Aufmerksamkeitsökonomie, 2019 Edition

Es ist nicht unmöglich, völlig konsequent zu leben, aber auch verflucht unrealistisch.

Natürlich möchten wir alle das richtige Leben haben und uns auf eine Weise verhalten, die zu unserem Selbstbild passt. Von den Leuten abgesehen, denen das völlig egal ist und die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, und erfahrungsgemäß sind genau das diejenigen, die anderen Leute eine „Doppelmoral“ vorwerfen, sobald sie auch nur einen Angriffspunkt wittern.

Ich habe bei mir festgestellt, dass mein Selbstbild und mein Handeln immer weniger deckungsgleich wurden und dass meine Faulheit darunter litt. Denn aus Faulheit kommt Ruhe, aus Ruhe kommt Tatendrang, aus Tatendrang kommt Produktivität. Es mag sein, dass eine gewisse Ruhelosigkeit ein Automatismus ist, wenn man Mitte 40 erreicht, wodurch eine gewisse Torschlusspanik blüht und die Fähigkeit zur Faulheit verloren geht. Es war nötig, ein paar Stellschrauben zu drehen.

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So the new “Leisure Suit Larry” is out …

When “Leisure Suit Larry — Wet Dreams Don’t Dry” was announced in May 2018 there were so many, erm, interesting reactions that I wrote this article about the background of the development and who is working on it.

The game came out on November 7th 2018. Here’s the release trailer:

Since the release the interesting reactions keep on coming, so here’s a little roundup ten days later. Let me go through some frequently asked questions and infrequently posted comments:

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Reden ist Silber, Schweigen ist Quatsch

In der Gegend, in der ich lebe, hat die AfD bei der Hessenwahl in einigen Dörfern über 20, ja sogar über 30 Prozent bekommen. Sicher, es sind nur kleine Dörfer, oft mit 100 oder 200 Einwohnern, aber die Balkendiagramme sehen übel aus. Bei Facebook schrieb ein Freund das folgende Zitat, und meine Antwort darauf fiel dann etwas länger aus, denn dieses Thema treibt mich gerade um.

Vielleicht kann ein Ansatz sein, dass man in Vereinen und Kirchengemeinden mit den Wähler*innen der AFD reden kann. In Mainz erreiche ich, komme ich erst gar nicht ins Gespräch, weil sie sich nicht zu erkennen geben. So könnte man hoffentlich noch die überzeugten Rassisten von fehlgeleiteten Protestwähler trennen.

Ich sehe es prinzipiell genauso, aber meine Erfahrungen sind eher schlecht. Mir ist es schon passiert, dass jemand am Sportplatz rumblökt, dass für ihn nur die AfD in Frage kommt. Das will ich natürlich genauer wissen, aber letztlich siegen da Phrasen und Lautstärke. Und nach meiner Erfahrung möchten sich die meisten Leute dann gar nicht einmischen, entweder wird genickt oder weggeguckt, aber keiner macht sein Maul auf. Die Schreihälse gewinnen. Versucht man, eine echte Diskussion zu führen, gilt man wahlweise als arrogant, als Besserwisser, als Akademiker. (Nicht, dass es mich irgendwie kümmern würde, wie andere Leute mich sehen.)
Letztens nach dem Tischtennis: Ein Spieler der anderen Mannschaft fängt an zu erzählen, dass der George Soros ja die ganzen NGOs gegründet hat, die die Flüchtlinge auf den Weg schicken. Natürlich weise ich dann darauf hin, dass das erstens Blödsinn ist und zweitens “Soros” ein rechtsradikales Codewort für Judenhass ist. Reaktion um mich rum: nix. Hat es was bei dem Typen gebracht? Er zieht sich ernsthaft auf “Das ist halt mein Weltbild” zurück.
Sein Weltbild.
Das sehen wir ja hier bei Facebook, dieses Weltbild.
Ich mache ja auch hier Gegenwind, wenn irgendwelche rechtsradikale Scheiße gepostet wird. Erfahrung? Man postet unter zB ein Fake-Zitat, das ein Grünen-Politiker nie von sich gegeben hat, einen Link zu Mimikama oder ähnliches, wo das widerlegt wird.
Ein Klick ist das dann entfernt.
Ein fucking Klick.
Die Folge? Wird ignoriert. Die Leute posten unter den eigentlichen Beitrag fröhlich ihre Hass-Smileys. Und teilen es. In Massen. Sorry, Leute, aber ihr werdet von mir geblockt. Nicht, weil ihr konservativ seid, nicht, weil ihr Sorgen habt, sondern weil ihr unbelehrbar weiter Scheiße teilt, die ich nicht auf meinem Schirm haben möchte. Selbst wenn ihr hier bei mir im Kaff wohnt und wir uns im wahren Leben oft über den Weg laufen.
(Am Rande: ich bin als praktizierender Atheist den Kirchen für ihre Haltung und ihren Einsatz sehr dankbar. Unterdessen sehe ich aber auch Leute hier bei Facebook, deren Profil aus zwei Dingen besteht: Christlicher Ikonografie und Ausländerhass-Memes. Ich wage zu bezweifeln, dass so jemand auch innerhalb der Kirchengemeinde zu erreichen ist.)

