Silvester

Bei der Diskussion über Silvester, Köln, Hauptbahnhof, Dom wird viel durcheinander geschmissen, was nicht zusammengehört. Die Folge: jeder kann eine individuelle Interpretation der eigenen, längst existierenden Agenda folgend zusammenklöppeln. Wir brauchen mehr Überwachungskamera gewesen? Diese Nacht beweist es. Die Flüchtlinge sind an allem schuld? Diese Nacht beweist es. Die Frauen sind selber schuld? Diese Nacht beweist es. Wir brauchen mehr Polizei? Diese Nacht beweist es. Eulen sind als Hauptmahlzeit ungeeignet? Diese Nacht beweist es.

Wir müssen uns bei so einem Ereignis vor trügerisch einfachen Erklärungen schützen. Oder, und das will ich hiermit tun, auch eine bieten. Nicht für die konkrete Nacht in Köln, sondern für die Umstände, aus denen so was erwächst.

Das Problem ist Silvester an sich.

Und damit meine ich nicht Raclette + Bleigießen + Saufen. Ich meine Silvester in Städten.

Aktuell lese ich was von den kriegsähnlichen Zuständen, die in Köln geherrscht haben sollen. Wie überraschend. Jedes Silvester, das ich einer Stadt gefeiert habe, war wie ein Stalingrad-LARP.

Raketen, die in Menschenmengen geworfen werden? Böller auf Leute? Fliegende Bierflaschen? Geschubse? Schlägereien? Erbrochenes? Panikattacken? Notärzte? Geschrei?

Das IST Silvester.

Mein Vietnam war Neujahr 2000 in Frankfurt. Konstablerwache: Leute legen Raketen flach hin, zielen auf Gruppen am anderen Ende des Platzes — Feuer. Museumsufer: Mitten im engsten Gedränge sehe ich einen Typen, der fast gelangweilt einen fetten Böller anzündet und einfach mal weiter nach vorne schmeißt. Knall irgendwo mittendrin, gefolgt von Geschrei. Mehrere Leute bekommen Panik. Das Gedränge von so vielen Leuten, dass es weder vor noch zurück geht.

(Und das Problem des Begrabschens, dem Frauen nicht nur in solchen Aufläufen ausgesetzt sind, kenne ich naturgemäß nicht, kann mir diese Steigerung nur vorstellen.)

Wenn ich jetzt also von einer “aufgeheizten Stimmung” an Silvester am Kölner Hbf lese, denke ich nur: JA WAS DENN SONST? Gab es vielleicht eine Millionenstadt in Deutschland, in deren Stadtzentrum an Silvester die Polizei und die Notärzte gelangweilt dasaßen? (Ich glaube, es liegt daran, dass Silvester keinen eigentlichen Zweck hat. Andere Massenveranstaltungen wie Fußballspiele, Konzerte usw. locken genug Leute, die sich für die Sache an sich interessieren — Silvester ist Partykrawall by design.)

Nein, damit will ich nicht sagen, dass man einfach fernbleiben muss, überhaupt nie unter Leute gesehen soll und dann passiert einem nichts, und nein, ich will auch nicht die konkreten Gewalttaten in Köln relativieren. Ich will nur sagen, dass von vornherein klar war, dass das eine krawallige Nacht wird, und das wurde von kriminellen Gruppen für ihre Zwecke ausgenutzt. So wurde dann ein sowieso explosives Großstadt-Silvester, das aufgeladen ist mit Aggression und Alkohol, noch größer, ekliger, gefährlicher.

Jaaa, eben, und es wird ja auch alles immer schlimmer!, höre ich dann die Couchapokalyptiker, die in jungen Jahren an Silvester ganz sicher im Rollkragenpullover bei der Oma vorm Fernseher gesessen haben und sich niemals tierisch zugesoffen und daneben benommen haben. Es wird nicht “immer schlimmer”. Silvester in Menschenmassen ist eine Horrorveranstaltung, die fast überall eskaliert.

Und zu der ich persönlich mehr als nur eine Armeslänge Abstand halte.

Posted in Leben, Politik.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.