Vor über 25 Jahren habe ich dieses Buch gelesen:

Ein Sachbuch aus 1998, in dem es vor allem um den damaligen FIFA-Präsidenten João Havelange und dessen Nachfolger im Amt Sepp Blatter geht. Ist lange her, und ich erinnere mich nicht mehr an alle Details, aber das ist auch nicht nötig, denn Gianni Infantino, der aktuelle Präsident, führt die Erbfolge konsequent fort. Und was für eine das ist. Nein, die FIFA verachte ich, und es ist eine Schande, dass das Verhalten des Verbandes kaum Konsequenzen hat, und dass die globale Politik es sich nicht mit dem Verband verderben will, der Sport und Fairplay verkauft, aber nur zum höchsten Preis, zur besten Marge und bitte komplett unpolitisch lol.
Mein Interesse am Ball hat über die Jahre nachgelassen. Ich muss nicht jede Sportschau sehen, mir reicht inzwischen der Blick auf die Tabelle und die gelegentliche Zusammenfassung auf Youtube, und nein, ich habe trotz meiner hessischen Herkunft kein Adler-Tattoo irgendwo, nur große Sympathien für die Eintracht. Aber die WMs und die EMs sind Marker meiner Kindheitserinnerungen und der Grundgedanke dieser Veranstaltungen, die Ungewissheit, ob nicht doch mal eine Mannschaft unerwartet gewinnt, wie da einzelne Spieler Momente kreieren, die in Erinnerung bleiben … ich kann nicht verhehlen, dass ich dafür weiterhin empfänglich bin.
Wäre da nicht diese FIFA.
Die letzte WM in Katar war schon ein einziges Zähneknirschen, und vor dem aktuellen USA-Hintergrund wird es auch nicht besser. Wenn ich meinen ethischen Vorstellungen konsequent folgen würde, dann müsste ich alles, also wirklich ALLES an dieser WM boykottieren und ignorieren. So wie ich mich anstrenge, alles von Müller Milch zu boykottieren. So wie ich wegen des KI-Bullshit von Windows zu Linux migriere und versuche, mich von Google zu lösen (es ist ein Prozess). So wie ich versuche, meinen eigenen Konsum ethisch vertretbarer zu machen – nachdem ich gerade aus einem Flug-Urlaub zurückgekommen bin. Nein, ich bin alles andere als perfekt.
Ich wünschte, ich würde mich einfach einen Scheißdreck für Fußball interessieren, das würde den Boykott so leicht machen. Schön für alle, bei denen es so ist, und nein, ihr müsst euch dafür nicht auf die Schulter klopfen.
Dummerweise habe ich jetzt schon zwei Mal diese Serie durchgeguckt:
In dieser fiktiven Fußballwelt gewinnt das Gute im Fußball. Eine fiktive Welt, in der die FIFA keine Rolle spielt. Streng genommen spielt auch Fußball in dieser Serie keine echte Rolle. Der Fußball ist nur die Leinwand für die Menschlichkeit. (Das sage ich vor allem an diejenigen gerichtet, die die Serie bislang ignoriert haben, weil sie denken, dass es darin um Fußball geht, nein, tut es nicht, schaut sie, ihr werdet es nicht bereuen.)
In der Realität des Fußballs gewinnt das Gute nicht.
Ich würde jetzt gern den Pfahl in den Boden stampfen, dass ich diese WM selbstverständlich komplett boykottiere.
Aber das wäre gelogen. Und ich habe keine Rechtfertigung außer ich will trotzdem Fußball gucken. Trotz allem. Trotz der FIFA. Obwohl ich weiß, dass bei dieser WM kein Echtleben-Ted-Lasso zu sehen sein wird, und wenn doch, wird die FIFA wissen, wie sie ihn noch härter monetarisieren kann. Weil ich nicht alles aus meinem Leben tilgen will, was mich halbwegs interessiert, aber ethisch nicht 100% perfekt ist.
Die nächsten Wochen werden da draußen Achtjährige rumlaufen, die diese WM so intensiv verfolgen, wie ich damals die WM 1982. Sollen sie. Ich werde sie natürlich nicht beiseite nehmen und ihnen mit strenger Miene sagen: ihr wisst aber schon, dass die FIFA echt korrupt ist, ja?
Leben ist Kontext und komplex. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Aber halt auch nur das eine.
(Natürlich gebe ich keinen Cent echtes Geld für irgendein Spiel-Streaming aus, der Fußball-Patriotismus kann sich gehackt legen und Müller wird weiter hart boykottiert.)
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