Eine Geschichte aus der Heimat

2025 ist die Kurzgeschichtensammlung „Ebbes aus Hesse“ erschienen, herausgegeben von Thomas LeBlanc von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Darin sind Fantastik-Geschichten mit Hessen-Bezug enthalten. Es war Thomas‘ ausdrücklicher Wunsch, dass ich etwas aus dem Vogelsberg beitragen soll, und ich bin nicht weit geschweift. Ein paar hundert Meter von meinem Wohnort steht die Teufelsmühle, und wie alle älteren Gebäude hat auch sie eine kleine Sage. Also dachte ich mir: die erzähle ich auf meine eigene Weise nach. Und damit die nicht nur in dem Wetzlar-Band (und meiner eigenen Storysammlung) zu lesen ist, stelle ich sie auch hier ein. Viel Spaß damit!


Falko Löffler
Wer mit dem Teufel essen will, muss einen langen Löffel haben

Im 14. Jahrhundert sammelte man keine Likes, sondern Dörfer. Zumindest tat Hermann II. das in Kassel. Was in Proto-Hessen nicht bei drei auf den Bäumen war, wurde für ein paar Gulden gekauft. Heute muss man sich als Businesskasper teuren Linkedin-Premium-Status kaufen, um sich selbst zu erhöhen, damals wurde man einfach Landgraf.

Die Bewohner der Dörfer kümmerte es reichlich wenig, in wessen Richtung sie ihre Mistgabeln richteten. Hauptsache, sie konnten es tun. Damals hieß es nicht »Bauernprotest«, sondern einfach »Protest«, weil alle Bauern waren.

Eines dieser irgendwo in Hessen rumstehenden Dörfer war »Iliuuineshusun«, wie es zu seiner Gründung genannt wurde, aber alle waren sich einig, dass das wie etwas klang, was der sprechende Loriot-Hund von sich gibt oder als hätte jemand in Nordfriesland ein Missgeschick bei einem Schäferstündchen, also einigte man sich darauf, es lieber »Ilbeshausen« zu nennen.

In Ilbeshausen standen Mühlen, weil noch keine Atomkraftwerke erfunden worden waren. Eine davon wurde so 1690 rum zu einem verzierten Fachwerkgebäude umgebaut – der Hansemühle, die später als Teufelsmühle bekannt wurde. Wenn man schon so was rumstehen hat, muss sich natürlich auch eine Legende darum ranken, und die geht so:

Der Zimmermann Muth hatte Geldsorgen, spazierte durch den Wald und traf einen Mann, dem er sein Leid klagte, und der Mann lieh ihm Geld. Erst dann fiel Muth auf, dass der andere einen Pferdefuß hatte. Also begann der Zimmermann mit dem Bau der Mühle, doch es lief alles nicht wie erwartet, und als er den ersten Teil seiner Schulden nicht zurückzahlen konnte, bot der Mann eine Wette an: sie beide sollten einen Giebel der Mühle bauen, und wenn Muth schneller wäre, musste er nichts zurückzahlen. Der Zimmermann ließ sich darauf ein. Doch der andere war nicht nur schneller als er, nein, dieser Giebel war auch viel kunstfertiger gebaut, hatte zudem vier kleine Fenster an der Spitze. Das kostete den Zimmermann die Seele. Über den Feldern des benachbarten Crainfeld riss er sie aus dem Körper. So kennt man die Mühle als »Teufelsmühle«, und noch heute steht eines der vier Fenster der Teufelsmühle immer einen Spalt offen, damit der Teufel seine Mühle besuchen kann …

Natürlich ist das nur eine Sage. In Wirklichkeit war alles ganz anders. Und es hat selbstverständlich nichts damit zu tun, dass ein Müller namens Claes Tuveln die Mühle als Lehen erhielt, sein Nachname ins phonetische Mahlwerk des mittelhessischen Dialekts geriet (also in die Münder der Ilbeshäuser) und so der Tuvel zum Deibel wurde.

Nein, in Wirklichkeit war das so:

Es war ein Donnerstagmorgen, weil schlimme Dinge, wie allgemein bekannt ist, immer an einem Donnerstagmorgen passieren. Der Zimmermann hatte Kopfschmerzen. Das lag offensichtlich am Bier, das wieder einmal gebraut worden war, als im Wald Eisen verhüttet und die verbrannte Kohle in den Bach geschüttet worden war. Das Bier hatte metallisch und dunkel geschmeckt. Der Zimmermann dachte, dass jemand mal ein Gesetz machen sollte, dass man nur bestimmte Zutaten beim Bierbrauen verwenden sollte. Man könnte es »Reinheitsgebot« nennen. Aber da würden nur die anderen Leute auf die Barrikaden gehen und sagen, dass DIE DA OBEN ihnen nicht vorschreiben dürften, wie sie ihr Bier brauten, dass man schon immer alles in den Sud reingeworfen hatte, was gerade beim Wochenmarkt in Lauterbach im Angebot war, und an der Qualität des Wassers konnte man sowieso nichts ändern, und überhaupt, wer wollte denn in so einer Verbotsgesellschaft leben, in der am Ende noch verboten wurde, die Kohle in den Bach zu schmeißen – glaubte der Zimmermann sie schon zetern zu hören.