Der Journalist Hasnain Kazim twitterte gestern:

Meine Erfahrung (auch aus anderen Ländern): Zehn bis fünfzehn Prozent unbelehrbare Vollidioten gibt es überall. Wieso sollte Hessen eine Ausnahme sein?

Wie arrogant, was?
Aber verdammt richtig.
Ich glaube nicht, dass man in Vereinen oder sonst wo diese zehn bis fünfzehn Prozent erreicht. Trotzdem mache ich es auch weiterhin. Nicht, weil ich alle davon überzeugen wollte, wie toll die Grünen sind und das alle die wählen sollen. Um Gottes willen.
Nicht jeder AfD-Wähler ist ein Nazi. Aber jeder AfD-Wähler unterstützt eine Partei, die offen faschistische Tendenzen zeigt. Das kann man nicht rausreden mit “ja, aber die da oben und Denkzettel und so”.
Es ist eine Stimme für Faschismus. Punkt.
Und so müde das auch macht — und verdammt müde bin ich … im Sportverein, auf Facebook, auf der Straße … das alles macht so scheißmüde … aber Schweigen ist keine Lösung.
Das tun schon zu viele.

Provinz muss man können

Meine Sympathien lagen immer eher bei Sam als bei Frodo.

Sam, der widerwillig in die weite Welt zog, viel lernte, viel bekämpfte, sich selbst und andere fand, zu Dingen in der Lage war, die er sich nie zugetraut hatte, um dann wieder dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen war, aber mit neuem Mut endlich eine Frau ansprach und eine Familie gründete.

(Also exakt wie meine Biografie, haha.)

Frodo wiederum ging nach Mordor, aber hat es nicht so doll verkraftet. Als er dann wieder im Auenland war, wusste er: nix, hier gehöre ich nicht mehr her, ich muss hier weg.

Aber eigentlich wollte ich über Charlotte Roche schreiben. Die hat letztens in der SZ diesen Text hier veröffentlicht und damit viele putzige Reaktionen ausgelöst. Beispielsweise diese hier in taz über die olfaktorischen Probleme von Bambi.

Charlotte Roche wäre gern Sam.

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So the new “Leisure Suit Larry” that I am writing was announced …

When a new “Leisure Suit Larry” title was listed on Steam a few days ago without being announced properly some people thought it was just another bundle or some marketing stunt. Actually, it was just a glitch.

Some people thought that this could mean that a new instalment of the series is being developed.

Some commentators on the gaming news sites even had inside info:

So get ready to hear something about a new game on the way sometime during E3, because we can’t think of another time someone would try to announce this game.

Haha, sure.

The 3rd instalment of the “” took place at the end of May. Since all German gaming conferences like Quo Vadis in Berlin and Devcom in Cologne are international and in English, the GDD is all German (I know what you’re thinking and I can confirm that beer is being served early on). , based in Wiesbaden, is organizing the event. The opening of this year’s conference ended with this teaser:

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Chromebooks sind tot (in Deutschland)

Ich weiß, ich weiß, dabei war ich doch in den letzten Jahren der Typ, der allen erzählt hat, wie toll Chromebooks sind.

In der Theorie sind sie das immer noch.

Schaut man aktuell bei den üblichen Händlern nach, welche Modelle es gibt, wird man enttäuscht. Es gibt drei Chromebooks von Acer (ein klassisches Modell mit 14 Zoll, ein Convertible mit 13 Zoll, ein Convertible mit 11,6 Zoll). Das sind die Standardmodelle. Einige führen noch teure HP-Geräte, und hier und da gibt es noch das 15-Zoll-Modell von Acer, aber es fällt auf, dass es eben nicht mehr die Chromebooks gibt, die neugierige, experimentierfreudige Käufer anlocken, nämlich welche, die deutlich günstiger als Einsteiger-Notebooks mit Windows sind.

