Kontrollverlust

Am Sonntag, 25. Oktober 2026 lief ich mal wieder in Frankfurt einen Marathon. Das Training war dieses Jahr gut gewesen, und ich hatte Bock.

Zum Start war das Wetter fürchterlich. Regen, immer wieder aufbrausend, während sich 18.000 Leute vorm Messegelände an der Ludwig-Erhard-Anlage zum Start schoben. Als die Leute aus dem letzten Startblock (inklusive mir) die Startlinie überquerten, war die Spitze schon ungefähr bei Kilometer 10.

Der Regen ließ nach. Die Form leider auch. Schon etwa bei KM 18 bemerkte ich Muskelprobleme, sodass ich einen Ausstieg erwägen musste. Meine Zeiten waren aber in Ordnung. Für die erste Hälfte hatte ich 2:10 bis 2:15 anvisiert, also wollte ich das noch versuchen, und die Halbmarathon-Marke erreichte ich dann auch bei 2:13. Also erst mal weiter, Ausstieg geht ja immer.

Wer Langstrecke läuft, kennt diese Wellen und Phasen, die man durchmacht. Das Gefühl, dass nichts mehr geht, wird abgelöst von drei Kilometern, die man wieder wie ein junges Reh rennt. Und dann kommt der nächste Einbruch, den man wieder irgendwie übersteht. Das ist der Reiz der Langdistanz.

Bei KM 39 führt die Strecke ein zweites Mal über die Hauptwache. Da steht viel lautes Publikum, ich joggte so gut wie möglich vorbei, dann musste ich eine weitere Gehpause einlegen. Als ich das tat, näherte sich mir vom Bürgersteig ein Mann mittleren Alters, der in der Hand eine schwarze Dose Jack-Daniels-Cola hielt, und spazierte mit mir weiter. Er schaute mir ernst in die Augen und fragte frankfurterisch:

„Jetzema ohne Scheiß … warum macht ihr des denn?“


Vor etwa einem Jahr habe ich einen Thriller konzipiert. Nicht nur einen Thriller – eine ganze Thriller-Reihe. Eine originelle Hauptfigur, aktuelle politische Themen, ruhig etwas plakativ, damit es auch reinknallt. Mit dem Ziel, dafür eine Literaturagentur zu begeistern und einen guten Verlagsvertrag zu bekommen.

Da ich gerade ohne Agentur war, habe ich den üblichen Verdächtigen (und ein paar mittleren Agenturen, bei denen das Buch auch ins Beuteschema passen dürfte) das Konzept für die Reihe und die ersten 50 Seiten Leseprobe des Manuskripts geschickt.

Nun schreiben alle Agenturen auf ihren Homepages: wenn wir uns nicht innerhalb von 2 Monaten melden, bedeutetet das automatisch eine Absage, bitte keine Rückfragen.

Gut, dachte ich mir, ich fange ja nicht bei Null an, und das Primärziel ist, überhaupt wieder mit einer Agentur ins Gespräch zu kommen. Wird ja wohl nicht passieren, dass die ALLE mich ignorieren.


„Weil ich ohne den Marathon überhaupt net daheim laufe würd“, sagte ich in meinem eingeborenen Mittelhessisch zu dem Jacky-Cola-Dude in Frankfurt. „Damoklesschwert un so.“

Ich weiß nicht, ob er verstanden hat, was ich ihm sagen wollte, aber da ich auf eine Grundsatzdiskussion keine Lust hatte, lief ich mit schmerzenden Beinen wieder an, in der Hoffnung, dass er mir nicht nachläuft, weil er nix verschütten will.

Er blieb mit meiner Antwort zurück. Ich weiß nicht, ob sie ihn überzeugt hat.


Zwei Monate lang meldete sich keine der angeschriebenen Literaturagenturen. Und auch nicht später.

Nun ist es natürlich gut möglich, dass das, was ich für markttauglich und spannend halte, weder das eine noch das andere ist. Oder dass meine Leseprobe einfach scheiße ist. Oder dass mein Autorenname verbrannt ist.

