Würgerinitiative

Ein Kopfschüttler

“Das geht nicht weit genug!”, rief Scharkowski empört. “Wir müssen eine Würgerwehr gründen, die patrouilliert und das Gesindel von der Straße holt!” Unruhe brach im Saal aus. Die meisten der besorgten Würger unterstützten ihn lauthals. Er grinste innerlich.

Würgermeister Meinert stand auf und hob beide Hände “Ruhe ist die erste Würgerpflicht!”, rief er gegen die Menge an, doch seine Worte wurden weggespült.

Erst als auch Scharkowski sich von seinem Platz mitten im Saal erhob, wurde es leiser. “Als Vertreter der Würgerinitiative fordere ich einen Rücktritt der Würgschaft und Neuwahlen!”

“Meinert muss weg!”, rief jemand von hinten und beifälliges Grumpfen erhob sich im Saal.

“Wir müssen besonnen vorgehen und-”, setzte Meinert schwach an.

Scharkowski fuhr mit lauter Stimme dazwischen. “Man kann sich nachts ja nicht mehr auf die Straße trauen! Früher konnte man als unbescholtener Würger seinen Interessen nachgehen und heutzutage ist alles voller Polizisten! Und was tut die Würgschaft dagegen? Nichts!”

“Freie Fahrt für freie Würger!”, rief jemand von hinten, und ein anderer zischte: “Schnauze!”

Meinert setzte seine besorgte Miene auf. “Wir Würger müssen zusammenhalten und-”

Wieder wurde er von Scharkowski unterbrochen. “Das ist doch ein Hängen und Würgen!”

“Eben nicht”, rief der Mann hinten. Das Geräusch einer Ohrfeige hallte durch den Saal.

“Wir brauchen einen Neuanfang!”, rief Scharkowski. “Neuwahlen jetzt!”

“ES REICHT!”, brüllte Meinert, ging um den Tisch herum, trat zwischen die Stuhlreihen im Saal, stürmte zu Schwarkowski und legte ihm die Hände um den Hals.

Eine Leuchte

Baustelle auf der Landstraße. Eine lange Gerade. Runter auf 70, dann 50, dann Ampel.

Ich bin das erste Auto an der Ampel. Sie leuchtet nicht so richtig, aber ich meine, einen roten Schimmer zu erkennen. Außerdem kommen gerade Autos aus der Gegenrichtung durchgefahren, ergo muss ja bei mir rot sein. Ich schaue die Ampel genau an, damit das Umschalten nicht verpasse.

Hinter mir kommt ein Auto. Noch eins. Noch eins. Ein LKW. Noch ein Auto.

Es vergehen an die fünf Minuten.

Der Gegenverkehr fährt immer noch fröhlich durch. An meiner Ampel tut sich nichts.

Irgendwann kommt der Anarchist in mir durch. ICH FAHRE EINFACH ÜBER DIE AMPEL! Im Rückspiegel sehe ich, dass der Feigling hinter mir sich nicht traut. Aber der LKW schert aus und folgt mir.

Langsam fahre ich durch die Baustelle, halte neben einem Bauarbeiter und fahre das Fenster runter. “Man kann die Ampel gar nicht richtig sehen!”, rufe ich ihm zu.

Er lächelt freundlich. “Ja, ich weiß. Bei der is’ die Batterie leer.”

Ich fahre weiter, passiere die Baustelle und sehe im Rückspiegel, dass die andere Ampel gelb blinkt.

Business Development

Ich sitze im Café und übersetze fröhlich vor mich hin. Am Tisch neben mir werden Geschäfte gemacht. Wichtige Geschäfte. Ein Business-Pitch.

Der Eine ist um die dreißig und nicht ganz ein Vollblut-Hipster, aber kann sich äußerlich dem Zeitgeist nicht entziehen. Zerknittertes Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Cordhose. Ein-Woche-Bart. Seitenscheitel. Engagiert präsentiert er seine Idee, erzählt von der Community, die aufzubauen ist, und anderen wichtigen Dingen. Dabei verwendet er ein iPad und ein Smartphone.

Der Andere dürfte auf die sechzig zugehen, trägt einen Anzug mit einem bunten Einstecktuch, ein lachsfarbenes Hemd, lichtes Haar und eine goldene Brille mit dünnem Rand. Er macht sich Notizen in einem kleinen Block, mit einem blaugoldenen Kugelschreiber.

Es scheint gut zu laufen. Sie reden angeregt miteinander.

Weil ich erstens nicht aufdringlich bin und zweitens sowieso nicht vorhabe, die Geschäftsidee zu klauen (bei Geschäften ist es wie mit Romanen: die Idee ist nicht wichtig, sondern die Umsetzung), ziehe ich Kopfhörer auf.

