Das war Mai 2026

Wo ich war

Traditionell findet im Mai eine Lesung aus Mini-Kurzgeschichten in der Phantastischen Bibliothek Wetzlar statt, und auch diesmal bin ich hingefahren, um zu sagen:

Alte Bücher sind ja immer eine Freude. Vor allem, wenn man so was darin findet:

Außerdem hab ich mal wieder von unserem Berg auf Frankfurt runtergeschaut:

BOML!

Eine Idee von BOML ist für mich, dass es als Bühne für die Kreativen dient, die erzählende Spiele machen. Und so ergab es sich, dass in einer Folge nicht nur die Visual Novel Venice After Dark besprochen wurde, sondern auch ein langes Gespräch mit Basti Grünwald dazukam mit vielen Informationen zu den kreativen Gedanken bei der Entstehung.

Und weil es sich so ergab, haben wir noch mal geBOMLt und eine Folge rausgestellt, in der wir Fragen aus der Community beantworten.

Gelesen

Theresa Hannig: Parts per Million

Ein mutiges Buch, das zurecht mit dem Seraph ausgezeichnet wurde. Aus der Inspiration macht Hannig keinen Hehl: “Das Ministerium der Zukunft” von Kim Stanley Robinson, einer der prägenden Climate-Fiction-Romane der letzten Jahre. Darin kommt am Rand eine radikale Bewegung vor, und Hannig stellt die Frage: was würde passieren, wenn so eine Bewegung sich in Deutschland bildet? Dazu verlegt sie die Geschichte in eine nahe Zukunft, in der es eine rechtsradikale Regierung gibt, und sie spielt mit autofiktionalen Elementen, die bewusst verwirren sollen.

Wir begleiten die Autorin Joanna Stromann (ein “Strohmann”, zwinker), die zunächst nur recherchieren will bei Klima-Aktivisten, aber dann selbst in den Aktivismus einsteigt, dabei zu immer härteren Mitteln greift. “Gewalt ist eine Option” ist der Untertitel des Buches, und Hannig schreckt nicht davor zurück, ihr Szenario konsequent durchzuspielen. Kein Wohlfühl-Buch, sondern ein Buch mit Haltung, das aber nicht predigt, sondern nur Fragezeichen zurücklässt.

Andreas Eschbach: Ins fahle Herz des Sommers

Und weil gerade Mai-Hochsommer war und das Buch in der Stadtbücherei rumlag, dachte ich mir: hey, gibste dir doch gleich noch mehr Climate Fiction, das kann doch nur die Stimmung heben!

Haha. Nein.

Eschbachs Roman schreitet ein wenig weiter in eine Zukunft, in der weite Teile der Erde schon unbewohnbar sind. Fausto schlägt in der lebensfeindlichen Hitze Frankreichs durch. Er hat es nicht geschafft, rechtzeitig zu fliehen, und in dem kleinen Ort kämpfen nur ein paar Leute noch ums Überleben. Und dann taucht in diesem Ort eine junge Frau auf, der die Hitze nichts ausmacht. Es kommt, wie es kommen muss: Fausto verliebt sich.

Für Eschbachs Verhältnisse ein dünner Roman. Bisschen klischeehaft (die Bauernfamilie, die den Ort egoistisch tyrannisiert, die junge, schöne, quasi-magische Frau), und der Twist ist jetzt auch nichts, was einen komplett aus den Socken haut. Am eindrücklichsten sind die Passagen, die in der inneren Stimme von Fausto beschreiben, wie es so weit kommen konnte, dazu die realistische Schilderung seines Alltags. Das lässt die Dystopie unangenehm realistisch erscheinen. Kein Weltschmerz, keine epischen Monologe, ein sachlicher, ein – naja – trockener Stil, der alles greifbar macht.

Und sonst

Meine liebste Jogging-Strecke führt zum Teil über den Vulkanradweg. In meiner Kindheit war das noch die alte Bahntrasse, die irgendwann geteert wurde. Entsprechend schmal ist dieser Fuß-/Radweg. Wenn ich brav am Rand jogge, und es kommen mir zwei Radfahrer entgegen, die darauf beharren, nebeneinander zu fahren, wird’s eng.

Letztens joggte ich so vor mich hin, Musik im Ohr, und auf einmal sehe aus dem Augenwinkel, dass mich jemand überholen will, und einen Sekundenbruchteil fragte ich mich, was das denn für ein penetranter Radler ist, dass der so eng an mir rumdrängelt und warum der nicht einfach vorbeifährt.

Dann erkannte ich, dass es ein Auto war.

Instinktiv in die Rabatten am Rand hupfend erschrak ich und blieb ratlos stehen, während das Auto, das gerade so auf den – und ich möchte das noch mal betonen – FUSS-/RADWEG passte.

Ich winkte dem Auto hinterher, um es zum Stehen zu bringen, doch es verhielt sich wie die deutsche Autobranche allgemein: es war unbelehrbar und fuhr einfach weiter, ohne nach links oder rechts (oder hinten) zu schauen.

Denn ich wusste, dass hinter der Kurve zwar die Haupstraße ist, aber auch eine Absperrung, durch die höchstens ein Fahrrad durchpasst.

Ich wusste, was nun passieren würde. Also holte ich schon mal mein Smartphone raus und trabte weiter. Und wie erwartet kam es mir dann rückwärts entgegen:

Ich wartete auf der Fahrerseite, und es hielt. Zwei ältere Damen drin.

Ich, fröhlich: “Na, Fußgängernavigation eingestellt?”

Fahrerdame: “Wir wollen zu den Rhododendren.”

Wie in Denis Villeneuves “Arrival” würden wir an unserer Kommunikation arbeiten müssen, diese Aliens mit dem Gelnhäuser Nummernschild und ich.

Ich konnte rekonstruieren, dass es tatsächlich im Nachbardorf einen Rhododendron-Garten gibt, der so wichtig ist, dass er in der Wikipedia-Liste von Rhododendrengärten steht. Dass es auch der Ort ist, in dem das Gesamtwerk von Anton Tschechow übersetzt wurde, ist ein fun fact, den ich gern auf Partys erwähne (inzwischen werde ich nicht mehr zu Partys eingeladen).

Nun, ich wies die Damen an, bis wohin sie rückwärts fahren müssen, damit sie nicht im nächsten Feldweg versumpfen, und wie sie zurück in die Zivilisation kommen können (wenn man unsere Dörfer so nennen will).

Die Trainingszeit hatte ich mir damit versaut.

Gute Links

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