Pluribus Things

Ich habe “Pluribus” (AppleTV) und “Stranger Things 5” (Netflix) gesehen.


Natürlich mochte ich “Stranger Things” von Anfang an, als es 2016 losging. Es spielt in den 80ern und ist eine große Stephen-King-Hommage. Gleichzeitig hat es einen eigenen Charakter entwickelt, und es war in den letzten 10 Jahren zurecht eines der Aushängeschilder von Netflix. Ja, inhaltlich ist es ein Remix bekannter Motiven und dramaturgischer Kurven, aber es ist auch ein gutes Beispiel, wie Figuren und ihre Beziehungen untereinander eine Serie tragen können. Außenseitergeschichten haben es leicht, bei den persönlichen Erfahrungen des Publikums anzuknüpfen, und getragen durch den exzellenten Cast hat diese eigentlich wirre Geschichte über Psychokinese, Parallelwelten und Geheimexperimente von Anfang an funktioniert.

Natürlich ist Nostalgie – vor allem durch die Musikauswahl – ein Pfund, mit dem gnadenlos gewuchert wurde, aber auch hier: “Stranger Things” hat es immer geschafft, diesen Ticken mehr zu bieten, der es aus dem Klischeesumpf holt, der aus dem Jumpscare zurück zu den menschlichen Szenen führt. Die fünfte und letzte Staffel nun hat es mit den Schreckmomenten für meinen Geschmack unnötig übertrieben, aber selbst das ließe sich als King-Referenz wegerklären.

Dass diese letzte Staffel (Trailer) sich ausführlich Zeit lässt, die Geschichte zu beenden und die Charaktere wachsen zu lassen, rechne ich ihr hoch an. Und die allerletzte Szene – ja, Minispoiler – in der die nächste Generation in den Keller stürmt, um ihr Spiel zu beginnen, ihre Geschichte zu erzählen, mit der Kamera, die zuletzt auf dem Kellertür verharrt und abblendet … das ist mehr als gut, das ist verdammt großartig. Ich würde mir wünschen, dass die Serie so für sich stehenbleibt, aber angeblich wird schon an Spinoffs rumgemacht, und ach, warum, wozu, das muss doch nicht sein, das ist doch so ein schöner Abschluss.

“Stranger Things” war in den letzten 10 Jahren eine willkommene Abwechslung, ein Eskapismus im besten Sinn. Und ich bin gespannt, was die Duffer Brothers jetzt machen.


Was Vince Gilligan vor “Pluribus” gemacht hat, war “Breaking Bad”. Davon hab ich damals drei oder vier Folgen gesehen und es hat mich verloren. Vielleicht war es ein Fall von “diese Serie brauche ich in diesem Moment” nicht und seitdem habe ich es nie wieder neu versucht, es kommt ja dauernd neuer Kram. Vielleicht ist mir die Serie aber auch zu zynisch, wann immer ich reinschaue. Von daher war ich auch auf “Pluribus” nicht ganz so neugierig wie viele andere, aber der Hype war nicht zu übersehen. Gut, war es bei “Yellowjackets” auch nicht, und die Serie hat mich auch nach ein paar Folgen verloren. Daher war ich bei “Pluribus” misstrauisch.

Hui, hat die Serie bei mir funktioniert. (Trailer)

Ein Signal aus dem All entpuppt sich als RNA-Sequenz. Sie wird synthetisiert, bei einem Unfall wird ein Mensch damit infiziert. Und dieser Mensch verteilt das RNA-Virus an eine weitere Person. Und eine weitere. Und zack, ist die ganze Welt infiziert und damit eine einzige, riesige Schwarmintelligenz. Eine, die nur Gutes will. Die nicht tötet. Die immerzu lächelt und glücklich ist. Alle Ex-Menschen wissen alles, was alle Menschen jemals wussten.

Bis auf 12 Menschen, bei denen das Virus nicht wirkt. Eine davon ist die Romance-Autorin Carol. Der Schwarm kümmert sich rührend um sie, liest ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Will sie aber nicht, sie möchte das alles rückgängig machen. Dummerweise lassen sich die anderen elf Personen davon nicht überzeugen.

Eine Invasionsgeschichte ohne riesige Raumschiffe. Ohne Gewalt. Eine Serie, die sich so viel Zeit nimmt, wie man es gar nicht mehr gewohnt ist. Eine der neun Folgen erzählt, wie eine Person eine sehr lange Reise unternimmt. Für die Dramaturgie relevant ist eigentlich nur, dass die Person aufbricht und ankommt. Andere Serien würden daraus eine Montage von fünf bis zehn Minuten machen. Hier wird es durchexerziert und fast eine ganze Folge dafür aufgewendet. So wie durch die Invasion der Alltag unserer Welt angehalten wird, so ist diese Serie in ihrer Gestaltung zeitlos, verlangsamt, ohne schnelle Schnitte. Jede Einstellung ist perfekt gewählt – ich habe mehrmals zurückgespult, um mir die Montage genau anzuschauen.

Die große Kunst, die Gilligan hier gelingt, ist der Tanz zwischen Ernst und Absurdität. Die Prämisse wird perfekt durchdacht, und dass die Invasoren selbst so friedfertig sind, dass sie nicht töten können, ist ein Geniestreich. Carol, die auf ihre Menschlichkeit, ihre Individualität besteht, wirkt irrational und aggressiv. Ihre emotionale Reise zwischen Trauer, Wut und Ergebenheit wird von Rhea Seehorn brillant eingefangen, dass sie vermutlich den einen oder anderen Preis zurecht bekommen wird. Wir alle als Publikum sind Carol in dieser Serie, zumindest möchten wir das sein, denn in Wirklichkeit sind wir alle die anderen, der Mainstream, die Normies, die eigentlich nur glücklich sein wollen, die sich in diese friedfertig ergeben würden.

Wer die Serie schon gesehen hat, sollte diesen Artikel lesen. Er formuliert einen vagen Gedanken aus, den ich beim Schauen hatte, nämlich dass die Serie wie der perfekte Kommentar auf diese aktuelle KI-Zeit wirkt. War wohl nicht so gedacht, sondern ist eher versehentlich passiert, aber auch ein Zufallstreffer beim Zeitgeist funktioniert.

Eine zweite Staffel wurde wohl schon von Anfang an bestellt, aber sie kommt erst 2027, und ich bin jetzt schon gespannt.


Und jetzt darf auch gern “For All Mankind” Season 5 kommen.

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