Mir wird bewusst, dass ich als Freiberufler eine Mischung aus den beiden bin. In mir steckt dieser junge Kreative, der was aufziehen will, aber auch der nüchterne, erfahrene Geschäftsmann, der das Budget im Auge hat. Die beiden reden in meinem Kopf ähnlich miteinander. Hey, widmen wir uns doch diesem Projekt, das ist lustig, aber bringt nicht viel Geld. Aber der andere findet: Nee, investieren wir unsere Zeit lieber dort, wo es sich lohnt.

Jetzt zum Beispiel müsste ich eigentlich weiter übersetzen, aber hatte Lust, diesen Text zu schreiben.

Was hiermit erledigt ist.

Der aufbegehrende Kanalarbeiter

Ein Kopfschüttler

“Dir komm ich gleich hoch!”, rief der stinkige Kanalarbeiter durch den Abfluss der Küchenspüle herauf.

“Aber stimmt doch!”, erwiderte Hans. “Man kann sich doch heutzutage nicht mehr auf Hegel berufen!”

“Ja, auf wen denn sonst?“, hallte es aus dem Ausguss. “Soll man sich etwa ewig an Kant halten? Da muss man doch rauswachsen!”

“Aber Hegel die gesamte Wirklichkeit systemisch gedeutet!” Empört wedelte Hans mit dem Spüllappen, als könnte der Kanalarbeiter es sehen.

“Der hat die Grundlage für den wissenschaftlichen Sozialismus gelegt, der Kerl!”

“Er kann doch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, was nach seinem Tod geschieht!”

“Und diese Tränensäcke erst! So läuft doch kein ernstzunehmender Philosoph rum!”

“Das geht mir jetzt zu sehr ad hominem.” Hans steckte den Stopfen in den Ausguss, ließ Wasser einlaufen und begann abzuspülen.

Studentenleben

Ihr wisst ja gar nicht, wie gut ihr’s habt!

Mein Studium habe ich 1999 abgeschlossen und damit auch das Studentenleben. Das ist 17 Jahre her.

Ich habe in einem anderen Jahrtausend studiert!

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Marathon auf tönernen Füßen

Ein Kopfschüttler

Als der Golem in die Startaufstellung ging, machten die anderen Läufer ihm Platz und hielten auch noch Abstand, als er den Sitz seiner Startnummer auf der tönernen Brust kontrollierte (die Stecknadeln waren fast abgebrochen, als er sie in den Ton gerammt hatte, aber nun saßen sie fest). Die anderen Läufer schienen sich auszumalen, zu welchen Schwingern seine riesigen Arme ausholen würden, wenn er losrannte. Der Golem ignorierte die anderen. Er würde sein eigenes Rennen laufen, der Zeittabelle folgen. Die Zahlen hatte er in seinen Arm geritzt. Langsam anfangen, sagte er sich, vielleicht die zweite Hälfte des Marathons sogar etwas schneller als die erste laufen.

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Silvester

Bei der Diskussion über Silvester, Köln, Hauptbahnhof, Dom wird viel durcheinander geschmissen, was nicht zusammengehört. Die Folge: jeder kann eine individuelle Interpretation der eigenen, längst existierenden Agenda folgend zusammenklöppeln. Wir brauchen mehr Überwachungskamera gewesen? Diese Nacht beweist es. Die Flüchtlinge sind an allem schuld? Diese Nacht beweist es. Die Frauen sind selber schuld? Diese Nacht beweist es. Wir brauchen mehr Polizei? Diese Nacht beweist es. Eulen sind als Hauptmahlzeit ungeeignet? Diese Nacht beweist es.

Wir müssen uns bei so einem Ereignis vor trügerisch einfachen Erklärungen schützen. Oder, und das will ich hiermit tun, auch eine bieten. Nicht für die konkrete Nacht in Köln, sondern für die Umstände, aus denen so was erwächst.

Das Problem ist Silvester an sich.

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„Aber bei dir läuft’s doch gerade ganz gut.“

Diesen Satz habe ich auf der Gamescom öfter gehört.

Es ist ein trügerischer Satz. Ich muss mich dabei beherrschen, einen philosophischen Monolog zu beginnen, der „gut laufen“ im Bezug auf Außenwahrnehmung und Kontostand setzt und „gerade“ via Relativitätstheorie zu dekonstruieren. Natürlich sind die ganzen Interviews und Lesungen für meine Bücher schuld. Durch diese sieht es phasenweise so aus, als würde ich Millionen von Exemplaren verkaufen (lassen) und total berühmt sein.

Aber nur, wenn ich mal wieder im Radio zu hören bin, heißt das nicht, dass ich gerade überlege, ob ich in Gold oder Immobilien anlegen soll.

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Im Apfelbaum vor meinem Büro hat’s gedrosselt. Als müsste ich noch daran erinnert werden, dass ich im Vogelsberg lebe.

Der Kleine ganz links im Bild sieht aus wie ich nach dem Aufstehen.