13 Jahre als freier Autor. Was ich in dieser Zeit gelernt habe

Höchst subjektiv, nur bedingt auf andere Lebensentwürfe oder Branchen übertragbar und ohne jeden Anspruch auf Richtigkeit, Vollständigkeit oder Kekse.

Seit 15. September 2003 bin ich freier Autor.

Heißt, jetzt sind es genau 13 Jahre. Warum sollte man diese Unglückszahl feiern? Nun, ab sofort bin ich längere Zeit Freiberufler als ich Schüler gewesen bin. Anders gesagt:

Die Freiberuflichkeit ist nun die längste Phase in den 42 Jahren meines Lebens.

Puh. Ich war nicht immer sicher, dass es so lange dauert. Genauso wenig, wie ich jetzt weiß, ob es so nur noch ein Jahr weiterläuft — oder bis zur Rente (die laut Rentencounter am 1.2.2041 beginnt).

 
Offenbach, 2003: Der Schreibtisch mit dem iBook in der Ecke der Wohnung ist plötzlich der Mittelpunkt des Arbeitslebens. Ich habe dann sehr bald ein externes Display gekauft.

Ich schreibe nicht nur in einer Branche, veröffentliche nicht nur auf eine Weise, sondern beackere die Medien querbeet. Außerdem bin ich nicht nur kreativer Autor, sondern auch Übersetzer und Lektor. Mal entwickele ich selbst Ideen und schaue, ob ich sie irgendwo unterbringe, mal bin ich ganz einfach Textdienstleister für andere Leute. Und dabei ist mir egal, ob’s Buch, Film oder Computerspiel ist (oder Text auf Keksverpackungen).

Und was habe ich in diesen Jahren gelernt?

