Technologie im Hypejahr 2026

In meinem Kopp herrscht ein Durcheinander über Technologie. Vor allem im Bezug auf den KI-Hype. Das passiert regelmäßig, und dann muss ich aktuelle Themen kategorisieren, sortieren und irgendwie geistig in den Griff bekommen. Es wird oberflächlich, sprunghaft, fachlich zweifelhaft, höchst subjektiv und ganz sicher polemisch.

Ein Social-Media-Verbot ist Humbug

Die Kategorisierung der Apps, die Social Media sein sollen, ist beliebig. Natürlich gibt es offensichtlichen Fälle, aber sind Messenger an sich schon Social Media? Oder erst, wenn sie auch einen Status oder Gruppen bieten? Sind SMS schon Social Media? Was ist mit Apps, die ganz andere Hauptfunktionen haben, aber in denen man sich auch wie einer sozialen Plattform vernetzt?

Natürlich wird ein Social-Media-Verbot in der Realität so gut funktionieren wie die Indizierung von gefährlichen C64-Spielen, die durch die Indizierung natürlich NIE auf dem Schulhof getauscht wurden.

Ein Social-Media-Verbot, wie es Stimmen aus SPD und CDU gerade fordern, ist zielloser Aktionismus, um zu demonstrieren: guckt, wir haben was getan, MISSION ACCOMPLISHED! Mehr nicht.

Dabei, und das ist die Ironie, bin ich tatsächlich für eine staatliche Regulierung. Nur halt an der richtigen Stelle:

Die Suchtmechaniken sind das Problem

Social Media behauptet, Menschen zusammenzubringen. In Wirklichkeit will es eine endlose Flut von Content bringen, in der Werbung mitgespült wird. Je mehr Aufmerksamkeit, desto mehr Werbung, desto mehr Umsatz. Für diese Firmen ist nichts schlechter als Leute, die in ihre App gehen, den Content der Leute anschauen, denen sie gezielt folgen, und wieder gehen. Nein, der berühmte Algorithmus soll die Dinge bringen, die einen interessieren könnten – und zack, wieder sind dreißig Minuten vorbei, inklusive vieler Anzeigen.

Ich weiß nicht, ob es legislative Hebel gibt, die Plattformanbieter in die Pflicht zu nehmen, diese Suchtmechaniken zu deaktivieren. Aber ich habe wenig Hoffnung, dass da wirklich was passiert bei einer Bundesregierung, die selbst auf X weiter aktiv ist, als wäre das nicht inzwischen eine botverseuchte Hassplattform. Da muss man auf eine Regelung der EU hoffen, die bei dem Thema gelegentlich Zähne zeigt, aber im Moment fürchten muss, dass Trump die Flugzeugträger in die Nordsee schickt, wenn sie sich erdreistet, X den Saft abzudrehen (weil FREEDOM OF SPEECH).

So, und dann stellen wir uns mal vor, es gäbe ein Social-Media-Verbot für Jugendliche und Kinder, und nun erwarten wir von ihnen aber auch, dass sie viel mehr in der echten Welt machen und nicht nur vor diesen Bildschirmen hängen. Dafür gibt es dann ja auch genug Möglichkeiten, ja?

Aber natürlich! Ist ja nicht so, als würde bei Bildung oder Jugendarbeit irgendwo gekürzt oder eingespart, oder es würden öffentliche Räume kommerzialisiert! Die Jugendlichen wissen ja gar nicht, wo sie anfangen sollen! Haha.

Das Smartphone ist ein Taschenmesser

Ich mag Smartphones. Endlich nur noch ein Gerät rumtragen, das so ziemlich alles kann. Aber auch ich verbringe zu viel Zeit mit dem Ding und versuche, aktiv gegenzusteuern.

Es ist noch nicht so weit, dass ich wieder auf ein Nokia umsteige oder so ein Light-Phone. Denn das Problem ist nicht das Gerät, das Problem ist mein Verhalten und mein Kopf. Ich versuche, das Smartphone wie ein Taschenmesser zu behandeln: ich hole es raus, wenn ich es brauche, nutze es für den jeweiligen Zweck und stecke es wieder ein.

Funktioniert das im Alltag? Haha, nein. Ich hole es immer noch viel zu oft raus und mache damit Dinge, die Zeitverschwendung sind. Es hilft ein wenig, wenn ich einen Modus aktiviere, der nur Anrufe und nur Notifications von favorisierten Kontakten durchlässt (also der engeren Familie). Trotzdem muss ich weiter an mir arbeiten, nicht aus Langeweile das Taschenmesser rauszuholen und mit der Klinge zu spielen (um bei dem Vergleich zu bleiben).

