Hackerethik 0.2

Ich bin schizophren
Wenn ich lese, dass die Piratenpartei in den Umfragen sogar die Grünen überholt, mache ich innerlich die Stefan-Kuntz-Säge. Schön, wie der verkrustete Politbetrieb aufgebrochen wird, wie diejenigen aufgescheucht werden, die es sich in ihren Nischen bequem gemacht haben.
Als technikaffiner Angehöriger der Generation C64 falle ich eigentlich ins Schema der älteren Piratenpartei-Wähler.
Eigentlich.

Als freier Autor tue ich mir nach wie vor schwer, ein Kreuzchen bei den Piraten zu machen. Und das hängt natürlich mit der ganzen Urheberrechtsdebatte zusammen, die ich letzte Woche aufgearbeitet habe.
Wie gesagt – ich bin schizophren. Denn andererseits möchte ich, dass auch der verkrustete Verlagsbetrieb aufgebrochen wird, dass der Musikbranche in den Hintern getreten wird, dass sich Verfügbarkeit und Distribution von Medienerzeugnissen etwas ändert und der Markt modernisiert (sprich: digitalisiert) wird.
“Dann lies doch mal bei uns Piraten nach!”, wird mir dann gern geraten. “Oder rede mit uns, wir erklären dir alles!”
Gern doch. Deswegen haben wir hier bei “Weißes Rauschen” einen Gastbeitrag veröffentlicht.

Schlüsselworte
Wie bei vielen anderen Beiträgen aus Richtung der Piraten stolpere ich über bestimmte Begriffe und Formulierungen.
“Prosument” ist so einer. Das Kunstwort soll “eine harte Grenze zwischen Konsument und Produzent” vermeiden. Nun ist bei der überwältigenden Mehrheit der Leute diese Grenze, nun, SEHR hart. Mir scheint, dass damit engagierte Konsumenten idealisiert werden – diejenigen, die besonders laut für “ihre” Band, “ihren” Film, “ihre” Bücher eintreten. Aber nicht alle derjenigen erstellen gleich Mashups oder Remixe, in welchem Medium auch immer. Gibt es den “Prosumenten” denn wirklich oder ist er nur ein Yeti? Jemand, der fröhlich aus dem Erbe der Weltkultur schöpft, etwas daraus formt und es selbstlos in die Öffentlichkeit zurückwirft? Wenn es ihn gibt – was macht er im wahren Leben? Und sind viele nicht einfach nur Trittbrettfahrer, die etwas ausschlachten, was andere erdacht und aufgebaut haben. Nein, not everything is a remix. Ich mag noch akzeptieren, dass die DJ-Kultur darauf aufbaut, aber Werke müssen nicht “in den öffentlichen Raum” zurückgeführt werden, wie die Piraten auf ihrer Homepage schreiben. Kreative sind keine Geiselnehmer, die ihren Werken psychischen Schaden zufügen.

Das wiederum hängt mit dem Stichwort Schutzfristen zusammen. Nehmen wir die vorgeschlagenen 10 Jahre. Nur: Wie oft passiert es, dass eine Band oder ein Autor erst nach Jahrzehnten des Abmühens wirklich erfolgreich werden? Heißt das, dass sie nur für die letzten 10 Jahre ihres Schaffens bezahlt werden? Und niemand kann verhindern, dass dann ein 12 Jahre altes Buch, ein 15 Jahre alter Film oder 11 Jahre altes Album kursiert, sei es frei in den Tauschbörsen oder schlimmstenfalls als kommerzielles Angebot von Dritten und dabei völlig legal? Genau das ist die Horrorvorstellung jedes Kreativen, denn viele von denen leben davon (und in der vagen Hoffnung), dass es irgendwann KLICK macht und das Lebenswerk tatsächlich ihre Lebensgrundlage darstellt.

[Update 12.4.12 – Ich wurde zurecht darauf hingewiesen, dass 10 Jahre nach dem Tod des Urhebers im Gespräch sind. Das klingt etwas besser, aber mir ist nicht ganz klar, wie das bei Gemeinschaftswerken wie Musik oder Film unzusetzen ist.]

