Wie man nicht ins Fernsehen kommt

Wer Samstag meine Twitter- und Facbook-Nachrichten verfolgt hat, dem ist nicht entgangen, dass ich ein Kamera-Casting hatte. Darauf habe ich mich eingelassen, weil ich dachte, dass das eine interessante Erfahrung sein könnte. Wurde es auch. Interessant.

Von vorne: Vor einigen Wochen habe ich bei uns im Vogelsberg eine kleine Lesung abgehalten. Und klein war sie. Der größte Teil der Zuhörerschaft war entweder Verwandtschaft oder Presse. Letztere schrieb auch nette Berichte und damit war das Ganze eigentlich abgefrühstückt.

Ein paar Tage später klingelte das Telefon und eine Dame einer Filmproduktionsfirma aus Köln meldete sich. Sie erklärte mir, sie produzierten im Auftrag des Hessen Fernsehens das “hessen quiz”. In der dreizehnten Staffel. Und sie suchten immer in Tageszeitungen nach – wörtliches Zitat – “interessanten Hessen”. Da haben sie mich gefunden. Mich, den interessanten Mittelhessen, der so komisches Zeug schreibt. Ob ich mich nicht mal für die Sendung bewerben möchte?

Lustigerweise kam dieser Anruf exakt drei Minuten nach der Anfrage, bei der Buchmesse öffentlich an einer Geschichte zu arbeiten und zu einem Zeitpunkt, als ich fiese Schmerzmittel wegen eines eingeklemmten Rückennervs einnehmen musste. Und wo ich schon die andere Sache spontan zugesagt hatte – warum nicht auch das.

Es wurde ein Termin für ein Telefoncasting vereinbart. Bei diesem musste ich in einer Fragerunde ein paar Testfragen beantworten, von denen ich auch die meisten beantworten konnte. Als jemand, der zwar schon an mehreren Orten gelebt hat, aber nie außerhalb Hessens, schien ich für das Quiz wie gemacht. So bestand ich das Telefoncasting und wurde fürs Kameracasting nach Frankfurt eingeladen. Ob denn die Fahrtkosten bezahlt werden, fragte ich noch, ganz der Freiberufler. Nein, wurde mir gesagt, das mache der HR nicht, denn der sei ja ein öffentlich-rechtlicher Sender. Ich habe lange Zeit über diese Begründung nachgedacht und beschlossen, sie nicht zu verstehen.

Eine Sache muss ich noch zu den beiden Telefonaten erläutern, damit klar wird, wie dämlich ich mich angestellt habe.

In beiden Gesprächen wurde ich darauf hingewiesen, dass sicher danach gefragt wird, welche Bundesländer an Hessen grenzen. Das ist eine Standardfrage. Eine wichtige Frage. Eine, die man beantworten können sollte! Zumal sie nicht schwer ist. Ich glaube, Matthias Beltz hat es umrissen: Der Hesse ist von Feinden umgeben und hat keinen direkten Zugang zum Meer und daher kein Gefühl der Freiheit.

Meine Vorbereitung fürs Kamera-Casting war, in der S-Bahn den Wikipedia-Artikel über Hessen zu überfliegen. Meine Gemütslage war entspannt. Meine emotionale Disposition: Wenn sie mich wollen, okay, wenn nicht, auch okay.

In der Eingangshalle des Hessischen Rundfunks hatten sich zur MIttagszeit etwa 15 Leute versammelt, querbeet durch die Demografie. Lauter interessante Hessen. Wir alle wurden von einer jungen, engagierten Dame in einen Warteraum geleitet, wo wir ins mit einem Namensschild ablichten lassen durften und Getränke bekamen. Letztere waren wichtig, denn das Casting zog sich. Mir war gesagt worden, dass es schnell gehen würde – unterm Strich saß ich 1,5 h im Warteraum. Anderthalb Stunden, in denen das “hessen quiz” auf einem riesigen Plasma-TV lief. Ich suchte mir einen Sessel in einer Ecke und übersetzte ein Spiel.

Pünktlich zur Mittagsmüdigkeit wurde ich zur Kamera gerufen. Eine andere junge, engagierte Dame erklärte mir ein letztes Mal das Prozedere. Ich solle vor der Kamera möglichst gut gelaunt und fröhlich wirken und zeigen, dass ich unbedingt in diese Sendung will!

Fast hätte ich gesagt: Moment – Sie haben doch mich angerufen. Fast.

Vor einer Kamera zu sitzen macht mir nichts aus. Lässt mich kalt, seit ich 15 Kilo abgenommen habe. Aber ich weiß noch aus meiner Schulzeit, dass mein Hirn zum Abschalten tendiert, wenn ich mich unwohl fühle. Und wenn jemand mir sagt, dass ich besonders gut drauf sein soll, passiert in meinem Inneren automatisch das Gegenteil (zur Erinnerung: große Faschings-Aversion). Im Vorgespräch war auch erwähnt worden, ich solle kein Schwarz tragen, weil das traurig wirkt. Habe natürlich Schwarz getragen. Wie immer.

Nun, nach 1,5 h Wartezeit, mit einem hängenden Magen und erfüllt von absolutem Unwillen, gute Laune zu demonstrieren, hatte ich keine Lust mehr und wäre am liebsten sofort wieder aufgestanden. Kannste nicht machen, dachte ich, also beantworte einfach die Fragen, grinse irgendwie, und tschüss, Onkel Otto.

Wegen der allgemeinen Verspätung bei der Veranstaltung (inzwischen waren schon 15 weitere interessante Hessen in den Warteraum getrieben worden) dauerte das eigentliche Kamera-Casting keine fünf Minuten. Ein paar kurze Warmup-Fragen, wer man denn eigentlich sei, und dann die Frage, wie viele Bundesländer an Hessen grenzen.

Ich tue so, als müsste ich nachdenken und rattere runter: Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen. Also 5.

Entsetzte Blicke bei der jungen, engagierten Damen. Die Antwortmöglichkeiten sind 4, 6 und 8.

Mein Hirn hat längst in den Egal-Modus gewechselt. Fehlt da eins? Muss wohl. Vier können’s ja nicht sein. Ich hadere ganz Quizshow-mäßig. Jauch wäre stolz auf mich. Irgendein völlig irrelevantes Bundesland ist doch noch da unten links. Saarland? Nee, ach ja – Rheinland-Pfalz!

Ich beantworte die anderen Fragen vergleichsweise souverän. Aber es ist klar: Ich habe mich ungefähr so hirnlastig präsentiert wie der interessanteste Hesse überhaupt – der kopflose Reiter aus “Sleepy Hollow”. Beim Elfmeterschießen versagen ist nicht schön. Wenn man vorher gesagt bekommt, in welche Ecke sich der Torwart wirft, ist es unverzeihlich.

Der Spuk ist vorbei. Als ich den HR verlasse, habe ich zum ersten Mal an diesem Tag richtig gute Laune. Denn ich weiß: wegen eines Drehtermins werde ich nicht über fehlende Fahrtkosten jammern müssen.

Aber wenn ich schon einen Tag für so ein Casting opfere, soll wenigstens ein Blog- Eintrag rausspringen.