Die 10er. Vom Schreiben, Müdigkeit und Grenzen

Es ist schon wieder ein Jahrzehnt vorbei, und ich weiß nicht, wie ich es verbuchen soll.

Bin ich menschlich gewachsen? War es beruflich ein Schritt nach vorne? Kann ich mit dieser Dekade zufrieden sein?

Ich weiß es nicht, denn auch wenn ich das Primärziel erreicht habe (ein Jahrzehnt als freier Autor überlebt, an sich schon außergewöhnlich), bin ich trotzdem unzufrieden. Es wäre übertrieben, es als Jahrzehnt des Scheiterns zu bezeichnen, denn man muss ja Zustand der Weltpolitik nicht gleich auf die eigene Situation übertragen, aber da waren so viele Chancen und Versprechungen, die sich in Luft aufgelöst haben, dass zumindest ein Gefühl der Ernüchterung zurückbleibt.

Die Nullerjahre waren atemlos: ein Kopfsprung in die Freiberuflichkeit, zwei Umzüge (inkl. Hauskauf), zwei Kinder, viele grundverschiedene Tätigkeiten von Spielen über Drehbücher zu den ersten Romanen …  im Rückblick ist mir absolut schleierhaft, wie ich das alles unter einen Hut bekommen haben soll.

Verglichen damit waren meine 10er-Jahre beim flüchtigen Hinsehen stabil, eine logische Weiterentwicklung ohne große Umwälzungen. Das Haus steht noch und wird hier und da renoviert, die Kinder werden langsam erwachsen, Bücher schreiben sich immer noch nicht von selbst (obwohl seit Jahren davon geredet wird, dass die KI den Job bald übernimmt), Computerspiele sind inzwischen “same shit, different day”, allerdings sind mir inzwischen ein paar Podcasts gewachsen.

Ich hatte ein paar Seuchenjahre, wo nichts zusammenlaufen wollte. Der Anfang des Jahrzehnts, 2010, war so eines. Viele kleine Jobs, viel Krampf, zum Ende hin sogar etwas, bei dem ich noch einen Anwalt einschalten musste, um nicht ganz mit leeren Händen dazustehen. Es sind solche Jahre, die die Selbstzweifel wecken, und Ende 2010 war ich bereit, die Brocken hinzuwerfen. Genau in diesem Augenblick, when all other lights go out, ergab sich die Mitarbeit einem großen Projekt, an die ich besonders gern zurückdenke, auch wenn letzten Endes dieses Spiel leider eingestellt wurde. Jedenfalls ging es dadurch für mich weiter. Bis hin zu einem gewissen Herrn Laffer, der sicher für mich der Höhepunkt (hihihi) dieses Jahrzehnts war, in spielerischer Hinsicht.

Zwischen diesen beiden Titeln habe ich an vielen anderen Spielen gearbeitet, und ich weiß immer noch nicht so recht, wie Storytelling und Interaktivität zusammenpassen. Immer wieder mische ich Öl und Wasser und schüttele den ganzen Tag, aber es will sich einfach nicht vermischen, und ich habe das Gefühl, dass dieses Thema, das mich seit 1986 beschäftigt (das ist keine Übertreibung), über das ich eine Magisterarbeit geschrieben habe, vielleicht ganz einfach ein Holzweg ist. Vielleicht liegt es an der Rolle des kreativ-interaktiven Autors (oder “narrative designer”, wie die jungen Leute sich heutzutage gern nennen), der auch nur ein Rädchen in der großen Gamedev-Maschinerie, vielleicht liegt es an mir, vielleicht liegt es am Medium selbst. Da bin ich ratlos, und auch wenn Computerspiele sich in diesem Jahrzehnt weiterentwickelt haben und Titel wie Firewatch oder What Remains of Edith Finch erzählerische Meisterwerke waren, so sind es eben keine klassischen Adventures und die Ausnahme von narrativen Spielen, die tatsächlich einschlagen. Zumal solche Spiele so gut wie nie in Deutschland entwickelt werden, und wenn doch, dann nur mit einem Mini-Budget und mit Autor*innen, die in erster Linie die Dialoge fehlerfrei runterschreiben sollen. Nach fast 25 Jahren in der deutschen Spielebranche bin ich in dieser Hinsicht etwas desillusionisiert.

Aber ich schreibe auch Bücher.

Ja, durchaus. Seit ein paar Jahren habe ich zwar keins mehr verfasst und alle in diesem Jahrzehnt erschienenen Titel haben nicht eingeschlagen wie erwartet, aber hey.

Moment, höre ich da einige Leute, die Bücher waren doch errfolgreich! Wie man’s nimmt – wenn man mir vor 20 Jahren gesagt hätte, dass meine Bücher sich tausenfach verkaufen, hätte ich Freudentänze aufgeführt. Heute muss ich es doof finden, dass sie sich nicht zehntausendfach verkauft haben. (Ich musste gerade selbst darüber kichern.)

2014 sind meine beiden lustigen Sachbücher in einem Großverlag erschienen, haben einiges an Werbung auf Aufmerksamkeit erfahren, mir zwei TV-Auftritte und massig Radiointerviews beschert … und es hat sich nicht in Verkäufen in der erhofften Höhe niedergeschlagen. Abgesehen davon war es keine schöne Erfahrung, ein lustiges Buch zu schreiben und ein anderes zu vermarkten, während die eigene Mutter an Krebs stirbt. Die Rechte an den beiden Büchern fallen jetzt wieder an mich zurück, und ich weiß nicht, ob ich sie noch einmal selbst rausbringen oder einfach vergessen möchte.

