Aufmerksamkeitsökonomie, 2019 Edition

Es ist nicht unmöglich, völlig konsequent zu leben, aber auch verflucht unrealistisch.

Natürlich möchten wir alle das richtige Leben haben und uns auf eine Weise verhalten, die zu unserem Selbstbild passt. Von den Leuten abgesehen, denen das völlig egal ist und die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind, und erfahrungsgemäß sind genau das diejenigen, die anderen Leute eine „Doppelmoral“ vorwerfen, sobald sie auch nur einen Angriffspunkt wittern.

Ich habe bei mir festgestellt, dass mein Selbstbild und mein Handeln immer weniger deckungsgleich wurden und dass meine Faulheit darunter litt. Denn aus Faulheit kommt Ruhe, aus Ruhe kommt Tatendrang, aus Tatendrang kommt Produktivität. Es mag sein, dass eine gewisse Ruhelosigkeit ein Automatismus ist, wenn man Mitte 40 erreicht, wodurch eine gewisse Torschlusspanik blüht und die Fähigkeit zur Faulheit verloren geht. Es war nötig, ein paar Stellschrauben zu drehen.

Zuletzt hatte ich dieses Gefühl vor einigen Jahren, da noch intensiver. Als das Triumvirat des Grauens (AfD, Trump, Brexit) immer lauter und breiter wurde, hatte ich diesen Drang, aktiv werden zu müssen. Also habe ich es getan und mich engagiert.

Problem dabei: Der Tag hat nur 24 Stunden. Auch für einen Freiberufler, der nicht mal einen geregelten Tagesablauf hat. Die harte Lektion: Wenn man alles richtig und ordentlich machen will, schafft man irgendwann gar nichts mehr.

Deswegen jetzt das Gegensteuern. Ich gebe alle Ehrenämter ab. Ungern und widerwillig, aber ich muss mir eingestehen, dass es in meiner jetzigen Lebenssituation nicht geht. Ganz oder gar nicht – das ist vielleicht ein anderes Problem, das ich habe, aber das bekomme ich nicht so schnell ausgeknipst. Also lieber gar nicht.

Nur reicht das nicht. Meine Aufmerksamkeit landet noch anderswo viel zu oft.

Ich habe die letzten Jahre immer stärker das Gefühl gehabt, dass speziell Facebook nur noch ein Brandbeschleuniger für Hass ist. Ein asoziales Medium, das sich nicht bändigen lässt, mit einem Glücksrad statt einer kuratierten Timeline. Ich war mehrmals kurz davor gewesen, meinen Account zu löschen. Jetzt habe ich es getan. (Genau genommen habe ich ihn deaktiviert. Ich bin feige und will eine Hintertür offenlassen. Genau darauf spekuliert die Saubande, das weiß ich, von daher hoffe ich, dass ich stark bleibe, und mich in nächster Zeit irgendwann nur deswegen wieder einlogge, um den Account endgültig zu löschen.)

Es mag mit meiner Selbstbeherrschung nicht weit her sein, aber das Deaktivieren von Notifications auf dem Smartphone oder das Ausloggen auf dem Desktop war nicht stark genug, um mich zu zurückzuhalten. Jetzt vielleicht.

Dazu noch ein paar kleinere Kurskorrekturen. Instagram gleich mit in die ewigen Jagdgründe geschickt. Firefox und Ecosia statt Chrome. Xing-Profil gelöscht. Bloggen nicht mehr auf Medium, sondern, nun, hier.

Rettet alles die Welt nicht, der Zug ist wohl abgefahren, und ich lebe auch nicht völlig konsequent, weil ich weiterhin Twitter (chronologische Timeline ftw) und Whatsapp (auf mich hört ja keiner) nutze, aber für mich für diesen Augenblick realistisch. Das muss reichen.

Jetzt muss ich nur noch konsequent faul und produktiv werden.

=== UPDATE vom 9.8.19

Tja.

Nun.

Ich versuche es mal so: