Millionär

Ich stehe auf dem Hoherodskopf vor der Gaststätte, warte auf die Familie und gucke aufs Smartphone.

Ein älterer Herr nähert sich mir. Er hebt die Hand und deutet auf mein Moto X. “Des is des liebste Spielzeug der Deutschen!”, ruft er aus, nicht anklangend, eher entschlossen, seine Meinung der Welt mitzuteilen. Was man auch an der hessischen Klangfärbung merkt.

“Naja”, sage ich, “ist jetzt nicht mehr so ungewöhnlich.”

“Ich hab des net! Aber Sie sehe ja auch aus wie’n Millionär.”

Nun, ich träge eine stinknormale Jacke, meine älteste Jeans und einen Kapuzenpulli, der ungefähr aus der Zeit stammt, als Motorola noch für Klapphandys bekannt war. “Haha. Ich bin armer Künstler.”

“Künstler? Un was mache Sie für Kunst?”

Ich erwäge, ihm zu erklären, dass ich in erster Linie Texte für Computerspiele schreibe, wie sie auch auf solchen Spielzeugen laufen, die in seiner Wahrnehmung nur Millionäre besitzen, aber denn wähle ich das hochtrabendste Wort, das mir einfällt:

“Schriftsteller!” Er muss ja nicht wissen, dass letztens eines meiner Bücher vom Markt genommen wurde.

“Hab ich Sie die Woch’ im Fernseh’ gesehe?”

“Nee”, sage ich, “die Woch’ net.”

Aber diese Woche war ein Schriftsteller im Fernsehen, der so ausgesehen hat wie ich, beharrt er.

Ich beharre darauf, es nicht gewesen zu sein.

Wir merken, dass wir uns in dieser Hinsicht nicht einig werden. Er hat Hunger und muss in die Gaststätte, ich habe noch wichtige Millionärsdinge auf meinem Smartphone zu erledigen.

13 Jahre als freier Autor. Was ich in dieser Zeit gelernt habe

Höchst subjektiv, nur bedingt auf andere Lebensentwürfe oder Branchen übertragbar und ohne jeden Anspruch auf Richtigkeit, Vollständigkeit oder Kekse.

Seit 15. September 2003 bin ich freier Autor.

Heißt, jetzt sind es genau 13 Jahre. Warum sollte man diese Unglückszahl feiern? Nun, ab sofort bin ich längere Zeit Freiberufler als ich Schüler gewesen bin. Anders gesagt:

Die Freiberuflichkeit ist nun die längste Phase in den 42 Jahren meines Lebens.

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Die Taufe der Arche Noah

Ein Kopfschüttler nach dieser Vorgabe:

“Etwas Zoologisches (mit Tieren) und Champagner. Und Schiffe.”

Alle Tiere auf der Arche Noah brüllten panisch, denn die Wellen schlugen immer höher. “Noah! Jetzt komm endlich! Wir müssen los!”, rief der Erste Maat.

“Moment!”, brüllte Noah zurück. “Es bringt Unglück, mit einem Schiff in See zu stechen, das noch nicht getauft worden ist.”

Er stand auf dem Felsen, der aus dem Meer heraus ragte — das letzte Stück Land, soweit das Auge reichte. Der Regen peitschte gnadenlos herab. Seit Wochen war keine Sonne mehr zu sehen gewesen. Noah hielt eine Champagnerflasche hoch über seinem Kopf.

“Ich taufe dich auf den Namen …” Er hatte keine Ahnung. Gott hatte ihm gesagt, dass er das Ding bauen sollte, aber weder hatte er ihm eine Anleitung gefaxt, noch einen Namen kommuniziert. “Ich weiß nicht, wie ich das Schiff nennen soll!”, rief er rüber.

“Bloß keinen Frauennamen! Das bringt Unglück!”, rief der Schiffskoch aus der Kombüse. “Und übrigens wollen die Tiger das Trockenfutter nicht.”

“Nimm irgendeinen Namen!”, rief der Erste Maat. “Ist egal. An den Kahn erinnert sich eh keiner mehr, wenn das alles rum ist.”

“Nein, es muss ein wichtiger Name sein! Einer für die Geschichte”

Das Wasser stieg höher.

“Dann nenn die Schaluppe halt nach dir selbst, du Arsch!”, schallte es aus der Kombüse. “Wir saufen hier bald ab!”

Noahs Füße wurden nass. Ihm blieb keine Zeit.

“Ich taufe dich auf den Namen … Arsch Noah!”, rief er und schleuderte die Champagnerflasche.

Wegen des heftigen Windes kamen seine Worte allerdings nicht ganz deutlich beim Rest der Besatzung an.

Der Stinkuin

Ein Kopfschüttler nach dieser Vorgabe:

“Ein stinkender Pinguin, eine geschwätzige non-kommunikative Konsumgütertrennstange und ein pulsierender Haufen Dreck.”

“Du stinkst.”