  • Freiheit ist unbezahlbar. Ich liebe es, Freiberufler zu sein. Punkt. Sicher, es gibt Stressphasen, wenn sich Projekte überschneiden, und so ein Feierabend nach Uhrzeit wäre manchmal schön. Aber das Gefühl, selbst verantwortlich für das Vorankommen (und die Fehler) zu sein, ist großartig. Ich weiß nicht, ob man als Freiberufler geboren wird oder ob man es erlernen kann, aber ich bin mir sicher, dass Freiberuflichkeit nichts ist, was man aus Mangel an Alternativen angehen sollte.
  • Existenzangst ist Dauerzustand. Sie ist für Freiberufler nicht heilbar, wenn man nicht diesen Lotteriegewinn namens Bestseller oder einen übermäßig zahlenden Dauerkunden hat. Selbst ein toller Auftrag, bei dem gute Kohle fließt, ist kein Ruhekissen, man kann eben nur ein paar Monate länger die finanziellen Sorgen ignorieren. Aber wie ein besonders hartnäckiges Erkältungsvirus kommt sie immer wieder. Man muss lernen, mit ihr zu leben. Seit ich für mich beschlossen habe, meine Arbeit nicht weiter als drei Monate im voraus fest zu planen, geht es mir besser. Ich weiß fast nie genau, woran ich in sechs Monaten sitze.
  • Wer keinen Geschäftssinn hat, lässt es besser bleiben. Einerseits plane ich nicht auf Jahre im voraus, andererseits muss ich mich als Unternehmer sehen. Schwierig, wenn man in künstlerischen Berufen arbeitet, aber es geht nicht anders. Freiberuflichkeit im Haupterwerb ist kein Hobby (mehr). Man muss nicht gleich BWL lernen, aber verinnerlichen, dass das alles nicht nur Spaß ist. Der Rest kommt automatisch. Äußerst erstrebenswert ist natürlich, Spaß auf einer einträglichen Basis zu haben. Nur sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass das immer passiert.
  • Buchhaltung ist erlernbar. Wie auch das ganze Steuergedöns. Erstens kann man Leute anheuern, die einem abnehmen, was einen überfordert (oder worauf man keinen Bock hat) — und diese Kosten kann man sogar als Betriebsausgabe wieder absetzen. Zweitens ist für einen Freiberufler der Aufwand überschaubar, man ist ja keine GmbH. Wichtig ist, für sich selbst ein System zu finden, mit dem man sich wohl fühlt. Persönlich rate ich dazu, spätestens alle zwei Wochen die angelaufenen Belege abzuheften, die Betriebsausgaben in seine Tabelle einzutragen, damit der Backlog nicht zu groß wird. Auch dann, wenn man gerade keine Zeit dafür oder keine Lust darauf hat.
  • Immer mehrere Standbeine/Kunden haben. Es ist verlockend, sich auf eine Sache zu konzentrieren, wenn sie gut läuft. Oder nur mit diesem einen Kunden zusammenzuarbeiten, mit dem alles stimmt. Gefährlich. Freiberufler haben keine Absicherung, und in Werkverträgen (wenn man überhaupt welche bekommt) wird man kaum ausführliche Paragrafen zu Altervorsorge oder Ausgleichszahlungen bei Projektabbruch finden. Freiberufler sollten niemals denken: jetzt ist alles gut, und daran wird sich nichts ändern. Genau in diesem Moment bricht alles zusammen und man muss sich einen neuen Auftrag suchen. Das hat allerdings den Vorteil, dass man immer auf der Hut ist. Oder eher paranoid? So oder so — man wird ziemlich abgebrüht, wenn ein Projekt implodiert. Muss man auch werden.
  • Multiple Persönlichkeiten können helfen. Wenn man, wie ich, in vielen Branchen, Medien und Themengebiete unterwegs ist, sollte man sich auf die jeweiligen Stärken konzentrieren. Wenn ich versuche, einen Thriller bei einem Verlag unterzubringen, trete ich nicht als “Falko, der lustige Autor von Computerspieletexten” auf. Und der Kunde, der die Texte in seinem “Schiffe versenken mit explodierenden Kühen”-Mobilegame lektoriert haben möchte, interessiert sich nicht für den Falko, der Thriller schreibt.
  • Du arbeitest oft für die Tonne. Sei es beim Pitch eines eigenen Buches oder bei einer Auftragsarbeit: selbst wenn man Monate und Herzblut reingesteckt hat, gibt es nie eine Garantie, dass es wirklich erscheint.
  • Plane wie eine Airline: Einfach überbuchen und davon ausgehen, dass nicht alle kommen. Angenommen, es kommen zwei Auftragsanfragen rein, die sich zeitlich überschneiden. Beides Jobs, die man eigentlich in Vollzeit erledigen müsste. Wenn einer davon der ist, den man gern machen will UND er ist zu hundert Prozent wasserdicht (sprich: vertraglich fixiert) — keine Frage, dann wird der angenommen und der andere abgesagt. Aber gerade in der Medienbranche läuft viel auf Zuruf und bis zum TATSÄCHLICHEN Beginn der Arbeit ist alles vage und unverbindlich. Zwei solche Anfragen für den gleichen Zeitraum, beide interessant und angemessen bezahlt, aber beide noch nicht so ganz sicher? (“Wir erwarten die