Meine offizielle Wahlempfehlung

Wenig überraschend ist es Bündnis 90/ Die Grünen.

Ich bin letztes Jahr eingetreten, obwohl bei Politik bis dahin die neutrale, beobachtende Rolle bevorzugt habe. Das ist schön bequem, man muss sich nicht richtig entscheiden und vor allem nicht mitgestalten. Aber dann hatte ich die Schnauze voll und wollte mitmischen, damit den ganzen Brüllaffen da draußen nicht das Feld überlassen wird. Politisch aktiv zu werden war und ist für mich reiner Egoismus: ich wollte damit etwas für meine geistige Gesundheit tun, um nicht von Trumpbrexitafd-Irrsinn komplett kaputt zu gehen. Ich wollte mich nicht mehr komplett fassungs- und machtlos fühlen.

Es hat funktioniert.

Ein wenig auf der kommunalen Ebene mitmischen (Kreisvorstand), Kontakt zu Bundes- und Landtagsabgeordneten haben, in den Mailinglisten der Arbeitsgruppen mitlesen, die einen besonders interessieren, bisschen Plakate hängen und Leute im wahren Leben oder im Netz (wie hier) zutexten, fertig. Kostet Freizeit, Mühe und Nerven, aber das ist es wert. Zumindest empfinde ich es im Moment so.

Aber die Grünen, höre ich, warum gerade die etc?

Sicher – diese Partei ist alles andere als perfekt. Aber mein Einblick hinter die Kulissen zeigt mir eine lebendige Gruppe, in der auch kontrovers diskutiert wird – und die anders ist als das Klischee, das kolportiert wird. Es nervt, dass die Grünen generell die Arschkarte gezogen haben. Werden kontroverse Meinungen nach außen getragen, heißt es, die Partei sei „zerstritten“. Tritt sie geschlossen auf, heißt es: „Jetzt sind die Grünen endgültig Mainstream“. Ich persönlich brauche keine Partei, die nur einen auf Kontra macht, sondern konstruktiv mitarbeiten will. Wenn man das tut, heißt es nicht, dass man alle Ideale über Bord wirft. Und es wäre nett, wenn beispielsweise der Vorschlag, dass Gift im Essen vielleicht unterbunden werden sollten, nicht primär Überschriften wie „DIESE VERBOTSPARTEI SCHON WIEDER!“ erzeugen würde.

Nein, diese Grünen sind alles andere als perfekt. Doch das Wahlprogramm (2 MB) ist etwas, womit ich mich identifizieren kann. Nicht zu 100%, aber es ist ja nicht die Falko-Löffler-Partei. Die relevanten Punkte sind auf meiner Linie, ich kann dahinterstehen. Persönlich würde ich gern mehr Naturwissenschaft, mehr Säkularismus, mehr Humanismus sehen, aber ich bin auch deswegen eingetreten, um eine Stimme dafür zu sein.

Deswegen werde ich diese Partei wählen. Mit voller Überzeugung. Und ich freue mich über alle, die das auch tun.

Was aber ist mit denjenigen, die so sind wie ich letztens noch, die alles lieber ganz neutral aus der Beobachterperspektive verfolgen? Die vielleicht gar nicht wählen?

Ich kann es ja nachvollziehen. Es ist doch alles Mist und Merkel gewinnt sowieso, nä? Aber wir wollen doch der Welt beweisen, dass wir nicht so doof wie die USA sind, ja? Wir hocken doch nicht beleidigt daheim rum, weil wir mit der Auswahl nicht zufrieden sind, weil keine Partei perfekt ist, und überlassen den Leuten das Feld, die Zukunft nicht aus Mut, sondern aus Wut machen wollen. Jede Stimme für eine der etablierten Parteien, auch schlecht gelaunt und widerwillig und ohne grundlegende Überzeugung abgegeben, egalisiert eine Stimme der AfD.

