Die artgerechte Haltung eines „Game Writers“

Transkript des Vortrags, der im Mai 2016 auf der Zoologen-Fachtagung “German Dev Days” gehalten wurde.

Liebe Naturfreundinnen und Naturfreunde, liebe Zoologen und Biologen, liebe Entwickler und Entwicklungshelfer.

Ein neuer Tag bricht an im Spieleentwicklerland.

Nur langsam steigt die Sonne über den Horizont, taucht Konsolen, PCs und Virtual-Reality-Brillen in goldenes Licht. Die ersten Stunden des Tages sind von Frieden erfüllt, wenn die Kreaturen der Nacht gerade erst ihre Crunchtime beendet haben und nach Hause gewankt sind. Nur langsam erwacht in der Developersteppe das Leben, und mit jeder Minute wagen sich mehr Wesen aus ihrem Bau, erfüllen neue Geräusche die Luft. Surrend fahren Rechner hoch, Passwörter werden klackernd eingegeben, erste Kaffeemaschinen verbreiten ihren lebenswichtigen Nektar.

In diesen frühen Stunden sind nur wenige Wesen im Spieleentwicklerland schon dabei, ihr Tagwerk zu verrichten. Sie versuchen, im Schutze der Morgendämmerung ungestört und ungefährdet von Publishern und Producern etwas echte Arbeit zu leisten, statt ihre Zeit in kräftezehrenden Skype-Calls und Meetings zu verschwenden und sich damit für ihre Fressfeinde angreifbar zu machen. Im Vergleich zu anderen Ländern dauert es länger, bis das Spieleentwickerland ganz mit Leben erfüllt ist.

Das Spieleentwicklerland ist das Madagaskar unter den Kreativberufen. Ungeplante Verschiebungen von kreativen Kontinentalplatten haben dazu geführt, dass die Wesen, die dieses einmalige Land bevölkern, sich zum großen Teil unabhängig von anderen Berufen entwickeln konnten. Erst durch teils gewaltsame Eroberungen finanzieller Conquistadoren kam es Ende der 70er und Anfang der 80er dazu, dass das Spieleentwicklerland sich mit anderen Berufsarten vermischte.

Heute ist das Spieleentwickerland bedroht, denn die Artenvielfalt, die es so besonders macht, nimmt immer weiter ab. Und viele Lebensformen können nur im Spieleentwicklerland existieren. In anderen Ländern wie dem Banken- oder Versicherungsland wären sie überhaupt nicht lebensfähig, würden bald aus ihrem Rudel ausgestoßen und müssten verhungern. Eines dieser Wesen ist — der Game Writer.

Dazu direkt der Hinweis: Ich rede heute von “dem Game Writer”, aber natürlich ist das als Gattungsbezeichnung geschlechtsneutral zu sehen. Was ich erzähle, gilt für die Männchen gleichermaßen wie für die Weibchen unter den Game Writern. Wir Zoologen tauschen uns dazu intensiv mit führenden Linguisten aus, aber bislang haben wir noch keine einvernehmliche Lösung finden können.

Von allen Kreaturen, die im Spieleentwicklerland leben, sind Game Writer die Wesen, um die sich die meisten Mythen ranken. Das liegt daran, dass sie lange Zeit für Fabelwesen gehalten wurden.

Friedrich Justin Bertuch, Bilderbuch für Kinder, 1790–1830, Fabelwesen 2. (Quelle: Wikimedia Commons)

Ihre gesamte Existenz wurde angezweifelt. Erste Forscher beobachteten im Spieleentwicklerland die Programmierer, die in großen Herden majestätisch durch die Steppe zogen. Sie sahen die zahlreichen Grafiker mit ihrem bunten Gefieder über den Himmel ziehen. Sie sahen die Musiker, deren liebliche Töne die Luft erfüllten. Aber Wesen, die im Spieleentwicklerland das geschriebene Wort jagten, waren nicht auszumachen. Erst nach vielen Jahren, in denen man nur einige Indizien gefunden hatte, dass es eine solche Gattung überhaupt gab, entdeckte man unwiderlegbare Beweise, dass Game Writer nicht nur Legenden bevölkern, sondern auch das Spieleentwicklerland, selbst wenn dort ihre Population immer gering war. Und diese Beweise fand man in einer Region des Spieleentwicklerlandes, die voller Gefahren ist: in der Meta-Ebene!