Da stehe ich jetzt also: das Jahr, in dem ich noch mal so richtig angreifen wollte und richtig viel schreiben, einen neuen Anlauf im Buchmarkt machen, ging daneben.

Okay: dieses andere Buch, das ich quasi fertig habe, das nur noch finalisiert werden muss, das immer noch nicht wie geplant im Eigenverlag erschienen ist, dieser Krimi … das kann ich keiner Agentur in die Schuhe schieben.

Warum ist das Buch noch nicht draußen? Nun, immer, wenn ich das Manuskript öffne, frage ich mich selbst:

„Jetzema ohne Scheiß … warum mach ich des denn?“


Wenn man über viereinhalb Stunden gejoggt (und geschlurft) hat, grinst man nicht mehr.

Diesmal schon. Die letzten Kilometer, nachdem ich Jacky-Cola-Dude hinter mir gelassen hatte, über den Opernplatz, an den Deutsche-Bank-Türmen vorbei zurück zur Festhalle, konnte ich nicht anders.

Warum ich des denn mach? So viel joggen, so viel Training, nur um 100 Euro zu bezahlen, um durch Frankfurt rennen zu dürfen und alles tut dabei weh?

Weil ich die Kontrolle zurückhole.


Im Kreativbereich zu arbeiten ist derzeit reiner Kontrollverlust.

In meiner Gamesbranche häufen sich Pleiten und Entlassungen, und das schlägt auch zu uns Freiberuflern durch. Die Buchbranche, naja, siehe oben, und allgemein ist da jetzt auch nicht unbedingt Wachstum oder Blumenwiese. Und dazu immer noch und überall der KI-Hype, bei dem Leute wie ich, die keine Lust haben auf den Einsatz einer Mustererkennungs-Plagiatsmaschine von Milliardären, die die ganze Gesellschaft in Geiselhaft nehmen, einfach nur schreien wollen.

Im allen Kreativbereichen höre ich immer wieder Geschichten, dass Leute irgendwie KI in ihren Workflow einbauen, weil sie ansonsten fürchten, abgehängt zu werden. Das führt dann dazu, dass zentrale kreative Entscheidungen an die KI ausgelagert werden, und ich glaube, das hat auch einen psychologischen Grund: wenn man eine kreative Entscheidung mit dem Segen einer KI trifft, kann man im Zweifelsfall immer der KI die Schuld geben, wenn etwas nicht funktioniert hat.

Das ist ein bewusster und freiwilliger Kontrollverlust, den ich nicht mitmachen will. Ich will meine Fehler weiterhin selbst machen und zu ihnen stehen.

Ich kann nicht steuern, wie eine Literaturagentur meine Romanidee wahrnimmt. Aber ich kann die Kontrolle behalten, wie ich selbst kreativ arbeite.


Grinsend lief ich ins Ziel. Grinsend und melancholisch. Denn ich habe nur noch ein paar Jahre vor mir, in denen ich überhaupt Marathon laufen kann. Vielleicht sollte ich jetzt schon runterstufen auf Halbmarathon. Und selbst der wird auf absehbare Zeit nicht mehr für mich möglich sein.

Trotz allem Sport: Alterung ist reiner Kontrollverlust.

Beim Training habe ich es selbst in der Hand: wie ich trainiere, wie oft ich trainiere, welches Ergebnis ich erreichen kann, wie sehr ich mich anstrenge, wo ich es schleifen lasse.

Und trotzdem muss ich mit den unberechenbaren Dingen leben: dem schlechten Wetter am Marathontag, einer Verletzung, die mich zurückwirft, einer zufällig schlechten Tagesform.

Langstrecke laufen heißt: Kontrolle habe ich nur darüber, was ich selbst tue. Der Rest ist Chaos.


„Jetzema ohne Scheiß … warum macht ihr des denn?“

Ja, Jacky-Cola-Dude, der du zufällig an der Hauptwache rumstandest, du hast mir in diesem Moment genau die Frage gestellt, die mich schon länger umtreibt.

Und ich brauche noch ein wenig, bis ich endgültig eine Antwort finde.

Mit diesem Kontrollverlust muss ich leben.

Rennend.


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