Ja, man kann auch DIE PARTEI wählen, weil die so lustig und sympathisch und rebellisch ist, und dann kann man am Wahlabend dasitzen und über dieses ganze Theater lachen, aber es lachen am Ende auch die anderen. Und zwar lauter als alle, die nicht oder den Spaß gewählt haben. Ja, große Parteien wählen fühlt sich spießig an. Vernunft fühlt sich immer spießig an, Vernunft macht keinen Spaß, aber manchmal ist sie verdammt nötig.

Wenn diese Wahl und die kommende Regierung etwas braucht, dann genau das. Vernunft.

Ausgefunkt

Kurz vor meiner Schweiz-Lesereise musste ich feststellen, dass mein bislang einziger Jugendkrimi „Im Funkloch“ vom Markt genommen worden ist, nach sieben Jahren. So was ist immer doof, in diesem Fall strategisch ungünstig. Diese Lesereise in die Ostschweiz habe ich über den gleichen Zeitraum jährlich durchgeführt. Anfangs habe ich direkt aus dem Roman gelesen, aber in den letzten Jahren habe ich einige Szenen daraus zu einer interaktiven Kurzgeschichte gebastelt, die neun verschiedene Enden haben kann.

Konzept: Es gibt Entscheidungspunkte, an denen eine Schülerin oder ein Schüler eine Karte hochhält: rot, gelb oder grün. In der Regel ist rot eine Konfrontation und grün eine versöhnliche Geste. Die Beziehungen zu den Figuren ändern sich entsprechend. Und da ich die Geschichte mit Twine gebaut habe, konnte ich das finale HTML-File den Schülern geben, damit sie nach der eigentlichen Lesung ausprobieren können, einen anderen Weg zu gehen.

Dieses Lesungskonzept hat großartig funktioniert. Hatte ich bei normalen Lesungen immer wieder Fälle, wo es zu Unruhe oder aktiven Störungen kam, ist mir das in den drei Jahren, in denen ich die interaktive Geschichte gelesen habe, nie passiert. Im Gegenteil, selbst die Fälle, wo ich vorgewarnt wurde, es handele sich um eine „schwierige“ Klasse, waren meistens aufmerksam, weil sie schließlich schwerwiegende Entscheidungen zu treffen hatten. 😀

Nun – ich muss wohl nicht eigens erwähnen, dass „rot“ die mit Abstand beliebteste Karte war. Ich schätze, in ungefähr der Hälfte der Fälle war das schlechtestmögliche Ende der Geschichte der Ausgang. Sehr zur Begeisterung der Schüler.

Diese Lesung werde ich nicht mehr halten. Und ehrlich gesagt kann ich die Geschichte nach ca 100 Schullesungen auch selbst nicht mehr sehen.

Aber es wäre verlockend, eine ganz neue Geschichte speziell für Schullesungen zu bauen … vielleicht im Tandem mit einem ganz neuen Jugendbuch?

Und was „Im Funkloch“ angeht … natürlich werden irgendwann die Rechte an mich zurückfallen, und natürlich möchte ich es dann wieder zumindest digital rausbringen.

Eiscafé, sonniger Nachmittag

Ein Paar kommt. Sie ist sichtlich schwanger. In einer Ecke ist noch ein Tisch frei. Beide setzen sich hin.

Doch sie und ihr Babybauch sitzen ungünstig, weil im Luftzug des Nachbartisches, an dem ein Raucher sitzt.

Sie wirft dem Sitznachbarn pikierte Blicke zu, die dieser nicht bemerkt. Dann tuschelt sie mit ihrem Kerl. Der scheint es auch so zu sehen. So geht das nicht. Kann doch nicht sein, dass die schwangere Frau im Zigarettenqualm sitzen muss.

Beide stehen auf und tauschen die Plätze.

Besser.

Und er greift in die Tasche, holt Zigaretten raus und zündet sich eine an.

