagt, die “für sich selbst denken”. Wobei komischerweise ihre eigenen Gedanken dann immer ziemlich heftig nach rechts driften.

Was für ein Widerspruch, der da auszuhalten ist: kritisches Denken kann gerade der Fehler sein, der zum Bullshit führt. Diesen Bullshit könnte man natürlich identifizieren. Nun war das nie leichter als heute, wo wir das Wissen der Welt in der Hosentasche rumtragen. Aber hey, das würde ja Arbeit bedeuten. Und wie man nicht nur aus dem erwähnten Podcast weiß: gerade die Typen da im Netz, die von sich selbst glauben, dass sie alles durchschauen, dass sie DIE WAHRHEIT kennen, dass sie die Lügen erkennen, die ihnen der Mainstream auftischt … genau diese Leute glauben, dass man exakt auf ihrer Linie landet, wenn man nur SELBST DENKT.

Problem dabei: Man muss nur alles komplett ausblenden, was das Gegenteil behauptet, und diese Sachen sind meist deutlich besser begründet und stehen auf einer wissenschaftlichen Basis. Anders gesagt … man muss Widersprüche ignorieren. Dann ist alles ganz einfach.

(Im Rechts-Links-Schema ist das übrigens genau der Trick, den Rechts gern anwendet: den Linken ein verbohrtes, intolerantes Weltbild vorwerfen … sich die Linken rechtfertigen und ausführlich ihren Standpunkt begründen lassen … und dann mit den kleinsten Widersprüchen in der Begründung zurückschießen, ohne selbst einen echten Standpunkt zu haben. Buschfeuerdebatte getarnt als Diskussion – nicht drauf einlassen, einfach blocken.)

Und das wiederum führt – ich bitte, meinen mentalen Galopp zu entschuldigen, aber in meinem Kopf ist es gerade sehr wirr – zu einem Problem, das mich im Moment umtreibt. Es ist das, weswegen es mir momentan selbst schwer fällt, Widersprüche auszuhalten. Auch ich sehne mich derzeit nach Eindeutigkeit. Nach Leuten und Institutionen, denen ich zu hundert Prozent vertrauen kann. Nicht nur neunzig Prozent. Nach Orientierung. Nach Leuchttürmen.

Dieser Tage bin ich beim “Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten” ausgetreten. Da war ich einige Jahre lang Mitglied, weil ich mich mit den Zielen identifiziere, konsequent Staat und Kirche zu trennen, Staatsleistungen an Kirchen abzulösen, die Konfessionen nicht selbst den Religionsunterricht an Schulen gestalten zu lassen. Aber beim IBKA und vielen anderen selbsternannt humanistischen Organisationen und Parteien, die ich eigentlich grundlegend unterstützen könnte, beobachte ich in letzter Zeit eine Neutralitis, die mich vergrätzt. Geht es um Rechtsextremismus, weist man erst mal darauf hin, dass Linksextremismus genauso schlimm ist. Wird Rassismus diskutiert, möchte man erst mal relativieren, dass “Rassismus gegen Weiße” selbstverständlich auch existiert. Beim Thema Klimawandel möchte man zwar rational sein, aber das heißt dann auch, dass man da ganz neutral und nicht ideologisch rangeht.

Überhaupt: “ideologisch” wird in rational-humanistischen Kreisen im negativen Sinne interpretiert. Da schwingt der Vorwurf mit, dass die Ideologie (und damit ist meist alles gemeint, was nach links blinkt) vor der Analyse steht oder diese einfärbt. Das halte ich für Blödsinn, denn totale Neutralität gibt es nicht. Selbstverständlich nehmen wir die Welt auch unterbewusst wahr, sind geprägt von unserem Erlebten und unseren Gefühlen – all diese Dinge, die unsere Weltsicht – unsere Ideologie – prägen. Das macht eine Ideologie zu einer Basis, nicht zu einem geschlossenen Weltbild. Entscheidend ist, sich seiner eigenen Ideologie bewusst zu sein und sie immer wieder an der Realität zu messen und zu prüfen, ob sie einer vernünftigen Bewertung standhält.

Ausdrücklich keine Ideologie haben zu wollen, ist für mich kein erstrebenswertes Ziel, wenn ich mich “Humanist” nennen möchte.

Letzten Endes lande ich bei allen diesen Themen, Diskussionen und Debatten bei einem einzigen Wort: Empathie. Die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu fühlen. Das Wort, das wichtiger ist als das, was oft stattdessen verwendet wird, aber nicht synonym ist, nämlich Toleranz. Natürlich ist es Mode, in unserer schnelllebigen, digitalen Zeit diesen Mangel an Empathie zu beklagen (und, wie ich oben, dem Internet die Schuld zu geben), aber ich möchte nicht wie ein altsackiger Kolumnist einer verstaubten Tageszeitung klingen. Mir ist dabei bewusst, dass es mir derzeit selbst an Empathie mangelt, dass ich eher in Egoismus fliehe … jau, genau das war der Auslöser für diesen Text.

Empathie + Lebenserfahrung = Ideologie.

Ideologie * (Rationalität + Humanismus) = …

Das Ergebnis wäre eine Basis, von der aus man den Otto-Film genießen und gleichzeitig kritisch einordnen kann. Wo man sich der Vernunft der Corona-Einschränkungen bewusst ist und den Bullshit gewisser Veganköche einfach ignoriert. Wo eine edgy Meinung und Pose nicht gewürdigt und gefeiert wird. Wo eine Internet-Recherche wirklich eine solche ist und kritisches Hinterfragen mehr bedeutet, als nur auf den nächsten Vorschlag des Youtube-Algorithmus zu klicken. Wo “selbst denken” kein rechter Kampfbegriff ist, und wo die Rechten sich nicht mit Pseudo-Neutralität schmücken.

Leider gibt es so einen Leuchtturm für mich gerade nicht. Kein schönes Gefühl: wirklich KEINER Gruppe da draußen fühle ich mich derzeit zugehörig oder möchte mitmischen, weil es überall innere Widersprüche gibt. Beim Blick in die Welt werde ich derzeit zum Misanthrop.

Aber ich möchte wenigstens ein empathischer Misanthrop sein.

Diesen Widerspruch muss ich aushalten.

 

(Ich könnte noch weitermachen, aber jetzt ist gut. Bei den behandelten Themen kratze ich schon nur an der Oberfläche. Auf dem Boden des Schneidraums gelandet: Es läuft gerade wieder eine Debatte über Computerspiele im Feuilleton, aber dass in dieser Hinsicht alles verloren ist, sieht man schon am Fehlen von philosophischen Analysen unseres “Leisure Suit Larry”. Außerdem gibt es aktuell eine literarische “Löffler-Debatte”, aber damit ist die Sigrid gemeint, und mit der habe ich nichts am Hut.)