Der Preis des Mediums

Beim aktuellen Streit hinter den Kulissen der Buchbranche, was die E-Book-Preise betrifft, geht es eigentlich nicht um den Endpreis für Kunden, sondern um die Frage, wer wie viel Netto vom Brutto bekommt. Im Prinzip ist es genau der gleiche Streit, den man in ländlichen Gebieten wie dem meinigen beobachten kann, wenn an den Bauernhöfen die Schilder hängen: „Milchbauern brauchen einen fairen Preis! XX Cent pro Liter!“ Je älter die Schilder sind, desto geringer ist der Centpreis. Auf ganzen altern Schildern, die sonst identisch sind, steht noch „Pfennig“. Da kämpfen die Erzeuger vor allem mit den Discountern, die den Endverbraucherpreis gern so niedrig wie möglich drücken würden. Natürlich auf Kosten der Marge der Milchbauern, nicht der eigenen. Also wird geschachert, und ein oder zwei Jahre später beginnt alles von vorn. So läuft es im Moment auch zwischen einigen Verlagen und amazon bei den E-Books – nur dass nicht die Verlage die Milchbauern sind, sondern die Autoren. Aber das ist ein Thema für sich.

Ich will jetzt nicht über die Parallelen von H-Milch und Fantasy-Romanen reden, sondern über den Preis von medialen Erzeugnissen und den dazugehörigen Events. Denn bei einem Argument hat amazon in meinen Augen zu 100% Recht: E-Books sind zu teuer. Damit ich persönlich ein E-Book kaufe, das über 10 Euro kostet, müssen zwei magische Worte auf dem Cover stehen: „Stephen“ und „King“. Bei allen anderen Büchern bin ich sehr geduldig. Und habe als Leser kein Verständnis dafür, wenn ein Hardcover 20 Euro kostet und das E-Book 18 Euro. Kein bisschen. (Nein, es müssen keine 0,99-Euro-Dumpingpreise sein. Das funktioniert bei Apps, die man drei Sekunden anschaut und ohne schlechtes Gewissen wieder löscht. So möchte niemand Bücher behandelt sehen, nicht mal E-Books.)

Seien wir ehrlich: das Taschenbuch hat keine Zukunft. Spätestens wenn die Lesegeräte wasserdicht und schmutzabweisend sind, gibt es kein einziges Argument mehr für das Format. Das Hardcover, die schön gemachte Sammlerausgabe, das Geschenkbuch – das wird es noch lange geben. Aber das Taschenbuch – wer braucht das noch? Wer hat schon genug Sammlertrieb UND Platz, um sich seine ganze Wohnung mit den labberigen Druckerzeugnissen vollzustellen? Vor allem wenn es Bücher sind, die sowieso nur ein Mal gelesen werden? Das wird dann verliehen, verschenkt, vergessen – oder direkt weggeworfen.

Der Buchhandel existiert nicht im luftleeren Raum, auch wenn’s ihm manchmal gefallen würde. Und ja, natürlich hätten auch Autoren nichts dagegen, auf einer stabilen Verkaufsbasis operieren zu können, mit vielen hingebungsvollen Lesern. Aber die Zeiten haben sich geändert und – Eilmeldung – die Veränderungen sind noch im Gang. Und hören nie auf.

Schlimm, schlimm, die Leute lesen nicht mehr so viel, und ach, die Kinder, diese Kinder heutzutage, die lesen ja gar nichts mehr. Öhm, doch, denke ich, die Leute lesen, die Kinder erst recht, nur eben das, worauf sie wirklich Lust haben und nicht mehr nach den Regeln des 20. Jahrhunderts. Jedes Medium hat sich verändert. 9,99 Euro im Monat: Musikflatrate bei Spotify und anderen Anbietern für einen BERG an Musik. 8,99 Euro im Monat fürs mittlere Netflix-Paket mit einem BERG an Filmen und Serien. Klaro – beides sind Abo-Modelle. Wenn ich kündige, bleibt nichts, aber auch gar nichts zurück. Aber ich habe für einen sehr überschaubaren Preis genug Musik und Filme zur Verfügung, als ich überhaupt konsumieren kann. Und zahle deutlich weniger als früher für die beiden Medien.

Gleichzeitig gibt es bei diesen beiden Medien noch eine Konsummöglichkeit, die immer teurer wird: Konzerte und Kino. Beides lebt vom Event-Charakter, vom Rauskommen, vom Erleben, vom Dabeisein. Die Ticketpreise steigen an allen Fronten konstant, während es die Erzeugnisse im jeweiligen Medium günstig gibt und eben mit Flat-Modellen.

Bücher würden sich da gern verweigern.

Können sie aber nicht. Skoobe, Kindle Unlimited … und andere werden folgen. Schlimmer noch: Bücher haben keinen Event-Rahmen, in dem sie sich dick anpreisen lassen und weitere Einnahmequellen für die Kreativen eröffnen. Bücher haben erst dann Event-Charakter, wenn sie verfilmt werden. Und trotzdem konkurrieren sie mit den anderen Medien und der realen Welt, von der manche Leute reden.

Ein einzelnes E-Book kann nicht doppelt so viel kosten wie 30 Tage Musik oder Filme satt.

Oder anders gerechnet: Für 120 Euro kann ich 1 Jahr lang so ziemlich alle Musik hören, die es gibt – oder 6 bis 8 E-Book-Neuerscheinungen kaufen. Das ist nicht vermittelbar. („Aber die Leute gehen noch ins Kino! Das ist viel teurer!“ – Ja, wegen des Event-Charakters, den ein E-Book so gar nicht hat.)

Nun, man kann über Apple sagen, was man will, aber vor allem eine Eigenschaft hat die Firma ausgezeichnet wie kaum eine andere der letzten 15 Jahre: die Gnadenlosigkeit, sich das das eigene Geschäft kaputt zu machen. Mit dem iPod haben sie den Markt für MP3-Player beherrscht. Und dann bringen sie das iPhone, das ihnen das Geschäft kaputt macht. Zumindest anfangs. Jetzt ist das iPhone größer als der iPod jemals werden konnte.

Erst wenn der Buchmarkt den Mut hat, sich mit den E-Books selbst zu kannibalisieren, legt er die Grundlage für seine Zukunft.

Posted in Bücher, Freiberufler, Leben.

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