Geistige Gesundheit in der Ära Trump

Ich bin im Kalten Krieg im Zonenrandgebiet aufgewachsen, in der Nähe von Fulda. Hier vor meiner Haustür im Wald war ein Lager der NATO. Schwer bewacht, nachts hell erleuchtet. Was genau sich dort befand, wusste niemand, aber man munkelte von Atomwaffen. Ich kann mich erinnern, dass meine Mutter sagte: “Naja, wenn es wirklich mal knallt, sind wir wenigstens gleich weg.”

Das war trotzdem kein ganz so beruhigender Gedanke für einen 12jährigen.

Soweit ich weiß, waren dort in Wirklichkeit keine Atomwaffen eingelagert, nur Versorgungsmaterial für den Fall, dass die Sowjetmächte durch den “Fulda Gap” einfallen, um Richtung Rhein-Main zu ziehen.

Oh, ich weiß.

Den Trump kann man doch nicht mit dem Kalten Krieg vergleichen! Überhaupt sollte man den doch erst mal machen lassen und … Moment, er hat ja jetzt schon ein paar Wochen hinter sich. Waren die ermutigend, dass alles doch nicht so schlimm wird?

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Wie man garantiert erfolgreiche(r) SchriftstellerIn wird!

  1. Schreiben ist reines Talent. Niemand darf einfach schreiben und durch Übung besser werden. Das Gesetz verlangt, dass so etwas “in die Wiege gelegt” worden sein muss. Sie sollten also zunächst Ahnenforschung betreiben, um herauszufinden, welche Ihre Vorfahren Schriftsteller waren oder schrifststellerähnliche Berufe ausgeübt haben (Buchhalter, Hofnarr, Höhlenmaler). Ist das nicht möglich, lassen Sie von einer Genetik-Firma eine DNA-Analyse machen. Weisen Sie darauf hin, dass Sie bereit sind, eine besonders hohe Gebühr bezahlen zu wollen, wenn bei Ihnen das Schriftsteller-Gen gefunden wird. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es dann passieren. Sollte das alles nicht zum gewünschten Ergebnis führen, heuern Sie ein Medium (“Medium”, haha) an, um eine Geistesverwandtschaft mit einer berühmten Schrifstellerin oder einem Schriftsteller Ihrer Wahl feststellen zu lassen. Verhalten Sie sich fortan wie die gefundene Person. (Allerdings dürfen Sie gern älter werden als Novalis oder Keats und wenn Sie es nicht vertragen, dürfen Sie auch weniger trinken als Hemingway.)
  2. Wenn Sie beschlossen, haben, erfolgreiche(r) SchriftstellerIn zu werden, sollten Sie sofort allen Leuten davon erzählen. Beginnen Sie unverzüglich damit, Ihrem direkten Umfeld davon zu berichten, dass Sie ein Buch schreiben wollen. Lassen Sie sich nicht davon verwirren, wenn die Leute fragen, was es denn für ein Buch werden soll. Sie haben beschlossen, es zu schreiben, das ist der wichtigste Schritt. Sie sind jetzt SchriftstellerIn! Das heißt ja nicht, dass Sie wirklich was schreiben müssen.
  3. Legen Sie auch sofort eine Autorenseite bei Facebook an und laden Sie so viele Leute wie möglich ein, diese zu liken. Lassen Sie die Seite nicht einschlafen und posten Sie jeden Tag mindestens drei Sachen (1x einen Sinnspruch, den Sie sich selbst ausdenken, idealerweise als teilbares Bild, 1x Ihren Schreibfortschritt in Prozent, 1x den Wetterbericht).
  4. Wenn Sie keine Katze haben, kaufen Sie eine. SchriftstellerInnen posten Katzenbilder.Wenn Sie keinen Schreibfortschritt verzeichnen können, ist ein Katzenbild eine gängige Alternative. Versuchen Sie, die Kosten für Katzenfutter als Betriebsausgabe von der Steuer abzusetzen.
  5. Lassen Sie ein repräsentatives Autorenfoto machen. Besonders ratsam ist die Denkerpose. Heuern Sie dafür mehrere professionelle Fotografen an. Posten Sie alle Bilder bei Facebook, machen Sie ein Event aus der Abstimmung.
  6. Verwenden Sie viel Sorgfalt auf die Wahl Ihres Schreibgeräts. Es darf Ihrer Kreativität auf keinen Fall im Weg stehen. Sie möchten doch nicht Scheitern, bloß weil Sie den falschen Füller oder die falsche Textverarbeitung benutzen! Finden Sie zunächst heraus, ob Sie analog (per Hand oder mit klassischer Schreibmaschine) oder digital schreiben wollen. Ist Ersteres der Fall, sollten Sie sich nicht von hochnäsigen Verlegern verwirren lassen, die keine handgeschriebenen Manuskripte annehmen wollen. Mit derart unprofessionellen Verlagen sollte ein Genie wie Sie überhaupt nicht zusammenarbeiten. Wenn Sie am Rechner arbeiten wollen, evaluieren Sie ausführlich jede Kreativsoftware, die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Außerdem sollten Sie besonders viel Sorgfalt bei der Wahl Ihrer Tastatur walten lassen. Vielleicht kommen Sie nur in den Flow, wenn Sie auf Tasten aus Elfenbein tippen? Finden Sie es heraus.
  7. Als erfolgreiche(r) SchriftstellerIn dürfen Sie sich ruhig den ein oder anderen Spleen erlauben, ja es ist im Sinne des Aufbaus Ihres Namens als Marke sogar ratsam. Sie müssen lange vor der Veröffentlichung Ihres Buches ein scharfes Profil da draußen haben, sonst gehen Sie in der Masse unter. (Überhaupt ein großes Problem, dass nicht nur Naturtalente wie Sie schreiben, sondern dass inzwischen alle möglichen Leute etwas rausbringen. Frechheit!) Legen Sie sich ein extravagantes Hobby, einen unverwechselbaren Kleiderstil und eine Anti-Frisur zu.
  8. Schreiben Sie.
  9. Bekommen Sie eine existenzielle Krise.
  10. Lassen Sie sich höhnisch von Ihrer Katze anschauen.
  11. Geben Sie auf.
  12. Fangen Sie wieder an.
  13. Füttern Sie die Katze.
  14. Schreiben Sie weiter.

