Dekade

The unknown future rolls toward us. I face it, for the first time, with a sense of hope.

So ungefähr habe ich mich an meinem ersten Tag als Freiberufler gefühlt.

Genau gestern vor 10 Jahren.

Da hab ich noch in Offenbach gewohnt. Der Schreibtisch in der Ecke des einen Zimmers war bis dahin der Ort, an dem ich nach Feierabend an meinen Manuskripten gearbeitet hatte oder im Netz unterwegs gewesen war. Ab dem 15.9.2003 war er der Mittelpunkt meines Arbeitslebens. Mein Hauptrechner war ein iBook G3 mit 12″-Screen. Nach zwei Tagen, an denen ich rund um die Uhr davor gehockt hatte, wusste ich, was meine erste Investition ins Freelancer-Dasein war: ein externes Display und eine Tastatur. Ich entschied mich für ein 15″-Display von Sony und eine Macally iKey mit transparentem Gehäuse. Und schon bald wurde mir klar, dass ich mit diesem exotischen Betriebssystem namens „Mac OS X 10.2 Jaguar“ bei vielen Kunden nicht weit kommen würde. Und dass ich wohl MS Office für Mac benötigte. Klar, Apple hatte kurz zuvor diesen iPod rausgebracht und der schien gar nicht so übel zu laufen, aber es war doch Konsens, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis die Firma über die Wupper ging und von Microsoft gekauft wurde … Also schaffte ich mir auch noch einen Dell-PC mit Pentium 4 und Windows XP an – und einen VGA-USB-Switch, mit dem ich kinderleicht zwischen beiden Systemen wechseln konnte, ohne Tastaturen rumräumen zu müssen. Die Vorstellung, Windows auf einem Mac zu installieren war absurd. Wie auch, schließlich hatten die Macs die überlegenen PowerPC-Prozessoren verbaut und Intel war diese verrückte Firma, die immer heißere Prozessoren herstellte …

Die Technik wurde regelmäßig ausgetauscht im Laufe der zehn Jahre. Der Schreibtisch wurde durch einen anderen ersetzt, und er steht nicht mehr in Offenbach, sondern im Vogelsberg. Aber ich schreibe immer noch als Freiberufler. Immer noch meistens an Spielen. Zwischendurch ein Jahr lang nur an Drehbüchern, und dieses noch laufende Jahr war das Erste, in dem es bei mir primär um Bucharbeit ging.

Es gibt Tage, an denen ich das Freiberuflerdasein liebe. Wenn ich genau dann arbeiten kann, sobald die Energie dazu da ist. Wenn ich mich auf die Couch knallen kann, wenn es nötig ist. Wenn ich eine Regenpause zum Joggen nutzen kann. Wenn ich ein Projekt bekomme, für das ich brenne. Und es gibt Tage, an denen ich das Freiberuflerdasein hasse. Wenn mal wieder eine offene Rechnung angemahnt werden muss. Wenn ein Job sich als kreative Hölle entpuppt. Wenn eine Deadline das Wochenende verdirbt. Wenn der Kopf nicht abschalten kann.

Natürlich sind die positiven Tage in der Überzahl, sonst hätte ich längst hingeschmissen. Dumm ist nur, dass beide Zustände sich über längere Phasen erstrecken. Das kann zehrend sein. Wenn’s gut läuft, IST MAN DER KÖNIG WELT! Wenn nicht … dann nicht. Jetzt, zum Jubiläum, ist’s melancholisch. Als es vor ein paar Jahren nicht so doll lief, hatte ich mir als Ziel gesetzt, die 10 Jahre zu schaffen, und daran habe ich mich hochgezogen. Zweistellig. Runde Zahl. Nicht nur eine Zwischenphase im Leben, sondern wirklich ein Abschnitt. Das ist ein wenig irrational, ich weiß. Aber ich will auch mindestens 10 Bücher veröffentlichen. Und mindestens 10 Marathons finishen.

Jetzt ist es passiert. Dieses eine Ziel habe ich geschafft. 10 Jahre. Noch mal drei Jahre drauf und ich übertreffe sogar die gesamte Schulzeit und ich bin länger Freiberufler als ich irgendwas anderes in meinem Leben gewesen bin. Und das jetzt, kurz vor meinem 40. Geburtstag. Vielleicht ist mir auch deswegen nicht richtig nach Feiern zumute. Könnte auch daran liegen, dass gerade wieder eine von diesen Hetz-Phasen ist, die Producer neumodisch als „Sprint“ bezeichnen (was einem Langstreckler wie mir eh nicht entgegenkommt). Also eine Phase, in der man danach lechzt, zur Abwechslung mal nicht so viel zu tun zu haben. Mit einem echten Feierabend, wie bei normalen Leuten. Und sicherem Einkommen, statt durch Text zu sprinten und zu hoffen, dass die Rechnungen nicht allzu spät beglichen werden.

Mit dem Messer zwischen den Zähnen schreibe ich derzeit das dritte Buch dieses Jahr fertig und arbeite an Spielen. Es werden schon die Weichen fürs elfte Jahr gestellt. Neue Bücher. Neue Spieleprojekte. Gleichzeitig laufe ich mit aufgesperrten Lauschern durchs Leben, ob nicht irgendwer einen erfahrenen Autor für ein tolles Projekt fest anstellen möchte. Warum sollte ich es ausschließen, wieder in Lohn und Brot zu gehen? Meine 10 Jahre habe ich schließlich geschafft.

Ich möchte bei allen bedanken, mit denen ich in diesen zehn Jahren gut zusammengearbeitet habe, besonders denjenigen, die sich immer wieder bei mir melden und mit denen nicht nur die Arbeit Spaß macht, sondern auch die gemeinsame Zeit auf Konferenzen und Messen. Leute, ohne euch wäre ich längst seriös geworden. Danke.

Und mein größter Dank gilt denjenigen, bei denen meine Bücher nachklingen.

No Fate But What We Make