Denn das war der Hauptgrund: Wer ein Chromebook kaufte, akzeptierte damit, ein eingeschränktes Gerät zu haben (kein Windows = kein Office, kein Steam etc), aber Vorteile zu bekommen:

  • Verflucht günstig.

Und nun auch noch die Unterstützung von Android-Apps, bei deren Anküdigung ich dachte: Killer. Macht aus jedem Chromebook ein Convertible, und die Dinger gehen durch die Decke.

Derzeit passiert das Gegenteil, und die sowieso kaum vorhandene Handelspräsenz scheint mir eher abzunehmen.

Wo Chromebooks immer noch wunderbar funktionieren, ist der US-Bildungsmarkt. Deswegen versucht Apple ja nun auch seine iPads dort zu pushen. Aber warum sollte sich da was ändern, wenn fünf iPads so viel kosten wie ein Klassensatz Chromebooks?

Ich hatte die letzten Jahre immer mindestens ein Chromebook im Einsatz und viel Spaß damit. Verflucht, die Teile sind perfekte Google-Docs-Schreibmaschinen. Mein aktuelles Acer Chromebook R11 ist inzwischen nur noch zu dem Ding geworden, mit dem die Kinder was im Netz nachschauen können und das sonst ungenutzt in der Ecke liegt. Warum?

  • Die Android-Unterstützung war anfangs ein totaler ein Witz, dann lange unbrauchbar, und wichtige Apps laufen auch aktuell noch sehr halbgar auf einem Chromebook. Ist ja schön, wenn man betamäßig dabei sein darf, aber irgendwann nervt es, wenn es nicht funktioniert.

Und das neueste Gerät, das jetzt erscheint? Ist ein “Chromebook Tablet”. Um es mit Sokrates zu sagen: WTF? Es mag ja ein verkapptes Android-Tablet sein, aber selbst mit einer Tastatur wird daraus kein richtiges Notebook und es kostet fast so viel wie ein verdammtes iPad.

Ich möchte mich bei allen entschuldigen, denen ich die letzten Jahre begeistert geraten habe, sich ein Chromebook anzuschaffen. Oder hat Google da noch etwas in der Mache, was tatsächlich alles ändern könnte?

Derzeit wirkt Chrome OS wie ein einziges Improvisationstheater, und im Moment bin ich wohl selbst nicht experimentierfreudig genug.

Full disclosure: Worauf ich diesen Text geschrieben habe? Nicht auf einem Chromebook. Sondern auf einem Surface Pro.

Liebesgrüße aus der Autor-Midlife-Crisis

eute, die nicht schreiben, würden so etwas wahrscheinlich als einen Writer’s Block bezeichnen, aber ich mache diesen Job lange genug, um zu wissen, dass das bei mir keiner ist.

Ein Writer’s Block gilt als die Angst vor der leeren Seite. Als Sinnbild des von Selbstzweifeln erfüllten Künstlers, der daran vergeht, seine Vision nicht auf das Papier bannen zu können.

Das ist es bei mir nicht.

Letztes Jahr habe ich vier Romane übersetzt. Aktuell schreibe ich ganz ohne Writer’s oder sonstige Blocks an einem Spiel. Es ist nicht so, dass meine Kreativität versiegt wäre. Nach wie vor schreibe ich komplett wirre Kurzgeschichten oder Blogeinträge wie diesen hier. Ich zweifle nicht an meiner Fähigkeit, Worte in eine bestimmte Reihenfolge zu organisieren, und das wäre auch ziemlich doof, wenn sie abhanden käme, weil ich nicht weiß, wie rum man einen Hammer halten muss.

Mir sind auch nicht die Ideen ausgegangen. Drei oder vier fast leere Dokumente mit Ansätzen von Buchideen finden sich in meinem “Romane”-Ordner.

Aber sobald ich eins davon öffne, stoße ich damit das Tor zum Nihilismus auf.

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Star Wars VIII — und IX

Erzählerische Herausforderungen und subjektive Ideen

Es steht eine Fußball-WM vor der Tür, und dann werden wieder Tausende Leute, die sich für die besseren Nationalmannschaftstrainer halten, eine Meinung haben. Für einen besseren Drehbuchautoren als das, was Hollywood zu bieten hat, halte ich mich nicht, aber ich möchte trotzdem ein paar Ideen dazu notieren, was jetzt die Herausforderungen nach Teil VIII sind.

