Jede meiner Midlife Crises hat eigene Schwerpunkte gesetzt. Die aktuelle – Nummer drei – hat mich zurück zu Armbanduhren gebracht.
Ich hab’s mit Smartwatches probiert. Vor allem, um weniger Bildschirmzeit zu haben und das Smartphone weniger oft in die Hand zu nehmen. Hat nicht geklappt – im Gegenteil habe ich auf Smartwatch UND dann Smartphone geschaut. Also Benachrichtigungen ausgeschaltet. Was hatte ich dann? Eine Uhr, die alle paar Tage geladen werden musste. Also: weg damit und zurück zu Casio.
Dann – vermutlich auch ein Symptom aus der Kategorie “mittelalter Mann” – begann ich, mich für Uhren zu interessieren. Wenn Leute mit einem Hirn wie meinem ein Thema interessant finden und beginnen, sich darüber einzulesen, heißt das: ab sofort ist dieses Ding zentraler Teil meiner Identität und ich muss alles darüber wissen.
Armbanduhren waren früher mechanisch, und dann kam die Quarztechnologie. Auf einmal waren Uhren günstiger herzustellen, weil weniger komplex und fehleranfällig, liefen dabei genauer und wurden für die Kundschaft erschwinglicher. Das führte in den 70ern und 80ern zur Quarzkrise, die den Markt komplett umgestülpt hat.
50 Jahre später sind mechanische Uhren nicht ausgestorben, im Gegenteil, sie werden weiterentwickelt, und Automatikuhren, deren Energie sich durch Bewegung des Arms automatisch auflädt, beherrschen das Mittel- bis Hochpreissegment, während die erschwinglichen Uhren alle auf Quarz laufen (und so günstig sind, dass man locker zehn Casios zum Preis einer Apple Watch kaufen kann, was NATÜRLICH KOMPLETT IRRATIONAL wäre).
Eine mechanische Uhr ist für viele Leute ein Statussymbol und auch etwas, das einen gewissen Stil signalisieren soll: guckt her, ich trage etwas, das ungenauer als jede Quarzuhr ist, aber Geschichte hat.
Sowohl mechanische wie Quarzuhren haben inzwischen einen gemeinsamen Gegner: die Smartwatch. Und Smartwatch heißt zum allergrößten Teil Apple Watch. Wieder etwas, das den Markt komplett umgestülpt hat vor etwas über zehn Jahren.
Ich habe die Smartwatch abgelegt, weil sie ein Dauertamagotchi war, während so eine banale Armbanduhr auf mich beruhigend wirkt. Angeblich gibt es einen Trend zum demonstrativen Analogen (siehe hier oder hier), gerade bei der Generation, die von Geburt an digital beprasselt wird. Bin mir nicht sicher, ob da ein Trend herbeigeschrieben wird, der in der Realität nur eine kleine Welle ist, oder ob sich da wirklich was bewegt.
Quarzkrise. Smartwatch-Krise. Das sind eigentlich keine Krisen, das sind nur Veränderungen.
Das Erste, was man aus ihnen lernen sollte, ist, dass diese “Krisen” nicht das bisherige Geschäftsmodell komplett ersetzen, sondern verändern und erweitern.
In allen Medien und Kreativbereichen haben wir “KI-Krise”.
Buch, Film, Computerspiel – alle sind betroffen. Und wie zu Beginn der Quarzkrise haben wir Kreative keine Ahnung, welches Geschäftsmodell überleben wird, ob unsere Dienste eine Zukunft haben und wie der Markt, den wir bedienen, in ein paar Jahren aussieht.
Die einen sagen, dass in ein paar Jahren die KI sowieso alles macht, und vielen Leuten, die Medien nur verwerten und verkaufen, wäre das sogar recht. Endlich nicht mehr mit diesen nervigen Kreativen rumschlagen, sondern alles direkt marktgerecht erhalten. Das sind die Leute, die unironisch das Wort “Content” benutzen.
Durch KI wird alles zu Content.
Zu Content, der nur einen Klick weit weg ist und den Markt fluten kann (man muss nur die unsichere Rechtelage und den unfassbaren und intransparenten Energieverbrauch ignorieren, aber wer KI breit verwendet, hat Übung im Ignorieren).
Ich wundere mich, dass im Bezug auf KI-”Werke” jeder Art nicht der gute alte Begriff “uncanny valley” verwendet wird. Der bezieht sich eigentlich auf Abbildungen von Menschen, bei denen wir unbewusst merken, dass das keine echten Menschen sind, aber zumindest für mich trifft das bei KI auch zu. Wir Kritiker bezeichnen KI-Output gern als “schlecht”, aber eigentlich ist das nicht das richtige Wort. Es ist eher ein Gefühl der Unaufrichtigkeit, das ein KI-Bild und ein KI-Text in sich tragen. Nicht quantifizierbar. Und, klar, subjektiv wird die Unterscheidbarkeit immer schwieriger, und das uncanny Magengrummeln schlägt inzwischen, aus Misstrauen geboren, auch bei authentisch menschlichen Werken an.
Wie ich letztens schon mal schrieb: natürlich kann eine LLM eine Liebesgeschichte schrieben, in der eine Figur “ich liebe dich” sagt, weil das so in den ganzen Trainingsdaten steht und die wahrscheinlichste Wortwahl ist.
Diese “Trainingsdaten” sind die Geschichten, in denen ein Mensch seiner Figur an einer ganz bestimmten Stelle mit einer ganz bewussten Intention diese Worte aufrichtig und empathisch in den Mund gelegt hat.
Die ganze Welt besteht aus Trainingsdaten. Trainingsdaten sind Content. Output ist Content. Alles wird Content.
Die Medienbranche hat gerade ihre Quarzkrise, aber Medien haben den Vorteil, das sie grundsätzlich digital sind, analog dargereicht werden können, aber nicht müssen. Welche Vergleiche können wir ziehen?
- Wer jetzt meint, sein Medienerzeugnis unbedingt mit KI realisieren zu müssen, läuft Gefahr, in der Masse unterzugehen. Swatch hat Technolgie adaptiert und auf individuelles Erscheinungsbild gesetzt – mit Erfolg.
- “Die KI geht nicht mehr weg!” Jo, Quarz ging auch nicht mehr weg. Nur: Niemand MUSS KI einsetzen, es geht nach wie vor ohne, und es gibt auch genug Leute, die mechanische Uhren WOLLEN – und Medienerzeugnisse, bei denen man die Zahnräder sehen kann.
- Anders als Uhren müssen Medien keine Luxusware sein, sie sind replizierbar, und die Wertigkeit und Sorgfalt in einem Buch, einem Film, einem Spiel geht in digitaler Form nicht verloren.
Oder hat die Medienbranche gerade ihren Smartwatch-Moment? Würde auch passen: die Apple Watch ist ein Computer, der so tut, als wäre er eine Armbanduhr. Die Imitation einer Uhr.
Und Content sieht aus wie das Ding, das es sein will, ohne es wirklich zu sein.
Oh, da kommen wir in philosophische Bereiche, was eigentlich das Abbild eines Objekts ist, platonisches Ideal und “Ceci n’est pas une pipe” und so, und darüber habe ich weder nachgedacht noch habe ich richtig Ahnung darüber, also beende ich diesen Text knallhart an dieser Stelle.
Und wer jetzt überlegt, von der Smartwatch auf eine Casio umzusteigen, sei noch mit diesem Foto motiviert. Es tut gut. Auch ohne Midlife Crisis. Und das ist ein Stück Technik, das NICHT mit jedem Update schlechter wird.

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