“Irgendwann ist der Ofen aus”

Als ich vorhin diesen Artikel über den hiesigen Vogelsberg las (Hopfmannsfeld ist zwei Käffer weiter), erinnerte ich mich an einen Sonntag Nachmittag, als meine Frau und ich in noch im Rhein-Main-Gebiet gelebt haben, so circa 2004. Diesen möchte ich hiermit schildern. Leider habe ich keine Fotos mit halb verfallenen Stadthäusern unter bedrohlich dräuendem Himmel zur Hand. Bitte einfach dazudenken.

Sogar mitten im Rhein-Main-Gebiet kann die Tortenplatte leer sein. Hängende Mägen gibt es auch in der Innenstadt. Ein Tag in Offenbach und Frankfurt.

Es ist 13:40. Im Rhein-Main-Gebiet stinkt es nach Kerosin und Alkohol. Wir, 30 Jahre alt, haben lange geschlafen und früh Mittag gegessen. Nun haben wir Lust auf Kuchen. Und Kaffee. Wir beschließen, in die Stadt zu gehen und ein Café aufzusuchen.

13.50 Uhr. Etwa 120.000 Menschen leben in Offenbach. Der Kreis ist einer der am dichtesten besiedelten. Kaum Wald, viel Bauschutt und mehr Einwohner, als auf einen Quadratmeter passen. Drei Bäcker stehen in jeder Straße, alle haben das gleiche Zeug und schon seit 11 Uhr geschlossen. Einer davon ist der “Vogelsbergbäcker” – offenbar traut sich der Offenbacher nicht, seinen eigenen Namen auf ein Brötchen zu schreiben. Wir sind gewarnt.

13.55 Uhr. Wir laufen ein wenig umher, ein paar Dealer folgen uns. Sie haben leider keine Muffins im Angebot. Hier könne man sich nicht verlaufen, rufen sie, und dass sie uns noch holen kommen. Vom Länderfinanzausgleich hat man in Offenbach noch nichts gehört, weil man zu sehr damit beschäftigt ist, die Pleite des OFC vorzubereiten. Wer Abitur hat, sagt man hier, ist für den OFC verloren.

14.29 Uhr. Die mormonischen Straßenprediger lauern uns in der leeren Fußgängerzone auf. Haben die denn niemals frei? Sie erzählen uns von dem Plan, den Gott für uns hat. Wir signalisieren Einverständnis, wenn dieser Plan mit frischer Himbeertorte zu tun hat, was leider verneint wird.

15:03 Uhr. Es gibt kein Café in der Offenbacher Innenstadt. Vielleicht irgendwo in einer Seitengasse, wo die ganzen Rentner hingehen. Die wollen ja lieber unter sich sein. Wir beschließen, in die S-Bahn zu steigen, um uns im Café auf der Frankfurter Hauptwache zu verköstigen. Unterwegs wechseln wir den S-Bahn-Waggon, als jemand spontan beschließt, seine Notdurft zu verrichten. “Hier gibt es noch echte Gemeinschaft!”, ruft er dabei aus.

15:33 Uhr. “Geschlossen” steht auf dem Schild am Hauptwache-Café. Wir schauen uns ratlos um, die halb verhungerten Tauben auf der Hauptwache starren zurück, als würden sie in Erwägung ziehen, uns anpicken zu wollen. Eine Frau kippt einen Eimer Dreckwasser auf die Straße, jetzt riecht es wie in Offenbach. “Stundenhotel Gisela” steht auf einem Schild vor einem Haus. Darunter: “frei”. Ein Raubvogel Marke Airbus kreist über der verfilzten Taunusanlage.

15:44 Uhr. Wir haben in der Nähe des Doms ein Café gefunden! Es ist voller Betrunkener. Nur noch drei Tortenstücke sind übrig. Sie sehen aus, als hätten sie schon einmal an einer Wand geklebt. Wir verlassen das Café wieder. Hunger sollte man hier nicht haben. Sollen wir nun ins Studentenviertel rausfahren? Nein, Sonntag ist die Taktung der U-Bahnen fürchterlich. Dann wird es ja Abend, bis wir zurück sind. Lieber gleich ab nach Hause und selbst was backen.

15:48 Uhr. Die S-Bahn Richtung Offenbach fährt uns vor der Nase weg. Die nächste soll 30 Minuten später kommen. Sie entfällt. Die nächste soll 30 Minuten später kommen. Sie hat Verspätung. Wir landen wieder in dem Waggon, der als Toilette missbraucht worden ist. Wegen einer Gleisstörung müssen wir schon am Mühlberg aussteigen. Die Tram nach Offenbach fährt uns vor der Nase weg. Die nächste soll 20 Minuten später kommen. Sie hat Verspätung.

18:21 Uhr. Wieder zu Hause. Wir beschließen: wenn wir wieder Lust auf Kuchen haben, fahren wir lieber gleich in den Vogelsberg.