Für wen ich Lesungen an Schulen halte

Im Vergleich zu Kolleginnen und Kollegen, die überwiegend Kinder- und Jugendbücher schreiben und auf bis zu 300 Lesungen pro Jahr kommen (!), halte ich wenige Schullesungen. Seit einigen Jahren fahre ich fünf Tage in die Ostschweiz und bin dann jeden Tag an einer anderen Schule, und gelegentlich halte ich in Deutschland eine Lesung. Insgesamt komme ich nun auf ca. 100 Schullesungen. Anfangs habe ich aus meinem Jugendkrimi vorgetragen, aber inzwischen habe ich eine interaktive Kurzgeschichte geschrieben, die auf dem Roman basiert, und anhand der Geschichte erzähle ich auch, wie Storytelling in Computerspielen funktioniert.

Der Zweck einer Lesung an Schulen ist Leseförderung. Die Kinder und Jugendlichen sollen animiert werden, mal ein Buch in die Hand zu nehmen. Vielleicht funktioniert das auch. Keine Ahnung. Aber daran denke ich nicht, wenn ich die Lesung halte, und ich schaue oft genug in die Gesichter von Schülern, die noch nie freiwillig gelesen haben und es niemals tun werden, egal wie sehr ich mir einen abhampele. (Von denen bekommt man am Ende der Lesung einen besonders lang anhaltenden, hämischen Applaus, dass endlich alles fertig ist.)

Solche Lesungen halte ich für die stillen Schülerinnen und Schüler.

Die sitzen schweigend da und hören zu. Wie wahrscheinlich auch sonst in ihrem Leben. Sie verpassen keinen Wimpernschlag, und ich sehe in ihren Augen, dass sie voll dabei sind. Kein Getratsche. Kein Gekichere.

Wenn die Lesung fertig ist, strömen die meisten Schüler lautstark plappernd raus. So schnell wie möglich. Aber einige von ihnen kommen dann noch mal zu mir. Sie sagen, dass sie selbst schreiben. Ich ahne, dass sie nicht gerade die Coolsten auf dem Schulhof sind. Wir reden übers Geschichtenerzählen, wo man etwas veröffentlichen kann, wie man Texte überarbeitet. Dafür nehme ich mir Zeit, denn ich weiß, dass dieses Gespräch mehr bewirken können als die 100 Lesungen zusammen. Vielleicht gibt es Schülerinnen oder Schüler, die aus diesem Gespräch etwas mitnehmen, was sie weiterschreiben lässt, was sie nicht den Mut verlieren lässt.

Dafür hat es sich schon gelohnt.

Posted in Freiberufler.

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