Joss Stone findet Filesharing toll? Super! Sie ist ja auch nur ein Weltstar, der schon einen Berg CDs verkauft hat und vor Abertausenden Konzerte spielt. Ob ein Musiker, dessen CDs sich im zweistelligen Bereich verkaufen und der 30 Leute zu Konzerten anlockt, aber in Tauschbörsen ein Vielfaches davon als Download angezeigt bekommt, das genauso sieht? Ich weiß – das soll also eine Kulturflatrate auffangen. In meinen Augen ist sie die größte Selbsttäuschung der Piraten. Eine Kulturflatrate würde bedeuten:
– Endloser Streit, wie viel jeder Bürger einzuzahlen hat.
– Endloser Kampf, wer wie viel vom Kuchen abbekommt.
Ist ein Album mehr wert als ein Buch, weil mehr Leute dran arbeiten und mehr Technik für die Herstellung angeschafft werden muss? Gehen wir bei Autoren nach Seitenzahl, Anzahl der Werke, Alter oder eine Mischung aus allem? Nein – eine Kulturflatrate hätte nur zur Folge, dass alle das Gefühl haben, zu kurz zu kommen, immer. Man muss kein radikal Marktliberaler sein, um anzuerkennen, dass ein offener Verkauf das fairste und transparenteste Mittel ist, um Künstlern Geld zufließen zu lassen. Verlage haben dabei zwei Kernfunktionen, nämlich die qualitative Filterung und die Finanzierung eines Projekts. Man muss ihnen nicht automatisch Boshaftigkeit und Habgier unterstellen. Nun sollen ja Verlage nicht mehr nötig sein durch …
“Kickstarter” und andere Portale: Da haben wir Leuchtturm-Projekte, die exzellent laufen, und viele, die überhaupt nicht zustande kommen. Zwei Probleme: Wie man aktuell bei “Double Fine Adventure” und “Wasteland 2″ sieht, ist Kickstarter eine tolle Möglichkeit für Leute, die eh schon bekannt sind, ihr Projekt zu finanzieren. Moment, heißt es, da sind doch auch die unbekannten, kleinen Sachen, die sich durchgesetzt haben! Schön. Aber wir müssen weiterdenken. Wenn Crowdsourcing Kreise zieht, wird man sich kaum noch davor retten können. Massig Projekte werben dann um Aufmerksamkeit und Geld, und, siehe oben, nicht jeder Konsument will “Prosument” sein und lange evaluieren, was ihn in einem halben Jahr interessieren könnte. Abgesehen davon nimmt Crowdsourcing einem Künstler jeder Art ein wenig Würde, weil er öffentlichen hausieren gehen muss – und paradoxerweise verliert man dadurch auch Freiheit, weil man für Vaporware schon eine Community aufbaut, die man auch schnell vergrätzen kann, wenn sich ein Projekt nicht wie versprochen entwickelt.
Flattr: Hat das gleiche Problem wie Kickstarter. Für Nicht-Netzaffine ist die Einstiegshürde mit Registrierung schon mal sehr hoch, zum anderen wird es mal hier genutzt, dort aber nicht. Flattr ist wie Organspende – nur die wirklich engagierten Leute machen es freiwillig … bis der Staat sagt, dass es Pflicht wird.

Aber noch mal – ich bin schizophren. Vielen Punkten, die die Piraten in diese Diskussion einbringen, kann ich vorbehaltlos zustimmen:

– Ich möchte Verwerter durchrütteln, wenn sie es wieder mal nicht hinbekommen, ihre Erzeugnisse zeitnah global zu veröffentlichen.
– Ich bin stinksauer, wenn ein Film, ein Buch oder eine CD “out of print” sind. Sind wir denn im 20. Jahrhundert?
– Wenn wegen der Rechteverwertungsübertragungshölle ein Medienerzeugnis irgendwo im Limbo hängt, ist das für alle Beteiligten mehr als ärgerlich.
– Mir wird auf der DVD-Hülle eine “Digital Copy” versprochen, aber dafür muss ich mich erstmal registrieren und einen Codec runterladen und darf nur eine bestimmte Abspielsoftware nutzen, die ich nicht will. Danke auch.
Aber ich glaube nicht, dass die aktuell vorgetragenen Vorschläge helfen, die Medienlandschaft zu verbessern.
Warum?

Das Kernproblem
“Die Hackerethik bezeichnet eine Sammlung ethischer Werte, die für die Hackerkultur ausschlaggebend sein sollen. Für diese Ethik gibt es mittlerweile verschiedene Definitionen, zentrale Werte in den verschiedenen Aufstellungen sind Freiheit, Kooperation, freiwillige und selbstgewählte Arbeit sowie Teilen.” (Wikipedia)
Es gibt aber keine Hackerethik für Medienerzeugnisse, und die Ethik ist auf die Medienlandschaft nicht einfach übertragbar.
Genau diese Übertragung möchte die Piratenpartei forcieren – und wundert sich, wenn Formulierungen wie “Rückführung in den öffentlichen Raum” bei den Medienschaffenden nicht auf Gegenliebe stoßen. In deren Ohren klingen solche Worte wie Hohn. Und umgekehrt kann oder will die Piratenpartei nicht nachvollziehen, dass Kreative nicht automatisch für den öffentlichen Raum schaffen wollen, selbst wenn sie ihre Inspiration dort rausziehen (blöde gefragt: woher sonst?).
Die Hackerethik ist gut und wichtig. Software-Patente sind ein Hemmschuh für den Fortschritt. Frei verfügbare Information ist die Basis unserer Demokratie, und sie gehört mit aller Macht verteidigt.
Aber nicht an dieser Front.

Was ich der “Contentindustrie” rate:
– Sorgt dafür, dass eure Erzeugnisse in allen digitalen Märktern verfügbar sind.
– Experimentiert mit der Preisgestaltung – und damit, etwas ohne DRM zu verkaufen.
– Lasst die Abmahnerei sein.

Was ich der Piratenpartei rate:
– Gründet eine Gruppe “Kreative bei den Piraten”. Und schaut dann, wie viele von denen tatsächlich von ihrer Kreativität leben und wer es nur als Hobby betreibt. Schmeißt Letztere aus der Gruppe raus.
– Streicht das Wort “Urheberrecht” aus allen euren Statements. Schreibt “Nutzungsrecht”. Copy/paste.
– Versteift euch nicht auf Kulturflatrate, Crowdsourcing und Flattr und akzeptiert, dass Medien ein Markt sind, der nach Marktgesetzen zu behandeln ist.

Vor 10 Jahren ist der Frankfurter Kabarettist Matthias Beltz gestorben. Ich hätte zu gern erlebt, was er über die Piratenpartei gesagt hätte. Aber zum Glück sind seine Sätze zeitlos. Wie dieser:

“Ich sage nichts dagegen, dass Politiker korrupt sind und verlogen und eigennützig. So verlangt es die Kunst des Regierens seit ewigen Zeiten. Aber es muss auch regiert werden und nicht gejammert.”

(Gespiegelt von weissesrauschen.eu)