„Aber bei dir läuft’s doch gerade ganz gut.“

Diesen Satz habe ich auf der Gamescom öfter gehört.

Es ist ein trügerischer Satz. Ich muss mich dabei beherrschen, einen philosophischen Monolog zu beginnen, der „gut laufen“ im Bezug auf Außenwahrnehmung und Kontostand setzt und „gerade“ via Relativitätstheorie zu dekonstruieren. Natürlich sind die ganzen Interviews und Lesungen für meine Bücher schuld. Durch diese sieht es phasenweise so aus, als würde ich Millionen von Exemplaren verkaufen (lassen) und total berühmt sein.

Aber nur, wenn ich mal wieder im Radio zu hören bin, heißt das nicht, dass ich gerade überlege, ob ich in Gold oder Immobilien anlegen soll.

Wenn ich gerade mit einem Projekt ausgelastet bin, heißt das nicht, dass das in zwei Monaten auch der Fall ist.

Weil ich nicht wehklagend durch die Gegend laufe, heißt das nicht, dass es gerade gut läuft.

Vielleicht haben Freiberufliche in dieser Hinsicht mehr Dämonen als andere, vielleicht auch nicht, wenn man sieht, wie die Rechte von Arbeitnehmern konstant abgebaut werden und ein einziger Job zum Leben kaum noch ausreicht. Aber Angestellte sind Insider, sie haben Kollegen, die im gleichen Boot sitzen. Als Freiberufler ist man immer Außenstehender und Einzelkämpfer, und es braucht Selbstbeherrschung und Optimismus, nicht zum Zyniker zu werden.

Je länger ich diesen Job mache – und es sind inzwischen schon zwölf Jahre – desto mehr glaube ich, dass ich Freiberuflichkeit etwas ist, dem man sich zu 100% verschreiben muss. Wer sich nach einer Kündigung halbherzig daran versucht, wird es langfristig nicht schaffen. Und wer sie ernsthaft angeht, sollte sich die Nachteile, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sehr bewusst machen. Man pendelt zwischen euphorischen Phasen, in denen man das Schwert in den Himmel reckt und „SIE KÖNNEN UNS DAS LEBEN NEHMEN, ABER NICHT UNSERE FREIHEIT!“ brüllt und den Phasen, in denen man nicht einschlafen kann, weil man weiß, dass die Kohle in drei Monaten aus ist, wenn sich nicht bald was tut. So extrem ist es natürlich nicht immer. Meistens ist es irgendwas zwischen „gerade läuft es ganz gut“ und „gerade läuft es ziemlich schlecht“. Und es gibt niemals eine Garantie, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.

Auf der Gamescom konnte ich davon erzählen, dass ich im Moment an tollen Spielen arbeite und gerade frische Buchkonzepte mit meiner Agentur pitche.

Ja, eigentlich läuft’s bei mir gerade ganz gut.

Gerade.

 

Posted in Freiberufler, Leben.

One Comment

  1. Hallo Falko,
    das Bild mit dem in den Himmel gereckten Schwert gefällt mir besonders gut 😉 Könnte es doch immer so sein!
    Aber ich glaube, wirklich jeder Freiberufler kennt diese Up and Downs and Downs und ich glaube, sogar mein Mann hat inzwischen begriffen, dass man vom Bücherschreiben nicht reich wird (Sorry, Schatz, wird nix mit vorzeitigem Ruhestand für dich).
    Und trotzdem würde ich nicht für eine Festanstellung tauschen wollen (oder für zwei, wie du ja richtig schriebst).
    Da hilft nur: Weitermachen und hoffen, dass der Wert kreativer Arbeit irgendwann doch mal angemesen wertgeschätzt wird.
    Schön, dass es _gerade_ gut für dich läuft! Weiter so 🙂
    LG
    Petra

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