Er hatte das Bier in der Gaststätte anschreiben lassen, und er hatte im Blick und im Grummeln des Wirts bemerkt, dass der das nicht mehr lange mitmachen würde. So wie er auch sonst niemanden mehr finden würde, der ihm Geld lieh. Er kam mit der Mühle nicht voran. Das Material ging ihm aus, sein Geldsäckel leer. Es war aussichtslos – er konnte die Mühle erst in Betrieb nehmen, wenn sie fertig war, dann würde er auch Geld verdienen können, aber wenn sie nie fertig wurde, würde das nicht funktionieren, abgesehen davon, dass seine Schulden inzwischen derart groß waren, dass–

Er lief in einen Baum.

Zumindest fühle es sich so an.

Es war kein Baum. Er war in den Rücken eines hochgewachsenen Mannes gelaufen. Und der war nicht mal ins Wanken geraten, drehte sich langsam zu dem Zimmermann um.

»Verzeiht, mein Herr, ich habe nicht–«

Der Zimmermann unterbrach sich, atmete aus, machte einen Schritt zurück und bekreuzigte sich. Denn der Mann, den er angerempelt hatte, war einen Kopf größer als er, hatte blondes, zu einem Zopf geflochtenes Haar, trug einen schwarzen Mantel, schwarze Hosen und ein rotes Wams. Aber das alles waren nicht die Sachen, wegen derer er sich bekreuzigte. Nein, es waren die gelben Augen mit den schwarzen, länglichen Pupillen und die Tatsache, dass er nur links einen Lederstiefel trug, während der andere Fuß ein Huf einer Ziege war.

»Hab ich was im Gesicht?«, fragte der Mann. »Vom Frühstück?« Er strich sich beide Wangen ab und begutachtete seine Handfläche.

Wieder bekreuzigte sich der Zimmermann.

»Jaja, schon gut«, meinte der andere und imitierte das Bekreuzigen mit einer flüchtigen Handbewegung. »Dann kann ich mir den Teil der Erklärung sparen. Gut.«

Der Zimmermann schnappte sich zwei Äste vom Waldboden und hielt sie von sich gestreckt als Kreuz. »Weiche!«, rief er aus.

Der andere verdrehte die gelben Augen, griff in die Innentasche seines Mantels, holte ein zusammengerolltes Pergament heraus, das er hochhielt. »Können wir zur Sache kommen? Ich hab heute noch mehr zu erledigen.«

»Aber … das Kreuz … es … es muss doch gegen den Teufel wirken.«

»Und? Wirkt es?«

Der Zimmermann blinzelte und nahm die Äste runter. »Nein«, murmelte er.

»Ich komme auch nicht wegen einer Himmel-Hölle-Sache oder so etwas …« Der Teufel trat von einem Fuß auf den Ziegenfuß und wich dem Blick des Zimmermanns aus.

Der wartete, bis der Teufel weitersprach.

»Ich muss ein Praktikum machen.«

»Ein … was?«

»Ich muss bei meiner Ausbildung zum Teufelverwaltungsfachwirt auch Handwerken lernen. Als würde das was bringen! Das werde ich nie wieder brauchen!« Kleine Rauchwölkchen quollen aus seinen Nasenlöchern, er atmete durch.

»… Ausbildung?«, brachte der Zimmermann raus.

»Höllenverwaltung, Niederlassung Mittelhessen. Erst mit dem Diplom darf ich selbst Seelen verwalten. Wenn ich den Meisterbrief mache, darf ich sie auch verschlingen. Aber erst muss ich die ganzen Pflichtpraktika hinter mich bringen, und meine Ausbilderin Frau Beelzemädel ist wirklich … naja, lassen wir das.«

Der Zimmermann schaute drein wie eine Kuh. »Höllenverwaltung?«

»Natürlich. Meinst du, es gibt nur EINEN Teufel, der sich um alles Elend der Menschheit kümmern kann, alle Sünden motivieren, die Strafen festlegen? Das ist Teamarbeit! Allein in der Verwaltung Mittelhessen arbeiten neunzehn Teufel in unterschiedlichen Diensträngen.«

Der Zimmermann schluckte.

»Jedenfalls habe ich mitbekommen, dass du gerade eine Mühle baust und dachte, da könnte ich helfen.« Er hob die Schriftrolle. »Müsstest nur das Praktikum bescheinigen. Komm, gehen wir zu deiner Mühle.« Der hochgewachsene Teufel schlug dem Zimmermann auf die Schulter, der sich schnell abwendete und vom Wald zurück zur Mühle eilte. Unterwegs begegnete ihnen ein Nachbar, der den Zimmermann brummend grüßte und gar nicht auf den Teufel reagiert, als würde er ihn überhaupt nicht sehen können.