Medienkompetenz

Ich bin sehr dafür, dass Medienkompetenz gelehrt wird. Nicht nur an der Schule. Auch ein Faktor, der den Endlos-Stream von Content in diesen Apps betrifft: wenn die Inhalte automatisch generiert werden können, von der Realität immer schwerer zu unterscheiden sind, inhaltlich und stilistisch so perfekt auf die jeweilige Person zugeschnitten sind, dass das Abschalten noch schwerer wird … bitte, holt irgendeinen legislativen Hammer raus, der halbwegs passt, denn da reicht dann auch keine Medienkompetenz mehr aus. Eine Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte wäre gut.

Und, nein, wie auch immer ich es im Kopf drehe und wende: KI aktiv in der Schule einzusetzen ist für mich intellektuelle Kapitulation und kann nicht die Reaktion darauf sein, dass die Lernenden ihrerseits natürlich KI als aktuelle Abkürzung nutzen.

KI ist ein Bullshit-Zufallsgenerator

Lehrt – in Schule oder im Alltag – den Unterschied zwischen KI-Tools, die bestimmte Zwecke erfüllen, wie sie funktionieren, wo der Bullshit beginnt. Wer jetzt “Hä?” sagt … ich illustriere es mit meinem Lieblingsbeispiel:

Nutzt man ChatGPT oder Gemini oder was auch immer, wirkt das bei vielen Leuten beeindruckend, dass wirklich ALLES von der KI beantwortet werden kann. Aber wenn es um das Fachgebiet geht, auf dem man sich selbst auskennt, merkt man: Moment, das ist alles sehr banal runtergebrochen, oberflächlich oder sogar falsch.

Und dann muss man nur noch die mentale Leistung vollbringen, den Antworten der KI erst mal grundlegend zu misstrauen, wenn sie Gebiete betreffen, in denen man sich selbst nicht auskennt, aber die KI cosplayt, sie wäre perfekt und unfehlbar.

Immer dran denken: eine KI weiß nichts, sie schaut nur noch Mustern in ihren Trainingsdaten und holt da raus, was die wahrscheinlichste Antwort ist.

KI, was ist zwei plus zwei? Wahrscheinlich kann sie mit “vier” die richtige Antwort geben. Aber nicht, weil sie das berechnet. Nein, sie schaut in den Bergen von Trainingsdaten, was die wahrscheinlichste Antwort auf diese Frage ist. Klingt das nach einem System, dem man generell mit Vertrauen begegnen sollte? Ein BBC-Journalist hat sich gerade mit einfachsten Mitteln als Champion im Hotdog-Wettessen in die KI geschmuggelt.

KI bleibt Hype

Es gibt diesen Gag, dass viel, was als KI verkauft wird, in Wirklichkeit 10.000 Leute in den Philippinen sind. Die Läden von amazon, in denen man einfach Dinge mitnimmt? Yep, lief alles per Kamera und manuell. Robotaxis? Brauchen Leute. Der Tesla-Roboter? Nun, wenn der Typ mit der Fernsteuerung vergisst, die Verbindung zu trennen und das Headset abnimmt, kippt der angeblich autonome Roboter um.

Die letzten Tage war ja nicht zu übersehen, dass Hollyood am Ende ist. Denn da behauptete jemand, mit zwei Prompts in einer Video-KI eine Prügelei zwischen Tom Cruise und Brad Pitt inszeniert zu haben. Das revolutioniert alles, bald können “KI-Künstler” ganze Filme machen!!! Aktuell sehen die Suchergebnisse so aus:

Weniger Berichte gibt es allerdings darüber, dass dieser Clip mit großer Wahrscheinlichkeit reale Stuntmen zeigt, auf deren Köpfe digital die Gesichter der beiden Schauspieler gepappt wurden.

Alles ist Hype. Alles ist Propaganda. Und die KI-Großmäuler werden weiter hofiert, als würden sie sich um den Platz des Messias bewerben.

In spätestens zwei Jahren sollen alle Bürojobs von KI-Systemen erledigt werden können, sagen sie. Die Realität sind anders aus. Vielmehr scheinen aktuelle Entlassungen von vielen Firmen durch KI schöngeredet zu werden. Nach dem Motto: WIR haben sicher keine Fehler gemacht oder zu viele Leute angestellt oder uns verrechnet, wir entlassen jetzt nur, weil KI kommt, tja, was sollen wir machen. Schon praktisch, wenn man Leute feuern und es als Investition in die Zukunft verkaufen kann.