Hoffnungslos

Es heißt, man dürfe diese Leute nicht in eine Ecke stellen. Man müsse mit ihnen reden, um ihre Perspektive zu verstehen. Nicht alle von ihnen sind so radikal, wie sie klingen. Sie sind nur besorgt, weil alles nicht mehr so ist wie früher, weil die Dinge sich verändern.

Sie fühlen sich im Stich gelassen und meinen, man werde doch wohl noch sagen dürfen, wenn man etwas nicht gut findet, und sie wollen, dass ihre Meinung ernst genommen wird, wenn sie diese der Welt mitteilen. Der Mainstream tickt anders als sie, und sie glauben von sich, dass sie unbequeme Wahrheiten aussprechen.

Es stimmt wohl. Wir müssen mit diesen Leuten reden. Wir können sie nicht ignorieren und nicht ausschließen. Auch ich versuche, ihre Perspektive nachzuvollziehen.

Trotzdem ist mir schleierhaft, wie man “Rogue One” nicht mögen kann.

Ihr Verbreiter von Hass in sozialen Medien

Ihr nervt.

Da ist dieses Bild, und darauf steht in großen Buchstaben eine hässliche Lüge, die leicht zu durchschauen wäre, wenn man sich die Mühe machen würde, sie zu hinterfragen oder zu schauen, was für Leute dieses Bildchen gemacht haben.

Doch das tut ihr nicht.

Ihr klickt sofort auf “Teilen”.

