Millionär

Ich stehe auf dem Hoherodskopf vor der Gaststätte, warte auf die Familie und gucke aufs Smartphone.

Ein älterer Herr nähert sich mir. Er hebt die Hand und deutet auf mein Moto X. “Des is des liebste Spielzeug der Deutschen!”, ruft er aus, nicht anklangend, eher entschlossen, seine Meinung der Welt mitzuteilen. Was man auch an der hessischen Klangfärbung merkt.

“Naja”, sage ich, “ist jetzt nicht mehr so ungewöhnlich.”

“Ich hab des net! Aber Sie sehe ja auch aus wie’n Millionär.”

Nun, ich träge eine stinknormale Jacke, meine älteste Jeans und einen Kapuzenpulli, der ungefähr aus der Zeit stammt, als Motorola noch für Klapphandys bekannt war. “Haha. Ich bin armer Künstler.”

“Künstler? Un was mache Sie für Kunst?”

Ich erwäge, ihm zu erklären, dass ich in erster Linie Texte für Computerspiele schreibe, wie sie auch auf solchen Spielzeugen laufen, die in seiner Wahrnehmung nur Millionäre besitzen, aber denn wähle ich das hochtrabendste Wort, das mir einfällt:

“Schriftsteller!” Er muss ja nicht wissen, dass letztens eines meiner Bücher vom Markt genommen wurde.

“Hab ich Sie die Woch’ im Fernseh’ gesehe?”

“Nee”, sage ich, “die Woch’ net.”

Aber diese Woche war ein Schriftsteller im Fernsehen, der so ausgesehen hat wie ich, beharrt er.

Ich beharre darauf, es nicht gewesen zu sein.

Wir merken, dass wir uns in dieser Hinsicht nicht einig werden. Er hat Hunger und muss in die Gaststätte, ich habe noch wichtige Millionärsdinge auf meinem Smartphone zu erledigen.

Posted in Leben.

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