Geistige Gesundheit in der Ära Trump

Ich bin im Kalten Krieg im Zonenrandgebiet aufgewachsen, in der Nähe von Fulda. Hier vor meiner Haustür im Wald war ein Lager der NATO. Schwer bewacht, nachts hell erleuchtet. Was genau sich dort befand, wusste niemand, aber man munkelte von Atomwaffen. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter sagte: “Naja, wenn es wirklich mal knallt, sind wir wenigstens gleich weg.”

Das war trotzdem kein ganz so beruhigender Gedanke für einen 12jährigen.

Soweit ich weiß, waren dort in Wirklichkeit keine Atomwaffen eingelagert, nur Versorgungsmaterial für den Fall, dass die Sowjetmächte durch den “Fulda Gap” einfallen, um Richtung Rhein-Main zu ziehen.

Oh, ich weiß.

Den Trump kann man doch nicht mit dem Kalten Krieg vergleichen! Überhaupt sollte man den doch erst mal machen lassen und … Moment, er hat ja jetzt schon ein paar Wochen hinter sich. Waren die ermutigend, dass alles doch nicht so schlimm wird?

Nein. Ich halte ein Grundgefühl der schreienden Panik im Moment für angemessen. Aber weil Panik auf Dauer recht ermüdend ist, muss man irgendwie lernen, diese Zeit zu überstehen, ohne durchzudrehen. Sicher, man kann einfach sagen: der Trump ist weit weg, geht mich doch nix an. Aber auch wenn wir in Osthessen nun nicht mehr Zonenrandgebiet sind, muss man festhalten: Durch die Globalisierung ist die GESAMTE WELT ein Zonenrandgebiet an der Grenze zwischen Venus und Mars geworden. Heutzutage sind vielleicht nicht mehr US-Soldaten in Osthessen stationiert, aber die Folgen eines Konflikts, den der orange Sauron auslöst, wären global.

Es ist eine Ära, machen wir uns nichts vor. Die USA werden sicher an dem, was jetzt gerade passiert noch lange knabbern, und ich hoffe, dass die unmittelbaren Folgen für Deutschland nicht so heftig ausfallen. Es ist ja immer schön, wenn die Weltpolitik vor der eigenen Haustür überhaupt nicht spürbar ist, aber das könnte so ein Fall werden, wo der Sand nicht tief genug ist, um den Kopf und den Rest des Körpers reinzustecken.

Mich hat jedenfalls seit Ende letzten Jahres eine heftige Ruhelosigkeit erfasst, die drohte, mich zu lähmen und in eine Scheißegal-Stimmung zu stürzen. Aber ich habe entschieden, dass ich das nicht zulassen will. Ich kenne diese Stimmung aus erster Hand, sie ist doof.

Also habe ich anerkannt, dass ich nicht im luftleeren Raum existiere, sondern mehr MACHEN will, und zwar da, wo ich lebe. Das wird Trump Vader nicht gleich aus dem Amt entheben, aber ist meiner geistigen Gesundheit zuträglich. Sich aus egoistischen Gründen zu engagieren, mag paradox klingen, aber immerhin haben alle was davon.

WAS genau man macht, um nicht in Starrheit zu verfallen, bleibt jedem selbst überlassen, denn jede Tätigkeit hat genau den Sinn, den man ihr selbst zugesteht. Einige treten in eine Partei ein, andere brauchen einen Star-Trek-Stammtisch, andere den Sportverein, andere die Gilde bei “World of WarCraft”, andere machen einen Sport nach Wahl, andere lesen das Gesamtwerk von Terry Pratchett, andere gehen tanzen …

Das Beste daran ist: man kann das beliebig kombinieren! Wichtig ist nur, genau das zu tun, was einem hilft, die geistige Gesundheit in dieser wirren Zeit zu behalten. Man muss bereit sein, der Täuschung zu erliegen, man könne die ganze Welt ändern, wenn man nur in seinem eigenen Leben etwas aktiver ist.

Dabei ist aber der wichtigste Punkt derjenige, welchem wir Introvertierten sowieso folgen: man muss auch Dunkelheit zulassen, man muss auch mal die Decke über den Kopp ziehen, man muss auch verzweifeln. Denn das hilft, dann wieder den Arsch hochzubekommen und mit neuer Energie diesen winzig kleinen eigenen Dunstkreis zu verbessern, in dem man lebt.

Posted in Leben, Politik.

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