Und die Likes hämmern rein, weil ihr mit Leuten befreundet seid, die die Lüge genauso blind abkaufen, die ihre Vorurteile bestätigt sehen. Die teilen das auch fröhlich weiter.

Dann weist vielleicht jemand darauf hin, dass das Bild aus einer dunkelbraunen Ecke stammt, aber statt dass ihr es löscht meint ihr: Hey, es geht doch nur um die Aussage AN SICH! Mir doch egal, WER das da gesagt hat. Selbst wenn man darauf hinweist, dass es eine Lüge ist, dumpfe, hohle Propaganda — es kümmert euch nicht. Ihr lasst es stehen. Ihr sammelt mit dem Mist weitere Likes.

Bäm — blockiert.

Schock: Wie intolerant kann man denn sein? Man muss doch auch jenseits der Filterbubble leben und andere Meinungen respektieren! Und überhaupt, Dialog und so! Man muss doch —

Oh, noch ein Bild. Da hat aber jemand etwas Schreckliches getan! Es wird immer schlimmer in der Welt, alles geht abwärts!

“Teilen”.

ALRIGHT, AMERICA, LISTEN UP!

I’m going to bed soon.

No, I’m not staying up for an election in which I can’t vote. It’s completely out of my hands. I’d rather sleep through the mayhem of the coming hours. Every small number coming from any little state will be crunched. Correspondents will talk to Jill and Jim from Horsemeat, Michigan and try to extrapolate the trend of the whole election from their words. There will be panicky journalists standing before houses from where IMPORTANT PEOPLE will sooner or later appear to give statements that have no influence whatsoever.

I won’t be glued to the TV and the internet for this.

At least I hope I have enough willpower.

It’s a shame you’ve even come this far, America. We’ve been way past the point where Trump looked like a sensible choice. Or better: that point never existed. You’ve been played. The only thing that’s rigged about this election is how the con man knew how to use the whole system to his advantage.

BUT EMAILS BENGHAZI. Oh come on. Perspective. There’s not one sensible point why Trump should be president, but a whole lot of sensible people have spoken out for Clinton. Not because she’s simply not Trump, but because she’s Clinton. And it’s not really rocket science to see who’s the bigger liar and the bigger threat here. There’s only one candidate without even a shred of dignity, humanity and reason. Being loud and brash and ignoring facts and giving outright lies are not a wonderful traits that can shake up the system. It’s noise, it’s sick, it’s everything humanity should have overcome by now, instead of taking another step back.

In the coming hours the Trumpeteers will either want Clinton to ACCEPT HER DEFEAT RIGHT NOW, BECAUSE FACTS or they will exclaim that everything WAS RIGGED FROM THE BEGINNING AND IS UNNACCEPTABLE.

Not staying up for this.

So, I’m going to bed soon.

Please don’t let me wake up in a nightmare.

Allgemeine Löffler-Bedingungen (ALB)

Wenn wir uns irgendwo in sozialen Netzwerken verknüpfen, erkennst du die folgenden Bedingungen an:

§ 1 Geltungsbereich

Die folgenden Allgemeinen Löfflerbedingungen (ALB) gelten für alle virtuellen Interaktionen zwischen dir und mir. Sie beschreiben die Bedingungen, unter denen wir uns in den üblichen sozialen Medien vernetzen können.

§ 2 Vernetzungsabschluss

  1. Durch das Klicken von “Freund hinzufügen” oder ähnlichen Buttons (je nach Seite) schließen wir eine “Freundschaft”, die dadurch gekennzeichnet ist, das wir auf einer Internetseite vernetzt sind.
  2. Eine echte Freundschaft ist was anderes.
  3. Nur weil wir im wahren Leben gut miteinander auskommen, muss das nicht bedeuten, dass das auch im Netz funktioniert. Oder umgekehrt.