Diese Ebene, die sich weit am westlichen Ende des Spieleentwicklerlandes befindet, ist trügerisch. Es scheint leicht zu sein, sie zu durchqueren, sogar erobern zu können, doch die meisten Lebewesen des Spieleentwicklerlandes meiden die Meta-Ebene, weil sie instinktiv fühlen, dass dort Herausforderungen lauern, die sie nicht bewältigen können. So ist es immer wieder zu beobachten, dass fahrlässige Programmierer, Grafiker und Leveldesigner sich in die Meta-Ebene vorwagen, doch kaum jemand von ihnen kehrt lebend zurück.

Erst heute wissen wir, dass die Meta-Ebene der natürliche Lebensraum der Game Writer ist. Sie können sich dort nicht nur ungefährdet bewegen, sie bringen auch eine reiche Ausbeute an Worten von dort mit. Und davon profitiert die gesamte Biosphäre des Spieleentwicklerlandes.

Writer der unterschiedlichsten Arten gab es schon immer viele. Ihre Population ist global gesehen sehr stabil. Und heute, wo das Spieleentwicklerland sich im regen Austausch mit anderen Teilen der Welt befindet, mischen sich auch Game Writer immer wieder unter sie. Ja, oft sind sie sogar von normalen Writern kaum zu unterscheiden. Aber das war nicht immer so. Aufgrund ihrer Herkunft aus dem Spieleentwicklerland weisen sie viele eigenständige Merkmale auf, die die Writer im Buchland oder im Filmland gar nicht besitzen. Böse Zungen behaupten, dass diese anderen Writer die echten Writer seien und Game Writer nur ihre minderwertigen Mutationen — eine Laune der Natur, die auf Dauer auf sich alleine gestellt nicht lebensfähig ist.

Stammbaum

Die evolutionstechnische und genetische Einordnung von Game Writern ist immer noch schwierig:

 
Von Evolution_of_dinosaurs_by_Zureks.svg: Zureksderivative work: Woudloper (talk) — Evolution_of_dinosaurs_by_Zureks.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6321464 — hochwissenschaftlich erweitert vom Autor dieses Texts

Viele ihrer Gensequenzen sind mit anderen Writern identisch, außerdem sind Writer als genügsame Wesen in der Lage, auch Dürreperioden zu überstehen oder in kargen Umgebungen zu überleben. Ja, sie sind flexible Kreaturen, die sich den Gegebenheiten vor Ort anpassen müssen, denn sonst wären sie längst ausgestorben. Im Spieleentwicklerland, dem eigentlichen Biotop für Game Writer, ist ihr Fortbestand leider gefährdet. Deswegen habe ich Sie heute hierher einberufen: um bei Ihnen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es um mehr geht als nur um die Worte in Ihren Spielen. Es geht darum, dass die Artenvielfalt in Ihren Firmen erhalten bleibt und keine Monokolturen entstehen. Denn diese sind es, die langfristig zum Aussterben verdammt sind. Wenn wir uns gemeinsam anstrengen, kann es uns gelingen, dass Game Writer sich erfolgreich fortpflanzen und ihr Bestand wächst — nicht nur im Spieleentwicklerland.

Hege und Pflege eines Game Writers

Vielleicht überlegen auch Sie, sich einen Game Writer für Ihre Firma anzuschaffen, weil sie gehört haben, dass diese immer freundlich sind, sich gut in ihr Team einfügen und keine großen Kosten verursachen. Aber vielleicht haben Sie auch von Ihren Kolleginnen und Kollegen genau das Gegenteil gehört: Game Writer, die überhaupt nicht mit Teamkollegen auskommen, deren Schuhe zerbeißen, sich halsstarrig verhalten, viel Aufmerksamkeit verlangen, viel Pflege bedürfen und überhaupt viel mehr Arbeit machen als gedacht und dann auch noch beleidigt sind, wenn die Geschichte nicht so im Spiel umgesetzt wird, wie sie es sich ausdenken.

