Terry Pratchett

Die ersten zwei oder drei Scheibenwelt-Romane waren bei Heyne erschienen, als mir „Das Licht der Phantasie“ in die Hände fiel. Natürlich sprang zunächst das surreale Cover ins Auge, aber um sicherzugehen, hatte Heyne fürsorglich unten einen Textbalken ergänzt:

Was Douglas Adams für die Science Fiction ist, ist Terry Pratchett für die Fantasy.

Nun war bei mir – wie bei so vielen – der „Anhalter“ mehr als prägend gewesen, also versuchte ich mich auch an Pratchett.

Ich kann nicht mal behaupten, dass es Liebe auf den ersten Blick war. „Das Licht der Phantasie“ unterhielt mich gut, aber löste keinen Knalleffekt aus. Später kaufte ich „Das Erbe des Zauberers“.

Und der Knalleffekt kam.

„Pyramiden“. „Gevatter Tod“. „Der Zauberhut“. „Wachen! Wachen!“. Und alles, was danach erschien. Pratchett wurde eine Konstante in meinem Leben. Ein neues Buch wurde am Erscheinungstag gekauft. Und weil er regelmäßig lieferte, kann ich für die letzten fast 25 Jahre jedes Buch in einen konkreten Abschnitt meines Lebens einordnen.

Douglas Adams starb. Das tat weh. Aber wenigstens hatten wir noch Terry. Auch wenn Heyne gelogen hatte. Er war nicht der Douglas Adams der Fantasy. Er war einfach Terry Pratchett.

Ich traf ihn.

Im Frühjahr 1999 war ich bei der „Trinity Convention“ in Dortmund eingeladen, weil ich beim Kurzgeschichtenwettbewerb den dritten Platz belegt hatte. Was beim Blick auf die Liste der Ehrengäste gleich noch attraktiver wurde, weil Pratchett dazugehörte.

Kurz nachdem ich angekommen war, sah ich ihn an einem der Verkaufstische unter seinem charakteristischen Hut. Keine Menschentraube um ihn herum? Wie konnte das sein? Zitternd holte ich mein Lieblingsbuch von ihm aus der Tasche, kroch unterwürfig heran, hielt es ihm hin, stotterte irgendwas. Er lächelte, plauderte, signierte. Ich entschuldigte mich, ihn gestört zu haben, und trollte mich.

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Puh.

Mission accomplished.

Terry Pratchett getroffen.

Dann passierten viele wunderliche Dinge, die dazu führten, dass ich beim Gala Dinner mit den Ehrengästen landete.

Das war nicht geplant gewesen. Weder geistig noch kleidungstechnisch.

Als alle Teilnehmer in den Saal mit den Tischen kamen, setzte sich Terry Pratchett hinten rechts an einen Tisch. Und keiner ging zu ihm.

Ich traute mich nicht.

Nein, ich ging an einen Tisch hinten links. Dort fand ich mich in der Gesellschaft von Brian Aldiss und Harry Harrison wieder, was sich als äußerst unterhaltsam erwies. Aldiss‘ Talk hatte ich am Nachmittag besucht. Ich sagte ihm, wie sehr ich den Vortrag genossen hatte, und seine Gegenfrage war ohne die Miene zu verziehen: „Did you have an orgasm?“ Zu seinem Bedauern musste ich verneinen.

Und da hinten saß die ganze Zeit Pratchett. Ich ließ eine Bemerkung fallen, dass ich ja gerne auch mal mit ihm reden würde, woraufhin jemand von unserem Tisch rüberging und ihn fragte, ob er zu uns kommen würde. Einfach so.

An das Entsetzen, als er tatsächlich aufstand und kam, kann ich mich gut erinnern.

Terry wurde direkt neben mir platziert.

Ich: „Terry! Pratchett! Hrgh, hm! Honor! Meet! Terry! Hrgh. Books!“

Er: „What is your name?“

Ich: „Hrgh. Falko, hm. Hrgh.“

Er: „Falko! You are babbeling. And you have not mentioned the word ‚beer‘.“

Ich sagte „Beer!“. Es wurde Bier gebracht. Terry war zufrieden. Ich auch.