zu übersetzenden Texte so in zwei bis vier Wochen.” / “Wir brauchen nur noch das finale Go vom Investor.” / “Wenn der Projektleiter aus dem Urlaub zurück ist, fangen wir eigentlich sofort an.”) In so einem Fall: beide zusagen. Einer von beiden platzt ganz oder verschiebt sich. Immer. Wenn man nur eine Zusage abgibt (“sich committet”, wie andere das nennen — ich nicht) und dieser Job dann platzt oder sich gewaltig verschiebt (weil die Texte erst noch geschrieben werden / der Investor abgesprungen ist / dem Projektleiter gekündigt wurde), hätte man in der Zwischenzeit den anderen Job erledigen können. Dann lieber Gefahr laufen, dass man sich eine Stressphase aufhalst. Aber: pacta sunt servanda. Vielleicht nicht gleich fünf Anfragen für den gleichen Zeitraum zusagen.
  • Halte das Ohr auf die Gleise. Ich wohne seit einiger Zeit wieder in der mittelhessischen Pampa, wo recht wenige Computerspiele oder Filme produziert werden. Gut, für meine Romanschreiberei ist diese Lebensart angemessen, wenn nicht sogar erwartet (hier ein Bild hinzudenken, wie Herr Löffler im Morgenmantel von seinem Ohrensessel aus inspirierende Natur anblickt), aber in der Wildnis bekomme ich nicht live mit, wenn in der Spielebranche mal wieder etwas passiert (was ja derzeit eher Entlassungwellen sind *bitteres Lachen*). Klar, da gibt es diese RIESIGEN RÖHREN, die neumodische Teletextschreiber miteinander verbinden (die jungen Leute nennen es “Internet”), durch die man nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten ist, aber man sollte gerade als Freiberufler öfter vor die Tür, als einem lieb ist (denn wer rausgeht, muss Hosen tragen). Konferenzen, Tagungen und Messen in den Bereichen, in denen man arbeitet, sind Pflicht. Manchmal lästige Pflicht, manchmal großer Spaß, meistens beides. Wenn man lange genug dabei ist, wird es eine Art Klassentreffen. Steht längere Zeit so ein Termin nicht an, sollte man seinen Hintern in die nächstgrößere Stadt bewegen (was leichter ist, wenn man dort sogar wohnt) und mit Leuten reden. Nicht irgendwelchen, die man gerade in der S-Bahn findet, sondern mit Leuten, zu denen man einen beruflichen Bezug hat. Idealerweise auch einen freundschaftlichen. Nein, Telefonate sind kein Ersatz für so was, Telefonate sind generell etwas, das man im 20. Jahrhundert hätte lassen können, wie das Telefax.
  • Habe immer Visitenkarten dabei. Immer! Ist sonst doof.
  • Vereinsamung ist möglich. Das ist individuell extrem unterschiedlich, und ich bin als Familienvater nicht davon betroffen (ich hätte ab und zu gern MEHR Einsamkeit, um in Ruhe arbeiten zu können 😀 ), aber wenn die Lebensumstände so aussehen, dass man freiberuflich sowieso UND privat als EinzelkämpferIn durch den Alltag geht, findet man sich vielleicht kaum noch in menschlicher Gesellschaft, gerade wenn einem die Arbeit längere Zeit über den Kopf wächst. Es ist verdammt wichtig, sich regelmäßig in die Nähe von Leuten zu begeben, bei denen man sich wohlfühlt. In welcher Frequenz und wer das genau ist, kann man selbst entscheiden. Vielleicht nicht erst dann, wenn man merkt, dass man Gefahr läuft zu vereinsamen.
  • Eine Familiengründung ist Freiberuflichkeit mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad. Und damit meine ich nicht nur das Ausfüllen des Antrags auf Elterngeld, was für einen Freiberufler ein bürokratischer Affentanz ist, wie ich ihn in diesen 13 Jahren sonst nirgendwo erlebt habe. Nein, es ist schlicht der freiberufliche Alltag, der mit Familie grundlegend anders ist als wenn man sein eigenes Ding durchzieht und allerhöchstens in einer Zweierbeziehung lebt. Für Freiberufler sind Privat- und Arbeitsleben schwer zu trennen, und wenn Kinder dazukommen, wird es noch härter. Manche Leute brauchen unbedingt ein externes Büro, können und wollen nicht in der eigenen Wohnung samt Familie arbeiten. Meine Rangehensweise ist inzwischen, dass ich die Durchmischung zulasse und meine Arbeitszeit nicht nur flexibel, sondern ultraflexibel gestalte. Denn wenn ich ein externes Büro hätte, gingen die familiären Verpflichtungen nicht weg, es würde nur alles noch aufwändiger zu organisieren sein. Natürlich entscheidet man das nicht alleine, sondern mit Partnerin oder Partner. Aber Beruf und Privatleben sind völlig durcheinander, immerzu, und es ist sinnlos, dagegen anzukämpfen. Vielmehr sollte man die Vorteile genießen, spontan um 10 Uhr joggen zu können oder am Nachmittag etwas mit den Kindern zu machen — und dann halt abends um 22 Uhr noch mal voll in die Arbeit einzusteigen, wenn die Umstände es verlangen oder eine tolle Idee kommt. Wie gesagt, meine Arbeit plane ich nur drei Monate im voraus. Meinen Alltag nur drei Stunden.
