Marathon auf tönernen Füßen

Ein Kopfschüttler

Als der Golem in die Startaufstellung ging, machten die anderen Läufer ihm Platz und hielten auch noch Abstand, als er den Sitz seiner Startnummer auf der tönernen Brust kontrollierte (die Stecknadeln waren fast abgebrochen, als er sie in den Ton gerammt hatte, aber nun saßen sie fest). Die anderen Läufer schienen sich auszumalen, zu welchen Schwingern seine riesigen Arme ausholen würden, wenn er losrannte. Der Golem ignorierte die anderen. Er würde sein eigenes Rennen laufen, der Zeittabelle folgen. Die Zahlen hatte er in seinen Arm geritzt. Langsam anfangen, sagte er sich, vielleicht die zweite Hälfte des Marathons sogar etwas schneller als die erste laufen.

Es war der erste Marathon des Golems. Sie hatten versucht, es ihm auszureden. Du bist ein Golem, hatten sie gesagt, du bist für Kraft ausgelegt, nicht für Langstrecke. Geh lieber ins Fitnessstudio. Doch der Golem hatte sich das Ziel gesetzt, einen Marathon zu laufen, monatelang dafür trainiert.

Der Startschuss erklang weit vorne. Instinktiv machte der Golem einen Schritt nach vorne, ließ den Asphalt unter sich erbeben, und vor ihm erschrak die Wand der Läufer, versuchte Platz zu machen, doch so weit hinten im Starterfeld bewegte sich noch nichts. Erst nach einigen Minuten setzte das Feld sich in Bewegung. Der Golem schämte sich für seinen Anfängerfehler.

Auf eine Pulsuhr hatte der Golem verzichtet. Erstens war kein Armband groß genug, um bei ihm zu passen, zweitens hatte er sowieso keinen Puls. Er wollte nach Gefühl laufen (und hoffte auf viele Uhren am Straßenrand).

Auf den ersten Kilometern hatte er Probleme, seinen Rhythmus zu finden. Die anderen Läufer hielten immer noch gebührend Abstand, und weil er fast drei Meter groß war, hatte er beste Sicht. Ab Kilometer 4 begann er, den Lauf zu genießen. Doch schon bei Kilometer 14 traten Verschleißerscheinungen auf.

Es war ein sonniger Tag. Zu warm. Sein Ton trocknete aus. Und er hatte bislang die Verpflegungsstationen ignoriert, schließlich trank und aß er nichts. Doch nun fühlte er, wie seine Gelenke knirschten. Er drohte zu dehydrieren! Bei Kilometer 15 schüttete er einen Wasserbecher nach dem anderen über sich, und die Erfrischung trat augenblicklich ein. Mit einem Strahlen in seinem Felsengesicht überquerte er die Halbmarathonmarke.

Bei Kilometer 27 bemerkte er, dass er Stücke verlor.

Vielleicht war sein Körper doch nicht für Langstrecke ausgelegt, dachte er und nahm an einer Verpflegungsstation mehrere Tuben Kohlenhydratgel, presste sie aus und verteilte die Paste an den brüchigen Stellen, in der Hoffnung, die zuckrige Mischung würde ihn über die Distanz retten.

Dass er beim Rennen immer mehr Tonstücke zurückließ, denen die anderen Läufer ausweichen mussten, hatte den Vorteil, dass er leichter wurde. Aber bei Kilomter 36 lief er gegen die Wand. Wortwörtlich. Er hatte eine Abbiegung verpasst. Wertvolle Zeit verstrich, während er im Schatten eines Baums seine Beine wieder anklebte, mit der Hilfe von Anwohnern, die sogar Schnellbeton anrührten.

Die letzten Kilometer waren eine Qual. Er musste mit seinen Armen seinen Oberkörper zusammenhalten und so kleine Bewegungen machen, dass seine Beine nicht wieder abbrachen oder er die Füße verlor.

Doch er schaffte es. Er kam ins Ziel. Persönliche Bestzeit. Er erhielt seine Medaille, aber das Band passte nicht über seinen Kopf, also arbeitete er sie in seine tönerne Brust ein.

Als Breitensport hat sich Marathon in Golemkreisen trotz dieses heldenhaften Auftritts nicht durchgesetzt, weswegen nach wie vor Manager in der Midlife-Crisis den größten Teil der Starter ausmachen.

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