Ich möchte Sie dazu ermutigen, es mit einem Game Writer zu probieren. Sie können mit einem viel Freude haben, wenn Sie wissen, wie Sie mit ihm umgehen. Viele von ihnen sind sogar intelligent genug, mit Werkzeugen umzugehen, sogenannten “Tools”. Sie müssen nur Geduld aufbringen, den Game Writer mit kleinen Leckerli zu belohnen, wenn er die richtige Checkbox anklickt, damit er nicht entmutigt wird.

Wenn Sie also den Schritt wagen wollen, einen Game Writer zu halten, müssen Sie zuerst wissen, wie Sie ihn fangen.

Title: “Passenger Pigeon Net, St. Anne’s, Lower Canada”. Watercolour and pen and black and brown ink on wove paper. (Quelle: Wikimedia Commons)

Keine Sorge — Sie müssen sich dazu nicht gleich in die Meta-Ebene begeben. Es genügt, wenn Sie einen Köder in Form einer Stellenanzeige auslegen. Da Game-Writer-Jobs sehr selten ausgeschrieben werden, können Sie davon ausgehen, dass in kurzer Zeit eine Vielzahl neugieriger Game Writer daran schnüffeln werden. Doch es sind scheue, misstrauische Wesen, deren Überlebensinstinkt besonders stark ausgeprägt ist und die schnell eine Falle wittern. Dann kann auch ihr angeborener Fluchtreflex greifen. Seien Sie in der Ausschreibung also gleich ehrlich. Zudem sind Game Writer von Natur aus sehr Wort-affin. Stellen Sie sich also auf ausufernde Diskussionen im Vorfeld und beim Bewerbungsgespräch ein, sobald ein Game Writer so viel Vertrauen zu Ihnen fasst, dass er tatsächlich mit Ihnen kommuniziert.

Nicht zu empfehlen ist der Versuch, einen Game Writer in freier Wildbahn zu fangen und diesen eigenständig zähmen zu wollen. Auf Zwang und Druck reagieren Game Writer in der Regel mit Aggression, für die soziale Medien als Ventil benutzen, oder mit einem langgezogenen Heulen, das andere Game Writer zur Hilfe rufen soll, was allerdings wenig bringt, weil es in der Regel nur wenige Game Writer in unmittelbarer Nähe gibt. Sollten Sie trotzdem diesen Weg gegangen und damit gescheitert sein, einen Game Writer zu zähmen, wildern Sie ihn in der Nähe der nächsten öffentlichen Bibliothek aus. Sein Instinkt wird ihn dorthin führen, und wenn ihn die Gefangenschaft bei Ihnen nicht zu sehr traumatisiert hat, wird er bald wieder in der Lage sein, eigenständig Wörter zu jagen und vielleicht sein Glück in anderen, weniger anspruchsvollen Bereichen versuchen, zum Beispiel in der Werbebranche.

Wenn Sie einen Game Writer für Ihre Firma finden, sollten Sie ihm frühzeitig ein Habitat einrichten. Nur wenn er sich wohl fühlt, wird er gute Arbeit abliefern. Dabei wäre der größte Fehler, den Sie begehen könnten, ihn in ein Großraumbüro zu stecken. Ein Großraumbüro ist für Game Writer komplett ungeeignet, selbst wenn es sich um Artgenossen handeln würde — aber seien wir realistisch: niemand von ihnen würde überhaupt so viele Game Writer anheuern, dass sie ein Großraumbüro füllen. Nein, Sie würden Ihren Game Writer mit anderen Gattungen zusammenstecken, sicher mit dem eigentlich wohlwollenden Hintergedanken, dass er sich gut integriert und mit den anderen kreativ austauschen kann. Doch mit großer Wahrscheinlichkeit würden sie dann beobachten, dass der Game Writer mit Kopfhörern über den Ohren apathisch dasitzt, ins Leere starrt und die Nahrungsaufnahme verweigert. Wenn das Amt davon Wind bekommt, handeln Sie sich großen Ärger ein.