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Wie lange wir zusammen gesessen haben, weiß ich nicht. Verdammt, ich weiß nicht mal genau, worüber wir geredet haben. Aber ich kann mich an seine Freundlichkeit erinnern, an seine Stimme, an dieses totale Fehlen von Eitelkeit.

Nach dem Dinner ging der größte Teil der Teilnehmer noch in die Lobby des Hotels, in dem die Meisten untergebracht waren. Auch dort, auf einen schmalen Stuhl gezwängt, wurde er immer wieder von Leuten angesprochen, und er blieb. Er plauderte. Er lächelte. Als ich ging, saß er immer noch dort.

Am nächsten Morgen war ich höllisch verkatert. Die Lesung der Kurzgeschichten-Preisträger fand parallel zu Pratchetts Lesung statt. Was bedeutete, dass sich keine Sau für drei unbekannte Geschichtenerzähler interessierte und ich selbst an seiner Lesung nicht teilnehmen konnte. Aber das war mir egal. Ich hatte eine gehörige Dosis Pratchett bekommen.

Inzwischen ist mir klar, dass ich Terry Pratchett nicht persönlich kennengelernt habe.

Das war Terry Pratchett, die öffentliche Figur, der Autor gewesen. Nicht die Privatperson. Nachdem ich selbst in letzter Zeit viel Pressearbeit gemacht und Lesungen gehalten habe, merke ich, dass das schizophren macht und dass die reale Person und diejenige, die mit Fremden über ihre Arbeit redet, nicht immer deckungsgleich sind. Neil Gaiman hat vor einem halben Jahr einen sehr lesenswerten Text über seinen Freund Pratchett geschrieben, der das exzellent aufschlüsselt und einen kleinen Einblick in Terry Pratchett, den Menschen gibt.

Vielleicht war Pratchett privat gar nicht so nett und zugänglich. Aber in den paar Stunden, die ich Pratchett, die öffentliche Person erlebt habe, war er Profi durch und durch. Aber in keiner Weise distanziert oder gespielt. Nur sich seiner Rolle bewusst.

Die Scheibenwelt ist nicht gestorben. Seine Tochter Rhianna wird sie verwalten. Es würde mich sehr wundern, wenn nicht noch mehr Romane erscheinen, und ich werde sie lesen. Aus alter Verbundenheit. Selbst wenn sie nicht die ursprüngliche Magie haben.

Nach den Lesungen auf dem Con, als dieser zum Ende kam, hatte ich noch eine kurze Begegnung mit Pratchett. Wieder in den Verkaufsräumen. Er bezahlte gerade für etwas. Wir schauten uns kurz an, lächelten. Ich fürchte, er sah, wie verkatert ich war.

Was er da kaufte, war eine Actionfigur. Eine Lara Croft im Taucheranzug. Er grinste. „It will look great on my computer!“ Und damit ging er.

Dass seine Tochter über zehn Jahre später am neuen „Tomb Raider“ gearbeitet hat, ist sicher nur ein lustiger Zufall.

Aber nehmen wir es ruhig als Zeichen, dass das Universum die Dinge in Ordnung bringt, solange ein(e) Pratchett mitmischt.

Posted in Bücher, Leben.

3 Comments

  1. Nun wird er herausgefunden haben, was Gevatter Tod mit ihm vorhat. Hoffen wir, dass es seinen Erwartungen entspricht. Und hoffen wir, dass er auch noch in vielen Jahren von Leuten gelesen wird, die nicht zu seinen Lebzeiten mit ihm aufgewachsen sind. Die auch noch in Zukunft erkennen werden, welche faszinierende Worte er zu Papier gebracht hat. Für mich ein ziemlich bitterer Verlust. Für mich ist er quasi die Person, die mich zum Schreiben brachte, da auch ich intelligente Worte verfassen wollte. Und über das Schreiben bin ich ja dann irgendwie in die Spiele-Branche gekommen. Und irgendwie hat Pratchett so auch mein Leben ziemlich stark geprägt…

  2. Ich bin erst 12 aber habe sehr lange um Pratchett getrauert. Ich hoffe Gevatter Tod hat ihn mit dem Schwert in Empfang genommen, da er der König meiner Phantasie war, ist und immer sein wird und Monarchen verdienen das Schwert. Er war und ist für mich wie ein zweiter Vater, den ich nie kennenlernte.

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