Die Konsumgütertrennstange besaß keine Nase. Auch keine Augen. Aber sie fühlte, wie sich die Gestankpartikel auf ihrem Plastik niederließen und dort auf eine besonders ekelhafte Weise haften blieben. Eigentlich hätte sie drüberstehen müssen. Schließlich war es ihr Job, halb vergammelte Lebensmittel voneinder zu trennen, und das auf einem Laufband, an das sich Bakterien mit aller Kraft festklammerten. So was härtete ab. Aber der Stinkuin ging ihr auf die Nerven, die sie nicht hatte.

“Ich weiß”, gab der Stinkuin zurück. “Ist halt so. Ich kann nicht anders. Es liegt in meiner Natur. Stinkuine sind deswegen auch fast ausgestorben. Kein Zoo will uns haben. Abgesehen davon … der Dreckhaufen da stinkt viel mehr.”

“Der pulsiert nur.”

“Das kannst du doch gar nicht sehen.”

“Er strahlt Wärme ab. Die fühle ich. Würde sie noch besser fühlen, wenn dein Gestank mich nicht so einhüllen würde.”

“‘tschuldigung.”

“Was willst du eigentlich?”

“Fisch.”

“Ach so. Den gibt’s neben der Wursttheke. Hinter dem Dreckhaufen.”

“Warum pulsiert der überhaupt?”

“Der ist sauer, weil die Butterkekse aus dem Sortiment genommen worden sind. Das stinkt ihm.”

“Also ein Stinkhaufen. Haha.”

“Selber.”

Im Hort des Kaffeedrachen

Ein Kopfschüttler nach dieser Vorgabe:

“Drachen sollten drin vorkommen. Und Kaffee. Kaffee ist immer gut.“

“Ich sehe dich!”

Der Kaffeedrache stampfte über die Kaffeebohnen, und seine riesigen Pranken mahlten diese zu einem feinen Pulver, nach dem sich Hamburger Kaufleute die Finger leckten.

“Komm raus, Dieb!”

Ein Häufchen Bohnen geriet in Bewegung und rieselte zur Seite, als sich jemand erhob, der sich darin versteckt hatte.

Es war ein Teedrache.

“Du weißt, dass das Zeug auf die Pumpe geht, oder?” Der Teedrache griff mit einer seiner rechten Krallenhand unter die linke Schwinge und holte ein Bündel Blätter hervor. “Grüner Tee!”, rief er aus. “Beruhigt die Nerven, schont die Herzen. Aber nicht zu lange aufbrühen.”

Dumpf starrte der Kaffeedrachen auf seinen kleinen Artgenossen hinab. “Du willst dich gar nicht an meinen Reichtümern vergreifen?”

“Kommt drauf an. Hast du auch ein Zimmer mit dem Entkoffeeinierten? Ist ganz gut, so was zu Hause zu haben, falls Gäste vorbeikommen. Der ist dann nicht ganz so schädlich, weißt du?”

“Ich … ich …”

“Reg dich nicht so auf. Du glühst ja schon wieder! Siehst du, das macht dieses Gesöff mit dir. Da kannst du jeden Arzt fragen. Klar, eine Tasse Kaffee kann den Blutdruck anregen, aber seien wir ehrlich: dabei bleibt’s doch nicht. Außer grünem Tee kann ich noch-”

Der Kaffeedrache riss sein Maul auf und Flammen schossen heraus. Sie hüllten den Teedrachen ein. Von ihm blieb nur ein feines Pulver übrig, das sich mit dem Kaffeepulver vermischte.

“Höchster Röstgrad”, murmelte der Kaffeedrache und brühte sich damit eine Tasse auf.

Würgerinitiative

Ein Kopfschüttler

“Das geht nicht weit genug!”, rief Scharkowski empört. “Wir müssen eine Würgerwehr gründen, die patrouilliert und das Gesindel von der Straße holt!” Unruhe brach im Saal aus. Die meisten der besorgten Würger unterstützten ihn lauthals. Er grinste innerlich.

Würgermeister Meinert stand auf und hob beide Hände “Ruhe ist die erste Würgerpflicht!”, rief er gegen die Menge an, doch seine Worte wurden weggespült.

Erst als auch Scharkowski sich von seinem Platz mitten im Saal erhob, wurde es leiser. “Als Vertreter der Würgerinitiative fordere ich einen Rücktritt der Würgschaft und Neuwahlen!”

“Meinert muss weg!”, rief jemand von hinten und beifälliges Grumpfen erhob sich im Saal.

“Wir müssen besonnen vorgehen und-”, setzte Meinert schwach an.

Scharkowski fuhr mit lauter Stimme dazwischen. “Man kann sich nachts ja nicht mehr auf die Straße trauen! Früher konnte man als unbescholtener Würger seinen Interessen nachgehen und heutzutage ist alles voller Polizisten! Und was tut die Würgschaft dagegen? Nichts!”

“Freie Fahrt für freie Würger!”, rief jemand von hinten, und ein anderer zischte: “Schnauze!”

Meinert setzte seine besorgte Miene auf. “Wir Würger müssen zusammenhalten und-”

Wieder wurde er von Scharkowski unterbrochen. “Das ist doch ein Hängen und Würgen!”

“Eben nicht”, rief der Mann hinten. Das Geräusch einer Ohrfeige hallte durch den Saal.

“Wir brauchen einen Neuanfang!”, rief Scharkowski. “Neuwahlen jetzt!”

“ES REICHT!”, brüllte Meinert, ging um den Tisch herum, trat zwischen die Stuhlreihen im Saal, stürmte zu Schwarkowski und legte ihm die Hände um den Hals.

Eine Leuchte

Baustelle auf der Landstraße. Eine lange Gerade. Runter auf 70, dann 50, dann Ampel.

Ich bin das erste Auto an der Ampel. Sie leuchtet nicht so richtig, aber ich meine, einen roten Schimmer zu erkennen. Außerdem kommen gerade Autos aus der Gegenrichtung durchgefahren, ergo muss ja bei mir rot sein. Ich schaue die Ampel genau an, damit das Umschalten nicht verpasse.

Hinter mir kommt ein Auto. Noch eins. Noch eins. Ein LKW. Noch ein Auto.

Es vergehen an die fünf Minuten.

Der Gegenverkehr fährt immer noch fröhlich durch. An meiner Ampel tut sich nichts.

Irgendwann kommt der Anarchist in mir durch. ICH FAHRE EINFACH ÜBER DIE AMPEL! Im Rückspiegel sehe ich, dass der Feigling hinter mir sich nicht traut. Aber der LKW schert aus und folgt mir.

Langsam fahre ich durch die Baustelle, halte neben einem Bauarbeiter und fahre das Fenster runter. “Man kann die Ampel gar nicht richtig sehen!”, rufe ich ihm zu.

Er lächelt freundlich. “Ja, ich weiß. Bei der is’ die Batterie leer.”

Ich fahre weiter, passiere die Baustelle und sehe im Rückspiegel, dass die andere Ampel gelb blinkt.

Business Development

Ich sitze im Café und übersetze fröhlich vor mich hin. Am Tisch neben mir werden Geschäfte gemacht. Wichtige Geschäfte. Ein Business-Pitch.

Der Eine ist um die dreißig und nicht ganz ein Vollblut-Hipster, aber kann sich äußerlich dem Zeitgeist nicht entziehen. Zerknittertes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Cordhose. Ein-Woche-Bart. Seitenscheitel. Engagiert präsentiert er seine Idee, erzählt von der Community, die aufzubauen ist, und anderen wichtigen Dingen. Dabei verwendet er ein iPad und ein Smartphone.

Der Andere dürfte auf die sechzig zugehen, trägt einen Anzug mit einem bunten Einstecktuch, ein lachsfarbenes Hemd, lichtes Haar und eine goldene Brille mit dünnem Rand. Er macht sich Notizen in einem kleinen Block, mit einem blaugoldenen Kugelschreiber.

Es scheint gut zu laufen. Sie reden angeregt miteinander.

Weil ich erstens nicht aufdringlich bin und zweitens sowieso nicht vorhabe, die Geschäftsidee zu klauen (bei Geschäften ist es wie mit Romanen: die Idee ist nicht wichtig, sondern die Umsetzung), ziehe ich Kopfhörer auf.

Mir wird bewusst, dass ich als Freiberufler eine Mischung aus den beiden bin. In mir steckt dieser junge Kreative, der was aufziehen will, aber auch der nüchterne, erfahrene Geschäftsmann, der das Budget im Auge hat. Die beiden reden in meinem Kopf ähnlich miteinander. Hey, widmen wir uns doch diesem Projekt, das ist lustig, aber bringt nicht viel Geld. Aber der andere findet: Nee, investieren wir unsere Zeit lieber dort, wo es sich lohnt.

Jetzt zum Beispiel müsste ich eigentlich weiter übersetzen, aber hatte Lust, diesen Text zu schreiben.

Was hiermit erledigt ist.

Der aufbegehrende Kanalarbeiter

Ein Kopfschüttler

“Dir komm ich gleich hoch!”, rief der stinkige Kanalarbeiter durch den Abfluss der Küchenspüle herauf.

“Aber stimmt doch!”, erwiderte Hans. “Man kann sich doch heutzutage nicht mehr auf Hegel berufen!”

“Ja, auf wen denn sonst?“, hallte es aus dem Ausguss. “Soll man sich etwa ewig an Kant halten? Da muss man doch rauswachsen!”

“Aber Hegel die gesamte Wirklichkeit systemisch gedeutet!” Empört wedelte Hans mit dem Spüllappen, als könnte der Kanalarbeiter es sehen.

“Der hat die Grundlage für den wissenschaftlichen Sozialismus gelegt, der Kerl!”

“Er kann doch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was nach seinem Tod geschieht!”

“Und diese Tränensäcke erst! So läuft doch kein ernstzunehmender Philosoph rum!”

“Das geht mir jetzt zu sehr ad hominem.” Hans steckte den Stopfen in den Ausguss, ließ Wasser einlaufen und begann abzuspülen.