  • Aber Freiberuflichkeit ist keine Ausrede, KEINE Familie zu gründen.Wer es nicht will, soll es nicht tun, basta. Aber bitte nicht die ach so zeitaufwändige Freiberuflichkeit als Grund anführen, warum es unmöglich ist. Angestellte müssen auch alles irgendwie unter einen Hut bringen. Die zarte Künstlerseele mag manchmal leiden, wenn sie sich nicht komplett ungestört entfalten kann, aber sie wächst dadurch.
  • Kunden können auch Freunde sein, müssen sie aber nicht, manchmal dürfen sie es gar nicht sein. Ja, das ist doof und menschlich. Aber ich glaube, da ist der Unterschied zum Angestelltendasein gar nicht so groß. Mit manchen Leuten arbeitet man, obwohl man sie nicht mag, mit anderen Leuten ist man befreundet, obwohl man nur am Rande beruflich miteinander zu tun hat usw. Es gibt die unterschiedlichsten Konstellationen. Aber gerade als Freiberufler muss man aufpassen, konstruktive Zusammenarbeit nicht mit Freundschaft zu verwechseln, denn:
  • Beim Geld hört die Freundschaft auf. Und zwar auf beiden Seiten. Wenn Kunden bei einer Zahlung rumpienzen, muss man ja nicht gleich die erste Mahnung schicken (“offizieller” Verzug passiert automatisch), aber man sollte auch nicht mehrere Wochen verstreichen lassen, um dann verschüchtert nachzuhaken. Gleichzeitig muss man bei der eigenen Erstellung von Rechnungen oder Kostenvoranschlägen aufpassen, seine Sympathie einem Kunden gegenüber nicht dauernd zu einer Art automatischen Rabatt zu machen oder sich immer wieder unter Wert zu verkaufen. Da hilft nur eins:
  • Lerne Arroganz. Daran arbeite ich noch: arrogant genug sein, um super Konditionen rauszuholen, dabei seriös zu bleiben und nicht ins Arschlochterritorium abzudriften. In diesem Fall heißt Arroganz, dass man verinnerlicht, etwas wert zu sein und nicht tatsächlich dieser kleine, irrelevante Schreiberling, für den man sich hält, wenn man nachts um drei nicht einschlafen kann, weil ein Pitch abgelehnt wurde.
  • Lass dir nicht alles bieten. Mich haben schon Kunden beleidigt und nach Strich und Faden verarscht. Das muss sich keiner gefallen lassen. Man darf ruhig eine schwarze Liste von Leuten führen, mit denen man niemals wieder zusammenarbeiten wird. (Ich bin ein geduldiger Typ — nach 13 Jahren stehen nur drei Leute auf meiner schwarzen Liste.) Aber als zimperliche Diva oder Drecksack darf man natürlich auch nicht auftreten. Sonst ist man derjenige auf der schwarzen Liste der anderen. Zurecht.
  • Gib nur das Geld aus, das du hast. Das ist die realistische Variante von “Bilde Rücklagen”, denn Rücklagen bildet ein Freiberufler nur in relativem Umfang. Wie oben erwähnt: ich plane meine Zeit der nächsten drei Monate, aber finanziell plane ich länger voraus. Ist eine leichte Übung in Excel oder Google Sheets: man trägt Einnahmen und Ausgaben (fixe wie einmalige) in Monatsspalten ein und kann ungefähr projizieren, wie’s mit dem Cashflow an jedem Monatsanfang aussieht. Es ist dann verlockend, die “sicheren” Einnahmen der Zukunft schon in tatsächliche Ausgaben der Gegenwart umzusetzen, aber das ist nicht zu empfehlen. Nur der Schotter auf dem Konto ist echt, und mit dem sollte man umgehen, nicht den erhofften Beträgen.
  • Baue dich als Marke auf. Ich bin einer von, puh, unzählig vielen AutorInnen da draußen. Wer sich etablieren will, muss eine Marke werden. Ich habe keine Ahnung, wie man das macht, und ich habe keine Werbefuzzis, die mich dahingehend beraten. Letztlich geht es nur darum, sich in die richtige Schublade zu setzen. Wenn die Leute wissen, dass ich dieser Schreiberling für Computerspieltexte bin und nicht ein Grafiker, habe ich schon mein Ziel erreicht. Sich zur Marke zu machen, verlangt nicht viel: Website, Präsenz in den sozialen Medien, Visitenkarten, das sind die Grundlagen. Wichtig ist, selbst davon überzeugt zu sein und das auch anderen Leuten zu sagen. Ich habe einfach lange genug behauptet, Autor zu sein, bis es mir alle geglaubt haben. Gut, es hat auch geholfen, dass ich tatsächlich was geschrieben habe.
  • Beweg deinen Hintern. Sport ist — wie Urlaub — die Zeit, in der man kein Geld verdient, daher automatisch für Freiberufler wenig attraktiv. Über Urlaub braucht man nicht reden, aber ich kann nur empfehlen, für sich selbst eine Sportart zu finden, die man gern macht, und die man gut in seinen Alltag einbetten kann. Egal was. Muss nicht das Fitnessstudio sein, kann auch eine obskure Sportart mit irgendwelchen Bällen oder Schlägern sein. Nur sollte man sich mehr bewegen als bei Schach. Bei mir ist es das Joggen geworden, nachdem ich jahrelang Jogger als komplett durchgeknallt empfunden habe. Jetzt schubbere ich mir begeistert im Wald den Knorpel aus dem Knie.
