Der Gamescom-Survival-Guide

Sommerzeit, Messezeit! Hat es uns früher noch nach Leipzig verschlagen, um nördlich von der Stadt in dunklen Hallen mit Bassbeats vollgewummert zu werden, so tun wir seit einigen Jahren im Osten einer Stadt mit Bierimitat. Heißt: technisch gesehen war die Messe schon immer rechtsrheinisch, womit man den durchschnittlichen Kölner nach dem dritten echten Bier zur Weißglut treiben kann. In Köln funktionieren einige Dinge anders als in Leipzig, andere sind unveränderliche Naturgesetze. In Leipzig wurde ein paar Tage die ganze Bevölkerung zu Zockern und die Taxifahrer schwärmten begeistert von ihren stundenlangen Minesweeper-Sessions, während die mondänen Kölner nicht recht wissen, was denn jetzt schon wieder für eine Messe in ihrer Stadt ist. Irgendwas mit Comics oder Fantasy, vermuten sie dann, weil so viele junge Leute verkleidet rumlaufen und statistisch nicht so viele Junggesellenabschiede gleichzeitig stattfinden.
Wenn Sie die Gamescom auch 2013 schadlos überstehen wollen, beachten Sie folgende Punkte:
  • Wenn Sie als Fachbesucher vorm Fußvolk eingelassen werden, sollten Sie das standesgemäß tun. Schreiten Sie mit hochgerecktem Kinn an den Horden vorüber, wedeln Sie ruhig mit Ihrer Badge und grinsen Sie in Richtung derjenigen, die noch anstehen müssen. Sehen Sie dabei wichtig aus, ein bisschen wie Peter Molyneux oder Jade Raymond (je nachdem). Wenn Ihnen danach ist, lassen Sie ruhig ein kurzes Dr.-Evil-Lachen los. Streuen Sie das Gerücht, dass der andere Eingang schon fürs Publikum geöffnet wurde und erfreuen Sie sich an der Stampede.
  • Stellen Sie sich geistig und emotional darauf ein, dass Sie in den Publikumshallen während Ihres Messebesuchs sowieso kein Spiel anschauen werden. Auch am possierlich betitelten “Fachbesuchertag” werden Sie bei den meisten Spielstationen rucksacktragende Horden sehen, die sich artig in Reihe aufstellen, um vier Stunden später einen Trailer angucken zu können, der seit letzter Woche auch auf Youtube steht. Wenn Sie ein Spiel in Aktion erleben wollen, machen Sie einen Termin im Fachbesucherbereich, wo Sie dann in einem anonymen Messestand in einem Sessel sitzen, der minimal breiter als Ihr Hintern ist, und Sie starren auf ein Developer-Notebook, das deutlich breiter als Ihr Hintern ist, wobei Sie Kekse essen und dauernd angerempelt werden und versuchen, die richtigen Tasten zu treffen, während die Mini-Lautsprecher das dreckige Lachen der anderen Leute am Stand zu übertönen.
  • Die umgekehrte Perspektive dieses Zustandes ist der “Pitch”. Sie sind selbst der Entwickler, der auf seinem Notebook sein neues Produkt präsentieren möchte, zur Not auch auf dem Boden zwischen den Besprechungskabinen. Laden Sie ruhig auch Passanten ein, sich Ihren Prototypen anzuschauen und bitten Sie um eine kleine Spende. Nennen Sie es “Finanzierung der Kickstarter-Kampagne” oder “Graswurzel-Marketing”. Wer nichts geben will, wird als “Lakai eines bösen Publishers” beschimpft.
  • Sollten Sie wider Erwarten doch die Chance haben, in den Publikumshallen ein Spiel antesten zu können, werden Sie es ohne Ton erleben müssen, weil die umliegenden Stände Sie mit ihren Bumm-Bumm-Trailern zuballern. Dagegen kommen die kleinen Quäk-Kisten Ihres Spiels nicht an. Einige Stationen sind mit Kopfhörern ausgerüstet. FASSEN SIE DIESE NICHT AN! Draußen sind 30°, viele Zocker haben lange Haare – die Details verschweigen wir.
  • Planen Sie zwischen den Terminen genug Zeit ein, besonders wenn Sie eine Wegstrecke durch die Publikumshallen zwischen DO und SA zurücklegen müssen. Sie werden zunächst in Hallen geschwemmt werden, in die Sie gar nicht wollten, dann mit dem Sirenengesang der Messehostessen verführt, irgendwelche Flyer über Casemodding mitzunehmen und an Pseudo-Umfragen teilzunehmen, die Sie bei nächster Gelegenheit dem Mülleimer übereignen, um dann verzweifelt eine Abkürzung im Freigelände zwischen den Messehallen zu suchen, was an abgeschlossenen Türen oder Security-Leuten in Donkey-Kong-Pose scheitert. Mit vorgestellten Schulterblättern rammen Sie sich zurück in den Menschenstrom und versuchen mittels Samba-Bewegungen aus der Hüfte an den eigentlichen Zielort zu kommen.
  • Lassen Sie sich keine Goodies andrehen und laufen Sie nicht wie eine Beutelratte rum. Und halten Sie sich von Orten fern, an denen Goodies in die Menge geworfen werden – dem Autor dieser Zeilen wurde einmal fast der Kopf abgerissen, als darauf ein Atari-Schlüsselband landete.
  • Wenn Sie im Freigelände etwas zu essen oder trinken kaufen wollen, müssen Sie dafür zunächst eine halbe Stunde in der Sonne schmoren, bis Sie drankommen. Sie investieren schließlich ein paar Stundensätze in eine Bockwurst mit Senf und eine Cola. Dann finden Sie keinen Sitzplatz und schmoren an die Messehalle gelehnt weiter. Sie schwitzen so sehr, dass Sie längst wärmer als die Bockwurst sind, die Sie essen. Danach ist Ihnen übel und Sie haben noch den Termin am anderen Ende des Messegeländes.
  • Sind Sie über 30, gibt es neben dem Fachbesucherbereich noch einen anderen Hort der Ruhe: die Retro-Area. Dort können Sie mit nostalgisch glänzenden Augen die nostalgisch vergilbten Rechner anschauen, die daran schuld sind, dass Sie keinen vernünftigen Beruf gelernt haben (Versicherungsvertreter, Lehrer oder Schafhirte). Wenn Sie unter Ihresgleichen neue Kraft getankt haben, können Sie sich wieder unter diejenigen mischen, die jünger als die Exponate im Retro-Bereich sind.
  • Am Ende eines Messetages stellt sich natürlich die Frage: wo findet die interessanteste Party statt und wen muss ich um ein Ticket anbetteln? Penetrieren Sie nachdrücklich die sozialen und realen Netzwerke. Bringen Sie überzeugende Gründe vor, warum Sie nach einem langen Messetag auch noch auf irgendeiner Party rumstehen müssen. Wenn Sie irgendwo nicht reingelassen werden, erklären Sie am nächsten Tag ungefragt, dass die betreffende Party sowieso nichts getaugt habe.

Irgendwann ist die Messe überstanden. Erleichtert wanken Sie zum Bahnhof und singen Ihre Pearl-Jam-Interpretation: “I’m still alaaf”.