Sie kamen vor der Mühle an. Einer der Giebel war schon fertiggestellt. Der Teufel begutachtete ihn und strich sich übers Kinn. »Das sieht jetzt nicht gerade kompliziert aus.«

»Es war viel Arbeit und ich musste mein ganzes Können dafür aufwenden!«, entfuhr dem Zimmermann, und er schob noch schnell ein entschuldigendes »ähm« hinterher und machte einen Schritt weg.

»Das hätte ich auch hinbekommen. Ohne Praktikum.«

»Aber ich habe sowieso kein Material mehr für den anderen Giebel. Und kein Geld, um es zu kaufen.«

Der Teufel schnippte mit dem Finger, und neben der Mühle erschien bergeweise Baumaterial. »Reicht das?«

»Nun … ja.«

»Dann erklär mir, was ich machen muss, damit es das schönste Fachwerk weit und breit wird. Besser als alles, was du hinbekommen könntest mit deinen … menschlichen Fähigkeiten.«

Das tat der Zimmermann. Er wies den Teufel an, was er zu tun hatte, und der führte jeden Handstreich mit überirdischer Geschwindigkeit aus. Jeder Balken bog sich seinem Willen, jedes Stöckchen garnierte das Fachwerk in Perfektion, und als die Sonne sich dem Horizont nähert, hatte der Teufel einen feinen Giebel fertiggestellt.

Die beiden betrachteten das Werk. »Ich muss zugeben … das ist gelungen«, sagte der Zimmermann.

Der Teufel genoss schweigend.

»Das ist sogar so gelungen, dass die Leute sagen werden: das kann der Muth gar nicht gemacht haben, das muss der Teufel getan haben!« Der Zimmermann kicherte.

Der Teufel holte wieder das Pergament aus seiner Manteltasche, entrollte es und hielt dem Zimmermann eine Feder hin. »Also sollte es für meine Praktikumsbescheinigung genügen.«

Der Zimmermann nahm die Feder und begutachtete das Pergament. Darauf standen viele Worte, die er nicht kannte. »Äh … ich verschreibe damit aber meine Seele nicht dem Teufel … also … irgendeinem, meine ich …?«

»Natürlich nicht. Das schaffst du nur durch dein Verhalten.«

Der Zimmermann unterschrieb. Das Pergament und die Feder verschwanden in den Untiefen des schwarzen Mantels.

»Meine Ausbilderin wird zufrieden sein. Und du hast nun eine fertige Mühle.«

»Jetzt kann ich anfangen, meine Schulden abzubezahlen«, sagte der Zimmermann leise. »Wenn ich das überhaupt jemals schaffe …«

»Ich fürchte, da kann ich dir nicht helfen. Einfach so Gold herbeizaubern … da bekäme ich Ärger mit den höheren Teufeln. Inflation und so.«

»Ich wünschte, ich könnte von hier verschwinden … aber dann würden alle den Landgrafen dazu bringen, dass er seine Schergen nach mir aussendet. Wer verschuldet ist, kommt in seiner Grafschaft nicht weit. Er würde sich meinen Kopf holen …«

»Hmm … ich könnte dir allerdings helfen, zu verschwinden, wenn du das wünschst.«

»Und … wie?«

»Bau mir eine Strohpuppe«, sagte der Teufel.

Als die Nacht hereinbrach und sich die Einwohner von Ilbeshausen in Richtung Gaststätte begaben, erschien ihnen der Teufel. Einige wurden ohnmächtig, andere hörten, wie er mit donnernder Stimme verkündete, dass der Zimmermann eine Wette verloren hatte, er selbst den neuen Giebel gebaut hatte, und nun gehörte ihm die Seele des Zimmermanns! Der Teufel glitt hinüber zur Mühle, packte den Zimmermann, stieg mit ihm in die Höhe und rüber in Richtung Crainfeld, wo er den Zimmermann vor den ersten Sternen der Nacht zerriss.

In Crainfeld wunderten sich die Leute, später, warum bei ihnen Stroh vom Himmel fiel.

Die Einwohner starrten noch lange murmelnd in die Nacht, weckten die Ohnmächtigen, während der Zimmermann mit Sack und Pack im Schutze der Dunkelheit dem Bach folgte, um weit weg vom Einflussbereich des Landgrafen von Kassel ein neues Leben zu beginnen.

Der Löffelmacher von Ilbeshausen war einer derjenigen gewesen, die vor der Gaststätte alles beobachtet hatten und dachte: Das ist ja schon ziemlich außergewöhnlich, was da passiert ist. Jemand sollte das aufschreiben. Doof, dass ich nicht lesen oder schreiben kann. Naja, vielleicht ein Nachfahre von mir.


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