Dabei muss man festhalten: seit drei oder vier Jahren werden revolutionäre Veränderungen im Arbeitsleben prophezeit, vielleicht sogar eine generelle Künstliche Intelligenz, die “in wenigen Jahren” da sein sollen. Und das tun sie halt immer noch. Natürlich kann in konkreten Teilbereichen eine KI-Automatisierung stattfinden, aber viel Erfolg an alle, die nun mit Vibe Coding arbeiten statt mit Leuten, die tatsächlich programmieren können. Oh, und “Agentic AI” und der Moltbook-Hype? Meine Güte, ich bekomme nur Kopfschmerzen bei diesem Blödsinn.

Das Cruise-Pitt-Video und Moltbook werden in wenigen Wochen vergessen sein, wenn die nächste KI-Sau durchs Dorf getrieben wird. Und es wird überall darüber berichtet werden, dass sich jetzt alles ändert, dass in wenigen Jahren nichts mehr so ist wie zuvor, dass bald keiner mehr einen sicheren Job hat.

Und wenn das nicht passiert, dann sicher zwei Jahre später!

Generative KI und wie die Zeiten sich ändern

Ich war immer Fan dieses Zitats von Douglas Adams:

Anything that is in the world when you’re born is normal and ordinary and is just a natural part of the way the world works.

Anything that’s invented between when you’re fifteen and thirty-five is new and exciting and revolutionary and you can probably get a career in it.

Anything invented after you’re thirty-five is against the natural order of things.

Und ich bin selbstkritisch genug, um mich zu fragen, ob ich mit meiner Ablehnung von generativer KI nun nach ein wenig über 35 Jahren doch in diese Falle gegangen bin, dass ich Veränderung an sich ablehne. Entweder ist es das, oder ich habe inzwischen so viel Erfahrung in der Medienbranche und im Leben, dass ich viele Aspekte und Haltungen gegenseitig abwägen kann und zu einem informierten Schluss komme, dass ich beruflich und privat keine generative KI nutze. (Disclaimer: ich benutze Tools, die einen konkreten Zweck haben, die inzwischen als “KI” beworben werden, z.B. den Dienst Auphonic, der Podcast-Tonspuren optimiert.)

Ich verabscheue jede Art von Ergebnis, das generative KI ausspuckt. Bilder, Videos, Musik und Text. Und ich bin schon reingefallen auf KI-Content, den ich nicht gleich als solchen erkannt habe. ChatGPT, Gemini, Copilot usw spielen in meinem Leben keine Rolle. Bin ich out of touch oder sind es die KI-Fans, die unrecht haben?

KI bietet als Output immer eine Annäherung an den Durchschnitt. Wer Durchschnitt will, weil man in diesem Gebiet selbst sowieso nur unterdurchschnittlich ist, muss KI lieben. Sie kann alles gut genug. Selbstverständlich finde ich KI-Texte fürchterliches Gewäsch. Aber wer’s nicht mit Schreiben hat, ist hochzufrieden, einen halbgaren Text optimiert zu bekommen. Ist okay – aber mir soll bitte niemand erzählen, dieser Text wäre GUT. Er entsteht billig, schnell und massentauglich. Mehr nicht. Und ich glaube, so benutzt der Großteil der Leute auch KI jeder Art: als schnellen und einfachen Weg zu einem gefälligen Ergebnis. Man könnte auch an den eigenen Fähigkeiten arbeiten, mal wieder so’n Buch lesen und etwas Textkompetenz lernen, aber bleiben wir mal realistisch.

Wenn ich jetzt sage, dass die Kehrseite ist, dass KI-Tools zu Denkfaulheit führen, habe ich das Problem, dass “Selbstdenker” ein Begriff ist, den Leute verwenden, die in ihrem Facebook-Profil als Ausbildung “Schule des Lebens” angeben, und der “Querdenker” ist auch nicht weit weg. Wer stolz seine “eigene Recherche” betreibt, landet schlimmstenfalls auf der Flacherde und hält den Klimawandel für einen Hoax usw. Ich halte die eigene Geistesleistung trotzdem für unerlässlich und kritisches Denken auf rationalem Boden mehr als erstrebenswert. Also die Dinge, die eine KI abkürzt.