Ebendiesen Teil habe ich gerade gesehen. Ja, ich bin spät dran. Und ich möchte ausdrücklich vor warnen, die nun folgen werden. Ich selbst habe die letzten Wochen erfolgreich alle Spoiler umgangen und alle Artikel abgespeichert, die nach Sichtung des Films lesen möchte, weswegen meine Queue auf Pocket so aussieht:

Man kann noch weiterscrollen, da kommt noch mehr. Ich freue mich drauf, das jetzt endlich alles lesen zu können, was an diesem Film gelobt und kritisiert wurde, aber es kommen nun meine losen Gedanken direkt nach dem Sehen.

Nochmals: Es folgen . Wer den Film noch sehen will, sollte keinesfalls weiterlesen.

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2017.

Ich fasse jetzt schon mal zusammen. Nicht, weil ich frühzeitig in Urlaub ginge, im Gegenteil, dank einer Deadline Anfang Januar ist das eher nicht so, also gar nicht.
Und Deadline ist auch mein Stichwort des Jahres, denn ich hatte wenig anderes. Vier Bücher übersetzt, was an sich schon genug gewesen wäre, rein zeitlich, dazu noch ein paar Spieleprojekte. Langweilig wurde es nie, und damit war dieses Jahr das krasse Gegenteil von 2016, diesem Jammertal, in dem es mir allerdings auch nicht langweilig war, denn existenzielle Freiberufler-Panik, wenn nichts passt und alles hakt, ist auch keine Hängematte.
Dass ich dieses Jahr quasi in Vollzeit zum Roman-Übersetzer geworden bin, war so nicht geplant, aber ich plane eh nicht mehr, und ich weiß auch nicht, ob das 2018 so sein wird. Sicher war diese Arbeit meiner fortschreitenden Eremitwerdung eher zuträglich, denn wenn man einfach 500 Seiten vor sich hat, die man in drei Monaten abgeben soll, muss man wenig unter Menschen, und es genügt, wenn man ein Wörterbuch und einen Thesaurus hat. Dass meine Übersetzungen der Krimis von D.M. Pulley sich prima verkaufen, erfreut die Motivation und die Portokasse.
Nach langer Zeit ist dieses Jahr auch endlich ein Buch aus eigener Züchtung erschienen, aber ich kann jetzt nicht behaupten, dass das besonders viele Leute interessiert hätte. (Es ist nach wie vor das bestmögliche Weihnachtsgeschenk, beim Buchhändler des Vertrauens heute noch die magischen Worte „Tiefe Saat“ zu sagen.)
Und bei Spielen tut sich auch mal wieder was. Derzeit (dieser Teil wurde automatisch wegen einer NDA gelöscht) und das wird dann 2018 richtig lustig.
Dies war auch das Jahr, in dem ich mir mehr Dinge aufgeladen habe, als gut ist. Eine meiner besten Entscheidungen war, bei Bündnis90/Die Grünen einzutreten. Dass ich kurz nach „Hallo“ in den Kreisvorstand gezerrt wurde, ist schön; dass ich wegen der ganzen Deadlines zu wenig Zeit hatte, mich so einzubringen, wie ich gern wollte, ist weniger schön. Aber den gewünschten Effekt hat es bei mir erreicht: auch wenn es nur Einbildung ist, habe ich das Gefühl, näher am Geschehen dran zu sein und wenigstens nicht nur diesen Vortex des Internets hineinzubrüllen, sondern auf ganz kleiner Flamme ein wenig aktiv zu tun.
Eigentlich hatte ich letztes Jahr um diese Zeit erklärt, dass ich wieder mehr eigene Sachen schreiben will, und gerade das hat am schlechtesten geklappt. Zwei Kurzgeschichten veröffentlicht und das war’s. Eine Idee für einen neuen Roman habe ich natürlich, die ersten dreißig, vierzig Seiten sind geschrieben, aber ich bin Realist genug, jetzt nicht echte Aufträge abzulehnen, um hingebungsvoll ein Buch zu schreiben, das dann keinen Abnehmer findet. Ich würde nun gern sagen, dass das 2018 anders wird, aber nö: Wer bei mir anklopft und mir Dublonen in die Hand drückt, damit ich mir doofe Witze ausdenke, ist immer willkommen.
Apropos.
Zurück an die Arbeit. Da ist ja noch diese Deadline.
Erholt ihr euch wenigstens gut, kommt schön ins neue Jahr, und vielleicht bin ich 2018 sogar etwas geselliger (haha, als ob).

