Stephen King

Ein wenig Kontext:

Das Monstrum – Tommyknockers“ war der erste King-Roman, den ich gelesen habe. Da war ich 14. Ich brauchte ein dickes Buch für den Urlaub mit den Eltern, und King sollte spannend sein. Sagten meine Klassenkameraden, die natürlich keines der Bücher gelesen, aber ein paar Verfilmungen gesehen hatten, die als krisselige VHS-Kopien die Runde machten. Meine Klassenkameraden waren heiß auf all diese semi-verbotenen Horrorfilme. Ich nicht, mir stand nicht der Sinn danach, unbedingt die blutigsten Filme sehen zu müssen, die es gab. Dass all diese Klassenkameraden, die damals so drauf waren, heute seriöse Berufe haben, während ich mein Geld mit komischen und teilweise blutigen Geschichten verdiene, ist eine Ironie, die ich zu schätzen weiß.

Jedenfalls war „Das Monstrum“ für den Urlaub nicht genug.

Ojektiv ist „Das Monstrum“ keines seiner herausragenden Bücher, aber es funktionierte bei mir. Diese Erzählweise war exakt auf meiner Wellenlänge. Es kamen weitere Bücher dazu. Irgendwann hatte ich alle Taschenbücher und Paperbacks durch und musste die Neuerscheinungen im Hardcover lesen (und inzwischen als E-Book). Aber seitdem lebe ich Dauerzustand wartend auf das nächste Buch von Stephen King.

Natürlich waren auch ein paar Rohrkrepierer darunter. „Dreamcatcher“ („Duddits“) kann man getrost vergessen. „Das Bild“ („Rose Madder“) war auch eher daneben. Aber immer wieder kamen großartige Bücher, wie zuletzt „Der Anschlag“ („11/22/63“), das ich sogar zu seinen fünf besten Büchern zählen würde. Und natürlich „Das Leben und das Schreiben“ („On Writing“), das schlicht unumgänglich ist.

Es gibt zwei Autoren, die ich uneingeschränkt als meine Idole bezeichne. King an erster Stelle. Der andere ist Douglas Adams. Dass ich die Chance, einen der beiden live zu erleben, nicht verpassen wollte, versteht sich von selbst. Denn im Gegensatz zu Adams lebt King immerhin noch.

 

Fünf Minuten vor Beginn des Online-Ticketvorverkaufs habe ich die F5-Polka begonnen. Auf einmal waren die Tickets buchbar. Ein Diagramm des Veranstaltungsorts erschien. Die ersten neun Reihen waren geblockt. Ich klickte zwei Plätze in Reihe 10 an, mittig, aber nah am Rand. Das sollte sich noch als Sechser im Lotte erweisen. Wenige Klicks später waren die Tickets gebucht. Unglaublich. King sehen. Ein Mal. In echt. Vielleicht, wenn auch unwahrscheinlich, bekommt man ja ein Buch signiert oder kann Hallo sagen. Extrem unwahrscheinlich.

 

20. November 2013. Congress Center Hamburg. Über 3.000 Leute. Ingo Zamperoni kommt. Ein Tagesschau-Sprecher wurde ausgewählt, um eine King-Lesung zu moderieren. Komische Wahl. Man hätte lieber jemand nehmen sollen, der ein intimer Kenner der Materie ist und, sagen wir mal, mit 14 schon das „Monstrum“ gelesen hat. Während des Vorgeplänkels stelle ich mir noch vor, wie es wäre, wenn er Gundis Zámbó heiraten würde, damit er „Zámbó-Zamperoni“ heißt – so eine Chance sollte man nicht leichtfertig vergeben. Aber schon nach wenigen Minuten ist für mich klar: exzellente Wahl. Zamperoni macht seinen Job großartig, findet einen Mittelweg, wie viel er von King auf Deutsch zusammenfasst und wo er King einfach reden lässt. „Let me say one thing and then you can translate your ass off“, sagt King dann auch ein Mal, als er noch ein wenig weiter schwadronieren möchte.

King erscheint. Das Volk jubelt. Vor der Bühne stehen die Profi-Fotografen aufgereiht. King muss posieren. Minutenlang. Mit Buch. Ohne Buch. Stehend. Sitzend. Dann kann’s endlich losgehen.

king
Hail to the King, baby.

King ist Bühnenprofi, und wie jeder Bühnenprofi wird er nicht müde zu betonen, wie wenig Bühnenprofi er ist. Einige Anekdoten kennt man, aber selbst die bringt er derart charmant rüber, dass es keine Sekunde langweilig ist. Die Struktur der ganzen Veranstaltung kann ich nur als perfekt bezeichnen: Erster Interview-Block, dann liest King eine Szene aus „Doctor Sleep„, zweiter Interview-Block, dann kommt der großartige David Nathan (der sich auch für geringere Autoren nicht zu schade ist) und liest aus dem Roman eine Szene auf Deutsch. King versteht kein Wort, aber lauscht hingebungsvoll. „Because you can hear the music.“ Oh ja. Danach der letzte Interview-Block. Ruckzuck sind anderthalb Stunden rum, und ich glaube, niemand im Saal hätte was dagegen gehabt, wenn es noch mal so lange gedauert hätte.

David Nathan. Wenn er mal die Zeitansage einspricht, wird der Markt für Armbanduhren zusammenbrechen.
David Nathan. Wenn er mal die Zeitansage einspricht, wird der Markt für Armbanduhren zusammenbrechen.

Dann verkündet Zamperoni, dass drei Publikumsfragen gestellt werden dürfen.

The Drawing of the Three, sozusagen.

Damit es nicht willkürlich wirkt, sollen Interessierte die Hand heben, und der Lichtkegel eines Scheinwerfers wählt eine Person aus, die dann eine Frage stellen darf.