Wollen wir uns wirklich darauf verlassen, dass der Output einer KI, der sich nur den Trainingsdaten annähern kann, immer einem fachlichen oder wissenschaftlichen Konsens folgt? Wenn ein Elon Musk seine eigene KI skrupellos auf sich selbst optimiert? Wenn Altman von Open AI immer wieder durch ein zynisches Menschenbild auffällt?

Wollen wir das Denken an diese Leute outsourcen und unsere Weltsicht durch ihre Filter erhalten?

Der Weg ist das Ziel

Was mich nervt, ist, dass KI an den Stellen eine Abkürzung sein will, wo ein Umweg hilfreich sein könnte. Die aktuellen Beispiele, was “Agentic AI” alles tun kann: sie bucht dir den Urlaub, sie bestellt dir dein Essen, sie organisiert dein ganzes Leben.

Ich, ein examinierter Stubenhocker und eigentlich Technik-Fan, bin inzwischen so weit, dass ich sage: geh mir mit diesem Blödsinn weg. Ich will nicht, dass mir die KI jede Reibung aus dem Alltag entfernt. Und ich werde lachen und mit dem Finger deuten bei jedem Fall, bei dem eine Agentic AI jemandem einen Urlaub in der falschen Stadt bucht.

Wenn ich eine Recherche-Detailfrage für einen Roman beantworten will, könnte mir die KI vielleicht die wahrscheinlichste Antwort auf dem Silbertablett liefern. Aber dann kann ich nicht sicher sein, dass sie wirklich stimmt, und wenn ich Bücher lese und Websites wälze, um irgendwo eine Antwort zu finden, stoße ich sicher auf unerwartete Details, die ich anderswo verwenden kann.

Wenn ich Musik machen will, muss ich lernen und üben. Wer mit Suno oder anderen Tools per Prompt Musik generiert, ist kein Musiker. Und nein, das ist nicht die gleiche Diskussion wie beim Synthesizer, denn den muss man tatsächlich bedienen können, statt ihm einfach was zu befehlen.

Wenn ich einen Marathon laufe, soll er auch 42,195 KM sein. Nein, ich will nicht, dass er mithilfe der KI nur 200 Meter lang wäre. Und wer jetzt sagt: hey, KI kann doch tolle Trainingspläne machen … ein Trainingsplan ist nicht das Problem, sondern bei Scheißwetter tatsächlich in die Schuhe zu steigen und Kilometer zu schrubben.

Es treibt mich selbst in den Wahnsinn, dass ich, wie oben gesagt, darüber glücklich bin, mit dem Smartphone ein digitales Taschenmesser dabei zu haben, dass ich eigentlich immer Tech-Optimist war, dass ich die Vorzüge des Internets genieße … während mit jedem Tag, den ich älter werde, dieses Zitat von Kurt Vonnegut im Anbetracht der KI-Abkürzungen immer stärker mit mir resoniert:

(talking about when he tells his wife he’s going out to buy an envelope) Oh, she says well, you’re not a poor man. You know, why don’t you go online and buy a hundred envelopes and put them in the closet? And so I pretend not to hear her. And go out to get an envelope because I’m going to have a hell of a good time in the process of buying one envelope. I meet a lot of people. And, see some great looking babes. And a fire engine goes by. And I give them the thumbs up. And, and ask a woman what kind of dog that is. And, and I don’t know. The moral of the story is, is we’re here on Earth to fart around. And, of course, the computers will do us out of that. And, what the computer people don’t realize, or they don’t care, is we’re dancing animals. You know, we love to move around. And, we’re not supposed to dance at all anymore.

„The computer“. Da war’s noch keine KI, um die es ging. Einige Dinge ändern sich wohl nicht.

Mir reicht’s

Generative KI nimmt mir die naive Freude an Medien, weil ich bei Bildern, Filmen, Musik und Büchern nun immer misstrauisch sein muss, ob das nicht ein KI-Output ist.

Oh, klar, jetzt sagen einige: ist doch egal, wenn dir das Ergebnis gefällt, ob das KI ist oder von einem Menschen gemacht wurde.

Ich habe mir gerade einen Sonntag Nachmittag um die Ohren geschlagen, um diesen Text zu schreiben. Wort für Wort. Wer bis hierhin gelesen hat und jetzt meint, das könne mir doch egal sein …

… go fart around!

PS: Und wer sich diesen Text von einer KI zusammenfassen lässt, stimmt den Nutzungsbedingungen zu, sich von mir mit einem nassen Handtuch verprügeln zu lassen.

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