  • Kolleginnen und Kollegen sind keine Konkurrenten. Sicher — es kommt vor, dass man sich um den gleichen Auftrag bemüht und nur eine Person bekommt ihn. Aber es kommt auch oft vor, dass man für einen Job nicht passt oder diesen absolut zeitlich nicht annehmen kann. Dann ist es gut, ein Netzwerk von Mitstreitern zu haben, an die man verweisen kann. Das gibt nicht nur gutes Karma, sondern könnte dazu führen, dass irgendwann etwas in die eigene Richtung geschickt wird.
  • Arbeite für andere — aber arbeite auch für dich. Es kommt da stark aufs Berufsbild an, aber wer Freiberufler wird, um sich selbst zu verwirklichen UND davon leben zu wollen, muss schon sehr schnell sehr erfolgreich werden oder sehr stur sein. Für viele Freiberufler ist es im gewählten Feld ein Spagat zwischen eigenen Projekten und Auftragsarbeiten. Schon wegen der Berechenbarkeit sind Aufträge toll. Aber auch ermüdend, wenn man ein halbes Jahr nichts anderes macht und diese eigene tolle Idee einfach nicht umsetzen kann. Andererseits kann ein freier Autor nicht einfach einige Monate an einem Herzensprojekt arbeiten, das vielleicht nie einen Vertrag bekommt. Ich kann sehr empfehlen, jeden Tag ein wenig Zeit für das Herzensprojekt freizuhalten und dort am Ball zu bleiben. Es muss sich allerdings mit dem Alltag (und den verbindlichen Deadlines) vereinbaren lassen.
  • Pro Tag maximal zwei Baustellen. Es gibt Tage, an denen brummt es mit dem Multitasking. Hier Texte für ein Spiel, dann am eigenen Roman schrauben, hier noch was übersetzen, dann Buchhaltung — I’M THE KING OF THE WORLD! Nun, das ist die Ausnahme, und in der Regel macht man so was nur aufgrund von äußeren Zwängen. Perfekt wäre natürlich, einer Baustelle 100% seiner Aufmerksamkeit zu widmen und sich dann der nächsten zuzuwenden. Die Realität kichert darüber nur. Um mich nicht zu verzetteln, habe ich mir als Regel gestellt, jeweils vormittags und nachmittags nur eine Sache zu bearbeiten (ggf. plus ein oder zwei Stunden für eigene Projekte vor Feierabend). Weil ich weiß, dass ich eher nachmittags und abends kreativ bin, ist der Vormittag eher für Buchhaltung, Übersetzung, Lektorat reserviert. Seinen eigenen Rhythmus findet man nur durchs Ausprobieren und wenn man ehrlich zu sich selbst ist.
  • Sei krank. Ja, ich habe auch viel oft mit Erkältung gearbeitet, auch wenn ich eigentlich ins Bett gehört habe. Inzwischen gehe ich ins Bett. Es ist niemandem geholfen, wenn ich die eine Deadline gerade so schaffe, aber dann gleich eine ganze Woche ausgeknockt bin.
  • Mal hilft harte Arbeit, mal Dummenglück. Seien wir realistisch: man kann zwei Jahre harte Arbeit in das Buch stecken, das man immer schreiben wollte, aber dann nimmt es kein Verlag ins Sortiment, man bringt es selbst raus, ackert sich beim Marketing ab und verkauft 87 Exemplare. Und dann kommen andere Leute daher, schreiben auch mal nebenher so’n Buch und es steht wochenlang auf der Bestsellerliste, obwohl es objektiv scheiße ist. Wie unfair! Nun, um die harte Arbeit kommt man nicht herum. Nie. Aber jedes Kreativprojekt ist eine Lotterie, die man nur sehr bedingt beeinflussen kann. Sicher, man kann schauen, was gerade gut läuft, aber sich mit Gewalt zu verbiegen, macht unglücklich, und man kann genauso gut Pech haben, immer exakt einen Schritt hinter dem Trend zu sein (oder schlimmer noch: voraus). Dein Buch war ein Flop? Du hast zwei Optionen: du schreibst das nächste. Oder …
  • Gib auf, wenn es sein muss. Gut, diesen Tipp habe ich selbst bislang nicht beherzigt (reine Sturheit). Aber man muss als Freiberufler wissen, wann es rum ist, wenn die Auftragslage sich mittelfristig nicht bessern wird, wenn der Bestseller wohl doch nicht mehr kommt, wenn die ganze Lebensplanung über den Haufen geworfen wird. Sicher fühlt es sich nicht toll an, die Freiberuflichkeit aufzugeben, sei es, weil man wieder in eine Festanstellung wechselt oder einen toten Punkt erreicht hat. Aber, und das ist dann der ultimative Akt der Freiheit: man entscheidet selbst, wann man aufgibt.

Am 1.2.2041 schreibe ich dann hoffentlich darüber, wie es ist, als freier Autor in Rente zu gehen (Spoiler: gar nicht, haha).

Vogelsberg, jetzt: Das Display ist etwas größer als früher. Und darauf läuft kein Mac OS mehr.
Posted in Freiberufler, Leben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.