Natürlich hebe ich die Hand. Die Wahrscheinlichkeit, ausgewählt (haha) zu werden, ist verschwindend gering. Und natürlich habe ich mir vorher schon Gedanken gemacht, welche Fragen ich stellen könnte, wenn ich wirklich drankommen sollte. Nichts wäre ärgerlicher, als wenn die Person direkt vor mir genau die geniale Frage stellt und ich dann einen Rückzieher machen müsste.

Es wird eine Frau irgendwo links im Publikum ausgwählt. Sie bedankt sich erst mal bei King für die Inspiration und dass sie letzten Endes zu einer veröffentlichten Autorin wurde. Ich grummele in meinen Bart. Genau das hätte ich auch gesagt, wenn ich drangekommen wäre. Was sie dann gefragt hat, weiß ich schon gar nicht mehr, aber als sie fertig ist, fährt mein Arm natürlich sofort wieder hoch, wie von unzähligen anderen Leuten.

Dann wird es surreal.

Der Scheinwerfer streicht ein paar Mal sogar über mich, pendelt irgendwo im mittleren Bereich in meiner Nähe hin und her.

Er verharrt schließlich genau in meiner Reihe. Ich sitze am dritten Platz von rechts. Der Scheinwerfer steht irgendwo links von mir, in der Mitte des Parketts. Verdammt. Nur knapp daneben.

„Kommen Sie bitte“, sagt eine Frau rechts von mir. Ich schaue rüber. Da steht eine Dame mit Mikro. Sie schaut mich an. Ich gucke noch mal nach links, ob der Scheinwerfer immer noch dort ist. Ja. Aber sie spricht mit mir. Ich deute auf mich – und merke erst jetzt, dass ich den anderen Arm immer noch hochgereckt habe und nehme ihn runter. Sie nickt, winkt mich zu sich. Perplex strecke ich die Hand nach dem Mikro aus, aber sie besteht darauf, dass ich aufstehe und zu ihr in den Gang klettere. Mit dumpfem Pochen im Hirn quetsche ich mich an meiner Frau und dem Mann ganz am Rand vorbei. Ich bin sehr froh, diese paar Sekunden zu haben, um mich wieder einzukriegen – und zu entscheiden, was ich eigentlich fragen will.

Kurz bin ich versucht, mich auch bei ihm für die ganze Inspiration zu bedanken und dass ich auch Autor geworden bin. Nein, entscheide ich, das wäre dann doch etwas peinlich, nach der Dame mit der ersten Frage ebenso zu beginnen mit: „Well, you know, I’m a published writer, too“ … Lieber stelle ich die Frage und fertig.

Ich frage, ob die ganzen Referenzen zum Dunklen Turm in den anderen Büchern von Anfang an so geplant sind oder ob sie nachträglich eingefügt werden, um die Fans zu befriedigen. Während ich die Frage stelle, sehe ich auf der Leinwand mich selbst von halb hinten. Seltsam für mich – ich bin schließlich kein Bühnenprofi. Er antwortet, dass er sich mit Anfang 20 das bescheuerte Ziel gesetzt hat, alle Bücher in einer großen Welt spielen lassen zu wollen. Ich bekomme die Antwort nicht ganz mit, weil ich währenddessen wieder auf meinen Platz klettere.

Später, als ich im Bett liege, frage ich mich, ob ich nicht etwas anderes hätte fragen sollen. Oder doch eine persönliche Anmerkung hätte einstreuen sollen. Oder wenigstens während der Antwort im Gang hätte stehenbleiben sollen. Aber das ist alles egal. Ich habe mit meinem Idol kommuniziert! Sicher, es waren nur acht Sekunden oder so und wegen der tausenden anderer Leute nicht ganz so persönlich wie meine Begegnung mit Terry Pratchett damals.

Warum durfte ich die Frage stellen und nicht die Person, auf der der Lichtkegel lag? Vermutlich, weil die Bestuhlung so wenig Beinfreiheit anbot. Die Dame mit dem Mikro wusste, dass es lange dauern würde, bis die andere Person aus der Mitte sich an den Rand vorgearbeitet hätte, und das Mikro in die Mitte rumreichen wollte sie auch nicht (vermutlich, weil man dann die verrückten Fans nicht mehr zum Schweigen gebracht hätte). Und hätte der Kerl ganz rechts am Rand die Hand gehoben, wäre der drangekommen. So war ich die nächstbeste Wahl.

Ein wenig tut’s mir natürlich für die Person leid, die um ihre Frage betrogen wurde.

Ach was. Das ist natürlich gelogen. Wahrscheinlich hätte ich ihr beim Versuch, an mir vorbeizukommen, gegen das Schienbein getreten und mir das Mikro geschnappt.

Ich bin von irgendwelchen Prominenten oder Pseudo-Prominenten sehr wenig beeindruckt. Meine Reaktion, wenn ich einen sehe (was z.B. auf der Buchmesse Frankfurt unvermeidbar ist), ist meistens: Ach, guck, den kennt man doch. Und dann gehe ich weiter. King dürfte so ziemlich die einzige Person sein, bei der ich wieder zum hundertprozentigen Fan degeneriere. Ich habe kein signiertes Buch bekommen, ich habe ihn nicht sonstwo getroffen, ich habe ihm nicht die Hand geschüttelt. Aber seltsame Umstände – beginnend mit der zufälligen Platzwahl – haben dazu geführt, dass ich meinem Idol eine Frage stellen konnte. Und er hat geantwortet.

King selbst – bzw. Steve, wie ich meinen alten Kumpel jetzt nennen darf – hat für so etwas einen Begriff:

Ka.

 

 

(Nachtrag – ein netter Mensch hat das alles auf Video festgehalten. Hier zu sehen, so ab 16:20.)