Provinz muss man können

Meine Sympathien lagen immer eher bei Sam als bei Frodo.

Sam, der widerwillig in die weite Welt zog, viel lernte, viel bekämpfte, sich selbst und andere fand, zu Dingen in der Lage war, die er sich nie zugetraut hatte, um dann wieder dorthin zurückzukehren, von wo er gekommen war, aber mit neuem Mut endlich eine Frau ansprach und eine Familie gründete.

(Also exakt wie meine Biografie, haha.)

Frodo wiederum ging nach Mordor, aber hat es nicht so doll verkraftet. Als er dann wieder im Auenland war, wusste er: nix, hier gehöre ich nicht mehr her, ich muss hier weg.

Aber eigentlich wollte ich über Charlotte Roche schreiben. Die hat letztens in der SZ diesen Text hier veröffentlicht und damit viele putzige Reaktionen ausgelöst. Beispielsweise diese hier in taz über die olfaktorischen Probleme von Bambi.

Charlotte Roche wäre gern Sam.

Sie ist in Kleinstädten aufgewachsen. Kleinstädte gelten zwar in der allgemeinen Wahrnehmung als Provinz, aber mit Landleben haben sie nichts zu tun. Kleinstädte sind eben das, Städte im Westentaschenformat, und ich wage zu bezweifeln, dass Charlotte Roche dort und damals den Indianer in sich pflegen konnte. Nun ist sie als Medienschaffende mit VIVA-Vergangenheit sowieso der glitzernden Urbanität jenseits von Mönchengladbach verfallen, und ich kann ihren “Zurück zur Natur”-Wunsch nachvollziehen, aber Demut ist nichts, was man im Wald neben den Pilzen findet.

Der taz-Text von Houssam Hamade ist eine Gegenpolemik aus dem Lehrbuch, und ich stimme der Prognose zu, dass Charlotte Roche in die Stadt zurückkehren wird, aber auch dieser verengte Blick unterschlägt eine fundamentale Wahrheit.

Fertig?

Es ist überall scheiße!

Nicht nur Gollum und Smeagol ringen intern mit sich, ob sie nun Bitcoin kaufen sollen oder nicht, nein, wir haben alle auch einen Sam und einen Frodo in uns. Wer in der Pampa ist, sehnt sich nach der Stadt, dem prallen Leben, den Möglichkeiten. Wen die Stadt erstickt, wünscht sich Leere und Grün herbei.

Leider können die wenigstens von uns sich so ein Doppelleben leisten, wo man eben genau das bekommt, was man gerade braucht. Nein, die meisten von uns entscheiden sich für eine Sache.

Mir will sich nur nicht ganz erschließen, warum man dann lange Artikel schreiben muss, um die Entscheidung zu rechtfertigen. Denn das Stadtleben ist genauso scheiße wie das Landleben.

Bei beiden Texten habe ich den Eindruck, dass sich eine Städterin, die Provinz versucht, mit einem Städter streitet, der nichts anderes will.

Von echter Provinz verstehen beide nichts.

Nein, wer auf dem Land lebt, wird nicht die ganze Zeit vom Nachbarn überwacht. Nein, es riecht auch nicht immer nach Gülle (oder marodierenden Rehen).

Provinz ist eine Leerstelle, die man nach eigenem Ermessen ausfüllen kann. Stadt auch, nur dass alles etwas enger ist. Provinz ist aber kein Wellnessgarten für gestresste Städter wie Charlotte Roche, aber wir nehmen gern ihre Parkgebühren mit. Muss man in er Provinz sofort in alle Vereine eintreten und voll im Dorfleben mitmachen? Nö, aber es schadet auch nicht. Leider funktioniert das nicht mit der urban-ironischen Distanz des Städters.

Provinz muss man können. Aber es ist lernbar. Nach zwei oder drei Generation ist man meistens angekommen.

Dann ist man Sam.