Es gibt also keinen Grund, die gegenwärtigen Veränderungen im Buch-, Zeitungs- und Bibliothekswesen wie im personalen Schriftverkehr als plötzliche Einbrüche in eine intakte Welt der körperlichen Bücher, der kreativen Verlagsprogramme und der Lesesituationen in Buchhandlungen und Bibliotheken, in Wohnzimmern und Büros zu verstehen. Der Wandel kam stetig und über viele Jahre. Es ist nicht so, dass der vorlesende Hausvater sich plötzlich von twitternden Kindern umgeben sieht, aber manche Kommentare lesen sich so.

Hans Altenhein, ehemaliger Verleger von Luchterhand, kommentiert im Börsenblatt die 55 Thesen, die letztens über die Zukunft des Buchmarkts aufgestellt wurden und stellenweise recht düster daherkommen.

Altenhein ist Jahrgang 1927.

Flucht in virtuelle Welten

Sie wollen euch holen.

Es kümmert sie nicht, dass ihr verwahrlost, dass ihr nicht mehr in der Lage seid euer eigenes Leben zu führen. Ihr werdet nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden können, wenn sie euch erst in eurem Netz haben. Und ihr werdet nicht zuverlässig immer zum Orgasmus kommen.

Hä?

Was soll das nun wieder mit Computerspielen zu tun haben?

Genau genommen: gar nichts. Die Bedrohung da draußen ist SCHLIMMER als Computerspiele. Es sind … LIEBESROMANE! Ja, die Realität wird an vielen Fronten bedroht. Immer mehr Menschen fliehen in Scheinwelten, weil sie sich nicht der Realität stellen wollen. Junge Männer gehen nach Azeroth, Frauen suchen Männer mit kantigem Kinn (aber nicht in Azeroth).

Ich kann mich immer wieder dafür begeistern, wenn der Fiktion vorgehalten wird, nicht die Realität zu sein – vor allem, wenn’s in einer Zeitschrift mit dem Titel “Journal of Family Planning and Reproductive Health Care” passiert – ein Titel, hart wie die Realität selbst. In dem Satz “X kann zu Realitätsverlust führen” lässt sich X mit allem ersetzen, das auch nur entfernt mit Fiktion zu tun hat – oder mit Medien.

Liebesromane lese ich nicht, kann also nicht mitreden. Aber ich lese Science Fiction. Ginge man an diese mit dem gleichen Anspruch (“Science Fiction kann zu Realitätsverlust führen” – ich glaube, das hab ich mal irgendwo gesehen …), würde das so aussehen:

“Science Fiction tut Männern oft nicht gut – zu diesem Schluss ist der britische Astrophysiker Horst Humpfel gelangt. Wer die Science-Fiction-Geschichten von interstellarem Reisen glaube, sei schon auf dem besten Weg ins Unglück, meint der Physiker in der britischen Fachzeitschrift ‘Journal of Looking at Stars in a Realistic Way’. ‘Manchmal ist das Freundlichste und Klügste, was wir unseren Patienten raten können, das Buch wegzulegen – und der Wirklichkeit ins Auge zu blicken.’

Nicht nur, dass es in den Romanen nahezu nie um ‘realistische Raumfahrt’ gehe, schrieb Humpfel. Vor allem bilde die Lektüre nicht ‘die Höhen und Tiefen der insterstellaren Forschung’ ab, mit denen ein Astrophysiker in der Wirklichkeit zurechtkommen muss." 

(Link entdeckt via Petra Schier – danke!)