Meine offizielle Wahlempfehlung

Wenig überraschend ist es Bündnis 90/ Die Grünen.

Ich bin letztes Jahr eingetreten, obwohl bei Politik bis dahin die neutrale, beobachtende Rolle bevorzugt habe. Das ist schön bequem, man muss sich nicht richtig entscheiden und vor allem nicht mitgestalten. Aber dann hatte ich die Schnauze voll und wollte mitmischen, damit den ganzen Brüllaffen da draußen nicht das Feld überlassen wird. Politisch aktiv zu werden war und ist für mich reiner Egoismus: ich wollte damit etwas für meine geistige Gesundheit tun, um nicht von Trumpbrexitafd-Irrsinn komplett kaputt zu gehen. Ich wollte mich nicht mehr komplett fassungs- und machtlos fühlen.

Es hat funktioniert.

Ein wenig auf der kommunalen Ebene mitmischen (Kreisvorstand), Kontakt zu Bundes- und Landtagsabgeordneten haben, in den Mailinglisten der Arbeitsgruppen mitlesen, die einen besonders interessieren, bisschen Plakate hängen und Leute im wahren Leben oder im Netz (wie hier) zutexten, fertig. Kostet Freizeit, Mühe und Nerven, aber das ist es wert. Zumindest empfinde ich es im Moment so.

Aber die Grünen, höre ich, warum gerade die etc?

Sicher – diese Partei ist alles andere als perfekt. Aber mein Einblick hinter die Kulissen zeigt mir eine lebendige Gruppe, in der auch kontrovers diskutiert wird – und die anders ist als das Klischee, das kolportiert wird. Es nervt, dass die Grünen generell die Arschkarte gezogen haben. Werden kontroverse Meinungen nach außen getragen, heißt es, die Partei sei „zerstritten“. Tritt sie geschlossen auf, heißt es: „Jetzt sind die Grünen endgültig Mainstream“. Ich persönlich brauche keine Partei, die nur einen auf Kontra macht, sondern konstruktiv mitarbeiten will. Wenn man das tut, heißt es nicht, dass man alle Ideale über Bord wirft. Und es wäre nett, wenn beispielsweise der Vorschlag, dass Gift im Essen vielleicht unterbunden werden sollten, nicht primär Überschriften wie „DIESE VERBOTSPARTEI SCHON WIEDER!“ erzeugen würde.

Nein, diese Grünen sind alles andere als perfekt. Doch das Wahlprogramm (2 MB) ist etwas, womit ich mich identifizieren kann. Nicht zu 100%, aber es ist ja nicht die Falko-Löffler-Partei. Die relevanten Punkte sind auf meiner Linie, ich kann dahinterstehen. Persönlich würde ich gern mehr Naturwissenschaft, mehr Säkularismus, mehr Humanismus sehen, aber ich bin auch deswegen eingetreten, um eine Stimme dafür zu sein.

Deswegen werde ich diese Partei wählen. Mit voller Überzeugung. Und ich freue mich über alle, die das auch tun.

Was aber ist mit denjenigen, die so sind wie ich letztens noch, die alles lieber ganz neutral aus der Beobachterperspektive verfolgen? Die vielleicht gar nicht wählen?

Ich kann es ja nachvollziehen. Es ist doch alles Mist und Merkel gewinnt sowieso, nä? Aber wir wollen doch der Welt beweisen, dass wir nicht so doof wie die USA sind, ja? Wir hocken doch nicht beleidigt daheim rum, weil wir mit der Auswahl nicht zufrieden sind, weil keine Partei perfekt ist, und überlassen den Leuten das Feld, die Zukunft nicht aus Mut, sondern aus Wut machen wollen. Jede Stimme für eine der etablierten Parteien, auch schlecht gelaunt und widerwillig und ohne grundlegende Überzeugung abgegeben, egalisiert eine Stimme der AfD.

Ja, man kann auch DIE PARTEI wählen, weil die so lustig und sympathisch und rebellisch ist, und dann kann man am Wahlabend dasitzen und über dieses ganze Theater lachen, aber es lachen am Ende auch die anderen. Und zwar lauter als alle, die nicht oder den Spaß gewählt haben. Ja, große Parteien wählen fühlt sich spießig an. Vernunft fühlt sich immer spießig an, Vernunft macht keinen Spaß, aber manchmal ist sie verdammt nötig.

Wenn diese Wahl und die kommende Regierung etwas braucht, dann genau das. Vernunft.