Das Buch, in das ich mit Abstand die meiste Arbeit gesteckt habe und mit dem ich am zufriedensten bin, ist noch erhältlich: mein Politthriller “Tiefe Saat”. Eine unfassbar schwere Geburt, ein Buch, das ich mehrmals komplett umstrukturiert habe, an dem ich JAHRE länger gearbeitet als eigentlich gedacht … Anfang 2017 ist es endlich erschienen … aber es hat kaum jemand bemerkt. Das Schicksal einer Veröffentlichung in einem Kleinverlag.

Heißt, dieses Jahrzehnts haben meine Bücher weder in Groß- noch Kleinverlagen so richtig geknallt. Das erklärt dann auch, warum ich aktuell kein neues Manuskript vorantreibe.

Es ist dann sehr seltsam, wenn ich, was in letzter Zeit häufiger vorkommt, von Leuten angeschrieben werde, die gern wissen möchten, wie man so ein erfolgreicher Game Writer / Schriftsteller / Übersetzer wie ich wird.

Ein Teil von mir gibt ein grunzendes Lachen von sich. Erfolgreich, ich. Was haben die Leute da draußen für ein Bild von mir? Dass ich reich und berühmt bin? Waren die 10er mein großer Durchbruch? Ist doch albern, ich bin von Selbstzweifeln zerfressen und war oft genug nur einen Schritt davon entfernt, alles hinzuschmeißen.

Ein anderer Teil von mir wäscht mir dann den Kopf und sagt: hey, lass das Jammern, du bist schon viel weiter gekommen als viele andere, und abgesehen davon kann nicht alles ein Erfolg werden. Du musst jetzt nicht die Weltschmerz-Pose einnehmen, bloß weil du keinen Bestseller geschrieben hast.

Solche Mails versuche ich konstruktiv beantworten, aber ich habe bald alle Variationen von “Keine Ahnung, ich war stur und hatte viel Glück” durch. Dazu kommt, dass ich das Privileg genossen habe, vergleichsweise sorglos studieren und experimentieren zu können (mit Praktika, nicht mit Drogen). Da haben sich vor 20 Jahren halt Weichen gestellt, die ich nicht rational nachvollziehen kann, und aus denen ich vor allem keine hilfreichen Ratschläge für die heutige Lebenswirklichkeit ableiten kann.

Viel lieber hätte ich gern Ratschläge, wie ich selbst mit den 20ern umgehen soll.

Denn müde bin ich jetzt schon.

Müde von der Interaktivität, die sich nicht mit dem Geschichtenerzählen vereinen lässt, müde vom Gedanken, tatsächlich ein neues Buch zu beginnen, müde vom Gedanken, dass es das Jahrzehnt ist, in dem ich 50 werde.

Müde von einer Welt mit AfD, Trump, Johnson und Klimawandel.

Müde von der Vorstellung, was ein weiteres Seuchenjahr wie 2010 bedeuten könnte.

Diese Müdigkeit kann auch nur dornige Erfahrenheit sein. Ich kenne die Branchen, in denen ich mich bewege, ziemlich gut. Viele Mechanismen überraschen mich nicht mehr. Zu viele Dinge wiederholen sich, und ich mache mir vor allem Sorgen, dass die 20er Jahre nur ein 10er-LARP werden. Ein Jahrzehnt mit neuen Anläufen und neuem Scheitern. Eines, in dem die Kinder älter werden, das Haus neue Renovierungen verlangt und der eigene Körper das halbe Jahrhundert vollendet. Eines, in dem ich weiter das Gefühl habe, eigentlich nicht zu wissen, was ich da tue, während ich Mails beantworte, die Lebenshilfe sein sollen.

Dabei, und das ist das Paradoxe, steht meine letzte Romanübersetzung jetzt, wo ich das hier tippe, auf Verkaufsrang #6, ich arbeite an mehreren spannenden Sachen wie (wegen NDA gestrichen) oder (ich werde gehauen, wenn ich das verrate). Der Buchpodcast ist anstrengend und zeitraubend, aber eine einzige Freude. Ich habe keinen Grund, mich müde zu fühlen. Verdammt, ich habe keine Zeit, mich müde zu fühlen.

Das, seien wir ehrlich, ist nicht gut.

Vielleicht werde ich später auf die 10er-Jahre zurückblicken und bemerken, dass es das Jahrzehnt war, in dem ich meine Grenzen gefunden habe. Nicht, weil ich gegen sie angerannt wäre, sondern weil ich auf eine ganz natürliche Weise dort angelangt bin. Ohne sie zu suchen, die Straße hat einfach zu ihnen geführt.

Es war das Jahrzehnt, in dem ich mir vorgenommen hatte, aktiver zu sein, im Kleinen wie im Großen, meinen Beitrag im Kampf gegen den aufkeimenden Faschismus zu leisten, aber auch viel Sport zu treiben, Kinder ordentlich großzuziehen und nur an den Büchern und Spielen zu arbeiten, die mich interessieren, die eigenen großen Projekte zu realisieren, aber gleichzeitig genug zu verdienen, um nicht wegen existenziellen Sorgen zerfressen zu werden.

Einiges davon ist mir phasenweise gelungen, aber nie alles gleichzeitig.

Wenn es nur eine einzige Sache gibt, die ich mir für die 20er vornehmen muss, dann, die verzweifelten Versuche aufzugeben, alles zur gleichen Zeit und  genauso gut hinzubekommen. Auch wenn ich das gern möchte. Auch, wenn es mich nervt, dass das nicht geht.

Eine Grenze nach der anderen.

Der Müdigkeit nachgeben.

Weiterschreiben. Egal, woran.