Und bedenken Sie: das Schreddern von Küken ist gerade erst gerichtlich abgesegnet worden — das Schreddern von Game Writern ist nach wie vor verboten. (Doch ich bin sicher, dass die FDP schon Lobbybemühungen laufen hat, um das zu ändern.)

Fallen Sie also nicht auf die Kreativpropaganda irgendwelcher hipper Startups herein und versuchen Sie nicht Ihren Game Writer widernatürlich unterzubringen. Lernen Sie Ihren Game Writer näher kennen, dann werden Sie herausfinden, ob er besser in einer Einzelhaltung arbeiten kann oder ein paar Spielkameraden um sich braucht. Diese sollten natürlich ein gewisses Empfinden fürs Geschichtenerzählen mitbringen und nicht nur mit mathematischen Formeln oder Fremdworten wie “Scrum” um sich werfen.

Perfekt für Game Writer, ist ein Gehege, das folgende Bedingungen erfüllt:

  • Keine direkte Sonneneinstrahlung. Game Writer stören sich an allzu großer Hitze und Reflexionen auf dem Bildschirm. Im Winter allerdings kann eine Wärmelampe ratsam sein.
  • Nähe zu einer Tränke. Und zwar einer Kaffeetränke. Es kann Game Writer erschöpfen, wenn sie zu lange Wege bis zu einem Kaffee zurücklegen müssen. Halten Sie auch immerzu einen Notfall-Thermobecher mit frischem Kaffee für Ihren Game Writer bereit!
  • Die gesetzlich vorgeschriebenen Fütterungszeiten sind zu beachten. Stellen Sie ihm ruhig regelmäßig eine Schale frisches Obst hin. Und BiFi.
  • Beschränken Sie Meetingzeiten mit ihrem Game Writer. Gespräche kosten Game Writer viel Energie, weil sie tendenziell verschlossene Wesen sind.
  • Ein direkt an das Büro angeschlossenes Freilaufgehege ist sehr zu empfehlen, damit ein Game Writer genügend frische Luft bekommt.

Retten wir die Game Writer!

Vielleicht schrecken Sie noch davor zurück, einen Game Writer fest in ihre Firma aufzunehmen, weil sie selbst noch nicht wissen, ob sie sich so einer Verantwortung stellen können. Dann sollten sie es mit einem freiberuflichen Game Writer versuchen, den sie stundenweise aus einem der vielen Heime für ausgesetzte Autoren ausleihen und vor Ort in Ihrer Firma betreuen können oder per Home Office einbeziehen. Hier gelten die gleichen Verhaltensregeln wie für fest angestellte Game Writer. Und für viele dieser Wesen ist das sogar der bessere Weg, weil sie doch so freiheitsliebend sind.

Meine lieben Zoologen, ich weiß, dass viele von Ihnen Angst vor Game Writern haben, doch ich kann Sie beruhigen: es sind keine Raubtiere. Wenn Game Writer die Zähne fletschen und Drohgebärden zeigen, ist das in der Regel ein reiner Instinkt, ein Überbleibsel aus der Zeit, als Game Writer noch mit Mammuts gemeinsam auf die Jagd gingen. Oder diese selbst jagten. Wir sind uns da noch etwas uneinig in Wissenschaftlerkreisen, wie diverse Fossilien zu interpretieren sind.

Vielen Game Writern wird im Laufe ihres Lebens übel mitgespielt. Ihre Ideen werden ignoriert, ihre Texte umgeschrieben, ja einige geraten sogar in den gefürchteten Insolvenzsumpf, der nördlich an die Meta-Ebene angrenzt. Doch ich möchte Sie heute ermutigen, diesen possierlichen Wesen eine Chance zu geben. Game Writer können eine Bereicherung für Ihre Firma und Ihr Projekt sein. Und vielleicht werden sich ja auch irgendwann die Naturschutzvereine BIU und GAME gezielt für Game Writer stark machen.

Ich danke Ihnen.

Posted in Freiberufler, Games.

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