§ 3 Lieferung

  1. Beide Seiten schreiben je nach Lust und Laune etwas auf die Seite, auf der wir vernetzt sind. Auch lustige Medien jeder Art sind erlaubt.
  2. Niemand ist zu einer bestimmt Frequenz verpflichtet.
  3. Fotos vom Nahrung sind zu vermeiden (Ausnahme: Bier).
  4. Auf gegenseitiges virtuelles Gratulieren zum Geburtstag verzichten beide Seiten im stillschweigenden, alles Gute wünschenden Einvernehmen.
  5. Ironie im Netz ist schwierig und führt zu Missverständnissen. Deswegen verpflichten sich beide Seiten, sie regelmäßig einzusetzen.

§ 4 Eigentumsvorbehalt

  1. Bis zur gegenseitigen Akzeptanz von Äußerungen jedweder Art (“Like”) bleibt eine Meinung im Besitz der Person, die sie aufschreibt.
  2. Ein virtuelles Freundschaftsverhältnis heißt nicht, dass man jedes Posting in irgendeiner Form unterstützt oder auch nur toleriert.

§ 5 Widerrufsrecht

  1. Stelle ich fest, dass du mit mir nicht kompatibel bist, weil du Zeug postest, das mir im Hals stecken bleibt (politischer oder religiöser Fanatismus) oder nur belanglosen Kram (Bildchen mit Sinnsprüchen), behalte ich mir vor, dich mindestens auszublenden, vielleicht sogar zu blocken.
  2. Das gleiche Recht hast du natürlich auch.
  3. Wenn wir uns “entfreunden” oder blocken, können wir trotzdem im wahren Leben ganz gut miteinander auskommen.
  4. Unberührt davon bleibt aller Leute Recht, eine andere Meinung zu haben. Aber die darf man im echten und virtuellen Raum scheiße finden und auch so benennen.

§ 6 Haftung

  1. Jede/r ist selbst für das Zeug verantwortlich, das sie/er schreibt. Basta.
  2. Für Schäden jedweder Art durch meine Wortspiele wird keine Haftung übernommen.

§ 7 Schlussbestimmungen

  1. Gewichtsstandort ist meine Waage.
  2. Bunt ist das Dasein und granatenstark.

Millionär

Ich stehe auf dem Hoherodskopf vor der Gaststätte, warte auf die Familie und gucke aufs Smartphone.

Ein älterer Herr nähert sich mir. Er hebt die Hand und deutet auf mein Moto X. “Des is des liebste Spielzeug der Deutschen!”, ruft er aus, nicht anklangend, eher entschlossen, seine Meinung der Welt mitzuteilen. Was man auch an der hessischen Klangfärbung merkt.

“Naja”, sage ich, “ist jetzt nicht mehr so ungewöhnlich.”

“Ich hab des net! Aber Sie sehe ja auch aus wie’n Millionär.”

Nun, ich träge eine stinknormale Jacke, meine älteste Jeans und einen Kapuzenpulli, der ungefähr aus der Zeit stammt, als Motorola noch für Klapphandys bekannt war. “Haha. Ich bin armer Künstler.”

“Künstler? Un was mache Sie für Kunst?”

Ich erwäge, ihm zu erklären, dass ich in erster Linie Texte für Computerspiele schreibe, wie sie auch auf solchen Spielzeugen laufen, die in seiner Wahrnehmung nur Millionäre besitzen, aber denn wähle ich das hochtrabendste Wort, das mir einfällt:

“Schriftsteller!” Er muss ja nicht wissen, dass letztens eines meiner Bücher vom Markt genommen wurde.

“Hab ich Sie die Woch’ im Fernseh’ gesehe?”

“Nee”, sage ich, “die Woch’ net.”

Aber diese Woche war ein Schriftsteller im Fernsehen, der so ausgesehen hat wie ich, beharrt er.

Ich beharre darauf, es nicht gewesen zu sein.

Wir merken, dass wir uns in dieser Hinsicht nicht einig werden. Er hat Hunger und muss in die Gaststätte, ich habe noch wichtige Millionärsdinge auf meinem Smartphone zu erledigen.