Kurzgeschichte: “Glasseele”

Heute beginnen die “Tage der Phantastik” der Phantastischen Bibliothek Wetzlar. Dazu erscheint eine Sammlung mit 22 Kürzestgeschichten, die eines gemeinsam haben (mussten) – den Satz “Ihr Haar zersprang wie blaues Glas” (auch der Titel der Sammlung). Das hier ist mein Beitrag.

GLASSEELE

Frahill hasste den Morgen. 

Kaum war er erwacht, brach das Echo der Lebewesen, die er in der Nacht zuvor erschaffen hatte, wie eine Flutwelle über ihn herein. Sie durchdrangen seinen Geist, waren noch immer ein Teil von ihm. Nur langsam wurden sie sich ihrer Körper bewusst, begannen ihren Marsch durch die Wüste weg von Frahills Behausung. Mit jedem Schritt löste sich ihr neu geformter Geist von seinem. Jedes Wesen, das auf zwei Beinen wankte, auf vier Beinen schlurfte oder sich zusammenzog und wieder ausdehnte, ging in eine Welt hinaus, die ihm fremd war. Wenn die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hatte und alle Lebewesen hinter dem gleißenden Horizont verschwunden waren, umarmte Frahill erleichtert die zurückkehrende Einsamkeit. Halb träumend verbrachte er die Hitze des Nachmittags in seinem Verschlag. Dann kehrte dir Nacht zurück und er musste wieder formen.

Sein Dasein näherte sich dem Ende. Er wusste nicht, wie viele Nächte er noch Lebewesen kreieren konnte. Seine Kräfte schwanden. Jedes von ihnen, das in die Ferne ging, nahm einen Teil von ihm mit. Viel Kraft war nicht mehr übrig.

Er hatte versucht, weniger von ihnen zu erschaffen, um seine Existenz zu verlängern. In einer Nacht hatte er bis zur Mitternacht kein Wesen geformt, aber dann hatte ein Zittern eingesetzt. Frahill konnte kaum noch atmen. Es war, als rebellierte sein Körper dagegen. Innerhalb einer Stunde schuf er fünfzig Wesen, setzte sie vor die Tür seiner Behausung, fiel in tiefen Schlummer.

Auch hatte er versucht, die Wüste zu erkunden, doch am Tag war er zu schwach und die Hitze zu groß. Es war ihm nicht gelungen, auch nur aus Sichtweite seiner Hütte zu gehen. Dann war er mit letzter Kraft zurückgekehrt.

Frahill wusste nicht, wie lange er schon in der Wüste lebte oder wie er hierher gekommen war. 1.000 Nächte? Oder 10.000? Er hatte nie gezählt. War er der einzige Bewohner dieser Wüste oder gab es andere? War sein Schaffen eine Fähigkeit oder ein Fluch? Jenseits der Dünen mochte es eine Antwort geben – auch darauf, warum er seinen Namen kannte und warum sein Körper weder Hunger noch Durst verspürte. Doch Frahill würde in der Zeit, die ihm noch blieb, keine Antworten erhalten.

Eines Abends war er sich gewiss, dass dies seine letzte Nacht war. Seine Kraft war fast erschöpft. Beim Gedanken, die Sonne nie wieder einen Sonnenaufgang zu erblicken, fühlte er sich nicht traurig. Er hatte seine Pflicht erfüllt. Es war Zeit, für eine letzte Kreation.

Danach versank er im Schlaf.

Als wäre es nur ein Blinzeln gewesen, stach die Morgensonne gegen seine Augenlider. Vorsichtig öffnete Frahill seine Augen und sah, was er erschaffen hatte.

Es war das schönste Lebewesen, das er je gesehen hatte.

Sie stand vornübergebeugt bei seinem Lager und lächelte.

Um diese Zeit hätte sie längst in der Wüste sein müssen. Was tat sie noch hier?

Frahill hatte seit einer Ewigkeit nicht mehr gesprochen, und im ersten Augenblick glaubte er, es verlernt zu haben. Er schluckte, bekam nur ein Krächzen heraus.

Sie stellte sich auf, ihr Lächeln verblasste. “Du bist frei”, sagte sie leise. Ihre Gesichtszüge erstarrten. Sie schien die Luft anzuhalten. Ihr Haar zersprang wie blaues Glas. Dann geschah das gleiche mit ihrem Körper. Sie zersplitterte. Kristallstaub erfüllte die Behausung. Entsetzt stolperte Frahill nach draußen.

Er stieß mit dem Mann zusammen, der aus der Wüste gekommen war.

Frahill wich einen Schritt zurück, kniff die Augen im Licht der Morgensonne zusammen. Der Mann hielt ihm einen Beutel hin, den Frahill verdutzt entgegennahm. Der Mann schien noch etwas sagen zu wollen – etwas, das ihn mit Trauer erfüllte. Frahill sah es in seinen Augen. Doch der Mann schwieg, ging an ihm vorüber in die Behausung. Dort sank er auf die Knie und aß den Kristallstaub. Als er fertig war, schleppte er sich zum Lager und schlief augenblicklich ein.

Im Beutel des Mannes befand sich Nahrung und ein halbvoller Wasserschlauch. Frahill fühlte Hunger und Durst … und die Erinnerung, wer er war.

Dann brach er auf. Er wusste wieder, was hinter den Dünen lag.

Sein Leben.

© 2011 Falko Löffler